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Nato-Ostflanke : In dramatischer Unterzahl

Transportpanzer des Typs Boxer auf dem Weg nach Litauen: Als Reaktion auf die Annexion der Krim sind rund 500 deutsche Soldaten an der Ostflanke der Nato stationiert. Bild: dpa

Als Reaktion auf die Annexion der Krim hat die Nato ihre Einsatzbereitschaft an der Ostgrenze erhöht. Bei einem russischen Angriff stünde sie dennoch mit deutlich unterlegenen Kräften da.

          Wenn sich in der kommenden Woche das „Who is who“ der Sicherheitspolitik in München trifft, wird die Nato-Ostflanke ein Thema unter vielen sein. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Militärstrategen des Bündnisses in trauter Runde darüber sinnierten, was ihre Widersacher jenseits des Eisernen Vorhangs im Schilde führten. Heute kreuzen sich auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Wege von Vertretern aus der ganzen Welt. Die Zahl der Reden, Diskussionen und Parallelveranstaltungen lässt sich selbst für langjährige Besucher kaum noch überblicken. Über den weltweiten Hunger wird inzwischen ebenso gesprochen wie über Migrationsströme, Klimawandel und die lichterloh brennenden Konfliktherde im Nahen Osten.

          Aber: Seit Russland 2014 die Krim annektierte und Moskau den Krieg in der Ostukraine befeuert, ist die Bündnisverteidigung wieder ins Zentrum der Sicherheitskonferenz gerückt. Die Nato hat ihre Einsatzbereitschaft an der Ostgrenze mit zusätzlichen Manövern und neu aufgestellten Truppenverbänden erhöht. Je ein multinationales Bataillon wurde nach Estland, Lettland, Litauen und Polen entsandt. Und auch eine 5000 Soldaten starke schnelle Nato-Einsatzgruppe steht bereit. Sie soll binnen Tagen in die baltischen Staaten verlegt werden und dort eingreifen können. Zumindest auf dem Papier.

          Diesen Anstrengungen zum Trotz stünde die Nato auch heute noch bei einem russischen Angriff an ihrer empfindlichsten Stelle mit deutlich unterlegenen Kräften da. Wie drastisch das Ungleichgewicht ausfällt, das zeigt eine Analyse der konservativen amerikanischen Denkfabrik Rand Corporation, über die auch in München diskutiert werden dürfte; flossen ihre Ergebnisse doch in den jüngsten „Munich Security Report“ ein, ein Kompendium der Münchner Sicherheitskonferenz, das die Organisatoren an diesem Donnerstag in Berlin vorstellen.

          Die Macher der Studie betrachten in ihrem Szenario den Fall einer überraschenden russischen Operation, die vom westlichen Militärdistrikt aus vorgetragen wird. Folgerichtig beschränken sie sich bei ihrem Vergleich auf Kräfte, die tatsächlich in den ersten Wochen im Baltikum eingesetzt werden könnten. Schon bei der Truppenzahl sei Russland im Vorteil. Während die baltischen Staaten zusammen mit den Nato-Bataillonen und einer in Polen bereitstehenden amerikanischen Brigade knapp 32 000 Soldaten zur Verteidigung aufböten, könnte Russland 78 000 Soldaten ins Feld führen. Ein Ungleichgewicht, das sich bei den Hauptwaffensystemen am Boden weiter verschärft. Der Nato stünden gerade einmal 129 einsatzfähige Kampfpanzer zur Verfügung, Russland dagegen 757. Bei den Schützenpanzern sähe das Kräfteverhältnis ähnlich ungünstig aus, 280 Nato-Fahrzeuge stünden 1276 russischen gegenüber. Die größte Lücke aber klafft bei der Artillerie, die als Kampfunterstützung eine wichtige Rolle spielt. Das Verhältnis bei selbstfahrender Artillerie (knapp 1:11) und Raketenartillerie (1:270) spricht für sich.

          Ein sicherheitspolitisches Paradoxon, das seit Jahren existiert

          Warum die Situation so ist, wie sie ist, führen die Rand-Forscher darauf zurück, dass sich die westlichen Staaten lange Jahre auf Stabilisierungseinsätze wie etwa in Afghanistan, im Nahen Osten und Afrika konzentriert haben. Viel Geld floss damals in infanteristische Einheiten und leichte, schnelle Fahrzeuge. Russland hingegen setzte nach dem nur mäßig erfolgreichen Georgien-Krieg 2008 darauf, seine schweren Einheiten zu modernisieren und Operationen zu üben, die sich gegen Streitkräfte anderer Staaten richten. Wie intensiv, darauf deutet nicht nur die Rand-Studie hin. Eine Langzeitanalyse dieser Zeitung hatte im vergangenen Jahr zutage gefördert, dass die Übungslücke zwischen russischer Seite und Nato-Staaten in Europa noch deutlich größer ist als angenommen.

          Gänzlich chancenlos wäre die Nato im Fall eines Angriffs dennoch nicht. Selbst wenn die westlichen Staats- und Regierungschefs den Einsatz von Atombomben vor dem Hintergrund unabsehbarer Folgen ausschließen würden, verfügt das Bündnis über deutlich schlagkräftigere Luftstreitkräfte als Russland. Rand zufolge stehen 1251 modernen russischen Kampfflugzeugen 5357 der Nato gegenüber. Selbst wenn die Bündnisstaaten angesichts anderweitiger Verpflichtungen nicht alle einsetzen könnten, wäre die Nato angesichts ihrer schnellen Verlegbarkeit vermutlich dennoch rasch in der Lage, in der Luft ein Übergewicht zu ihren Gunsten herzustellen. Ob das ausreichend wäre, um einen Angriff abzuwehren, bleibt indes fraglich, auch angesichts der starken russischen Flugabwehr. Die Rand-Forscher gehen davon aus, dass die russischen Truppen im westlichen Militärbezirk über mehr als 600 Boden-Luft-Systeme unterschiedlicher Reichweite verfügen, die für nahezu alle Nato-Kampfflugzeuge ein hohes Risiko darstellen würden. Lediglich die jüngsten Kampfflugzeuge der fünften Generation, wie etwa die F-35, könnten relativ ungefährdet operieren. Von ihnen verfügt die Nato aber nur über 363, das Gros davon in amerikanischen Händen.

          Letzten Endes belegt die Rand-Studie ein sicherheitspolitisches Paradoxon, das seit Jahren existiert: Der Nato gelingt es trotz ihres strategischen Übergewichts bei den Verteidigungsausgaben, Truppengrößen und Hauptwaffensystemen nicht, das operative Ungleichgewicht in den baltischen Staaten zu ihren Gunsten zu verringern. Stattdessen setzt Brüssel auf behutsame Aufrüstung und Dialogbereitschaft. Im Nato-Hauptquartier besteht die Sorge, dass Moskau eine schnelle Angleichung des Kräfteverhältnisses als aggressiven Akt auslegen könnte. Das will niemand. Die militärische Unterlegenheit wird deshalb bislang in Kauf genommen, auch gegen den Willen der Balten. Tatsächlich weisen auch die Macher der Rand-Studie ausdrücklich darauf hin, dass sie mit ihrer Studie keinen russischen Angriffsplanungen das Wort reden wollten. Doch sollte sich die politische Situation in Russland kurzfristig verändern, stünde der Westen ziemlich wehrlos da. Darüber wird in München zu reden sein.

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