25.04.2006 · König Gyanendra will nach wochenlangen Protesten das Parlament wieder einsetzen, doch der autoritäre Herrscher hat zu spät nachgegeben. Normalität ist in Nepal noch nicht eingekehrt, Hunderttausende feiern in der Hauptstadt. Jochen Buchsteiner berichtet aus Katmandu.
Von Jochen Buchsteiner, KatmanduErschöpft sehen sie aus, die Männer in den Polizeiuniformen. Zusammengesunken kauern sie auf kleinen Rasenstücken, dösen auf Fahrzeugpritschen, lehnen an Hauswänden, abgestützt auf ihre Schlagstöcke.
Teilnahmslos beobachten sie, wie Tausende fahnen- und fäusteschwenkend an ihnen vorbei ziehen, zu Fuß, auf Motorrädern, auf Lastern. Gestern hatten sie Order, auf jeden zu schießen, der die „Ringstraße“ an dieser Stelle überquert. Heute ist alles anders. Nach drei Wochen täglich wachsender Spannung gab der König in der Nacht zum Dienstag klein bei, worauf die Opposition ihre Dauerproteste für beendet erklärte.
Normalität ist deswegen nicht eingekehrt. Hunderttausende waren noch vor der Ansprache des Königs Richtung Katmandu aufgebrochen, um mit einer neuerlichen Massenkundgebung den Monarchen in die Knie zu zwingen. Sie bevölkern nun die Straßen der Hauptstadt, nicht in mächtigen Strömen wie in den letzten Tagen, sondern in unzähligen wirr durcheinander laufenden Haufen. Statt zu fordern, feiern sie.
„Der König soll seine Koffer packen“
Die Sieben-Parteien-Allianz, die die Proteste drei Wochen lang organisiert hatte, wollte es so. Die Demonstration wurde kurzfristig zu einer Sieges-Proklamation umgewidmet. Von „Glück“ ist zu hören, von Hoffnung auf ein Ende der Krise, aber auch Bangen und ungebremster Zorn machen sich Luft.
Sechs Männer sitzen vor einer Busstation und schauen grimmig. Einer ihrer Freunde wurde vor einigen Tagen nur wenige Meter entfernt von Sicherheitskräften erschossen. „Der König soll seine Koffer packen“, sagt einer, „er soll das Land verlassen“. Die anderen stimmen ihm zu. Es sind Busfahrer, Fahrkartenverkäufer, Mechaniker. Jeden Tag saßen sie hier und fühlten sich als Teil der Protestbewegung. König Gyanendra hat sie zu Anti-Monarchisten gemacht. „Birendra war ein guter Mann, ein großer König“, sagt Amrit Giri, ein Schweißer, „aber mit Gyandendra ist die Monarchie am Ende. Jetzt muß eine Republik kommen.“
Jahrhundertealte Tradition zerstört
Noch nicht einmal seit fünf Jahren sitzt Birendras Bruder Gyanendra auf dem Thron. In den vergangenen 14 Monaten hat er womöglich die jahrhundertealte Tradition des letzten hinduistischen Königreiches der Welt zerstört. Das absolutistische Regime, das er im Februar vergangenen Jahres putschartig begründete, kostete ihn die wenigen Sympathien, die er noch besaß. Mit den Schüssen, die er in den vergangenen Wochen auf die Demonstranten abfeuern ließ, verlor er beinahe alle Unterstützung. Der Weg zurück zur nepalesischen Normalität scheint nun verbaut.
In zwei Schüben gab er seinen aufgebrachten Untertanen nach. Am Freitag kündigte er in einer Frensehansprache an, die Macht „zurück ans Volk“ zu geben. Aber seine Aufforderung an die Sieben-Parteien-Allianz, aus ihren Reihen einen Premierminister zu bestimmen, wurde von dieser abgelehnt. Der Opposition reichte das Zugeständnis nicht.
„Trick, autokratische Monarchie zu retten“
Montagnacht schließlich, unter dem Druck einer beginnenden Demonstration, an der bis zu zwei Millionen Menschen teilnehmen sollten, akzeptierte der König die zweite Forderung der Protestbewegung. Wieder ließ er die Fernsehkameras im Palast anrücken und stellte in Aussicht, auch das Parlament wieder einzusetzen, das er vor knapp vier Jahren aufgelöst hatte. Dies war nun nicht mehr zu wenig, um die Opposition zu besänftigen - aber es kam wohl zu spät, um seinen Ruf noch zu retten.
Vor allem genügte die Ankündigung nicht, um auch die Maoisten zufriedenzustellen. Der Führer der Rebellenbewegung, Prachandra, ließ am Dienstag eine Erklärung verbreiten, in der er die positive Reaktion der Sieben-Parteien-Allianz als „historischen Fehler“ bezeichnete. Das Angebot des Königs sei ein „Trick, um das nepalische Volk zu brechen und seine autokratische Monarchie zu retten“, wetterte er.
Maoisten wollen Proteste fortsetzen
Prachandra bezog sich auf die gemeinsame Vereinbarung, die im vergangenen November das lose Bündnis mit der Parteienallianz begründet hatte. In ihr wurde eine verfassunggebende Versammlung zum Ziel erklärt. Aus Sicht der Maoisten hätten die Dauerproteste weitergehen müssen, bis der Monarch der Einsetzung einer solchen Institution zugestimmt hätte. Offenbar fürchten sie nun, daß der Prozeß ihnen entgleiten könnte und ihre Mitgestaltung in den Sternen steht. Verwirrung stiftete in Katmandu das Gerücht, daß Gyanendra vor seiner Ansprache am Montag informelle Gespräche geführt habe, in denen ihm nicht nur die Führung der Sieben-Parteien-Allianz, sondern auch der Rebellenchef versichert haben soll, seinen Vorschlägen zuzustimmen.
Am Dienstag riefen die Maoisten nun die Bevölkerung dazu auf, die Proteste fortzusetzen und die Sicherheitskräfte, die gegen die Demonstranten vorgegangen waren, zu bestrafen. Außerdem kündigten sie an, die Blockade der Hauptstadt zu verlängern, die - zusammen mit dem Generalstreik - die Versorgungslage schon heute beträchtlich verschlechtert. Die Erklärung, die sich in den Straßen Katmandus in Windeseile verbreitete, stieß jedoch auf Mißfallen.
Zumindest der Vorsitzende der Kommunistischen Partei UML, die als Bindeglied zu den Maoisten gilt, bemühte sich am Dienstag, Signale für eine weitere Zusammenarbeit auszusenden. Das Wiedereröffnung des Parlaments an diesem Freitag sei „der erste Schritt in Richtung Verfassungsversammlung“, sagte Madhav Kumar Nepal.
Die erste Aufgabe des Parlaments werde es sein, eine Resolution zu verabschieden, die sich für direkte Gespräche mit den Maoisten ausspricht. Aller Voraussicht nach werden die Abgeordneten am Freitag auch den Kompromißkandidaten der Sieben-Parteien-Allianz, den dreimaligen Regierungschef Girija Prasad Koirala, zum neuen Premierminister wählen. Ob dies schon der Einstieg in eine Beilegung des bald historischen Dreiecks-Konflikts zwischen Königshaus, Parteien und Maoisten ist, wird trotz der Feierstimmung in Katmandu mit Skepsis beurteilt.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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