21.09.2009 · In einem schonungslosen Lagebericht warnt der Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan, der amerikanische Heeresgeneral Stanley McChrystal, vor einem Scheitern der Mission und rügt „korrupte“ Praktiken bei der Aufbauhilfe. McChrystal wünscht mehr Truppen, Präsident Obama zögert.
Von Jochen Buchsteiner, KabulDer Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan, der amerikanische Heeresgeneral Stanley McChrystal, warnt vor einem Scheitern der Mission, sollte die Isaf nicht binnen der nächsten zwölf Monate die Initiative gegenüber den Aufständischen zurückgewinnen. In einem schonungslosen, mehr als sechzig Seiten langen Lagebericht an das amerikanische Verteidigungsministerium, den mehrere amerikanische Zeitungen in der Nacht zu Montag ins Internet gestellt haben, schreibt McChrystal, dass zur Zeit weder ein Sieg noch eine Niederlage als Selbstverständlichkeit anzusehen seien. Kurzfristig müsse damit gerechnet werden, dass die Zahl gefallener Soldaten - afghanischer wie ausländischer - steigen werde.
Der General, der seit Juni die etwa 100.000 ausländischen Soldaten in Afghanistan befehligt, spricht sich für eine Aufstockung Truppen aus, ohne aber Zahlen zu nennen. Zugleich bekräftigt er, dass eine bloße Konzentration auf die Kampfstärke „den Punkt verfehlt“. Wichtiger sei eine „tiefe Veränderung unserer Strategie und der Art und Weise, wie wir denken und operieren“.
„Unzureichend auf den Kampf gegen die Aufständische eingerichtet“
Im Mittelpunkt des Einsatzes müsse es stehen, das Vertrauen der Afghanen zurückgewinnen. Dazu gehöre, dem Schutz der Zivilbevölkerung Priorität zu geben. Zentrales Instrument dafür seien die afghanischen Sicherheitskräfte, die weiter ausgebildet und auf eine Stärke von 400.000 Mann gebracht werden müssten (240.000 Soldaten, 160.000 Polizisten). Aber auch die Einheiten der Nato-geführten Schutztruppe Isaf seien ihrer Schutz-Mission unzureichend nachgekommen und bislang zu sehr mit dem Schutz der eigenen Soldaten beschäftigt gewesen. Man habe auf eine Weise operiert, „die uns - physisch und psychologisch - von den Menschen entfernt hat, die wir schützen wollen“, schreibt McChrystal.
Der Bericht übt grundsätzliche Kritik am bisherigen Zuschnitt der Schutztruppe: „Die Isaf ist eine konventionelle Streitmacht, die unzureichend auf die Aufständischenbekämpfung eingerichtet ist, zu wenig Erfahrung mit der lokalen Kultur und Sprache mitbringt und mit Herausforderungen kämpft, die einer Koalitionskriegsführung zu eigen sind.“ Der Konflikt in Afghanistan wird als eine „Reihe miteinander verschränkter Aufstände“ definiert. Wichtigster Gegner der Isaf seien die „Quetta Shura Taliban“ (benannt nach dem vermutlichen Sitz des Taliban-Führungsrats im pakistanischen Quetta), gefolgt vom „Haqqani Netzwerk“ und der „Hesb-e-Islami“ Gulbuddin Hekmatyars. Diese Gruppen würden zum Teil zusammenarbeiten, aber über keine gemeinsame Kommando-Struktur verfügen.
„Machtmissbrauch und Korruption“
Scharf geht McChystal mit der afghanischen Regierung unter Hamid Karzai ins Gericht. Der Mangel an Vertrauen gegenüber der Regierung hänge mit Ineffizienz, Machtmissbrauch und Korruption zusammen. Es gebe keine klare Linie, die korrupte Regierungsvertreter von Aufständischengruppen und kriminellen Netzen trennten, heißt es im Bericht. Die Isaf könne „Machtmissbrauch, Korruption oder Marginalisierung nicht länger ignorieren oder stillschweigend akzeptieren“, heißt es in dem Bericht.
Unterstützung erhielten die Aufständischen auch aus Pakistan, schreibt McChrystal - „Berichten zufolge auch von Elementen des (dortigen Geheimdienstes) ISI“. Gewachsen seien insbesondere Verbindungen der in Pakistan stationierten Al-Qaida-Kräfte und dem afghanischen Haqqani-Netzwerk, heißt es in der Lageeinschätzung.
Der internationalen Gemeinschaft rät McChrystal, ihre „eigenen korrupten oder kontraproduktiven Praktiken“ anzugehen. Deren Hilfsprojekte bereicherten allzu oft örtliche Machthaber, korrupte Beamte und internationale Auftragnehmer und dienten „nur zu einem geringen Teil der Bevölkerung“. Um Abhilfe zu schaffen, solle die Isaf gemeinsam mit der UN-Mission in Afghanistan einen neuen „Finanzmechanismus“ erarbeiten.
McChystal entwirft in seinem Lagebericht drei Phasen des Einsatzes. In der ersten müsse die Isaf die Initiative zurückgewinnen und das „Momentum des Aufstandes umkehren“. Misslinge dies, drohe ein Misserfolg und die Unterstützung im Ausland verloren zu gehen. Nach einem oder zwei Jahren müsse dann die Phase der „strategischen Konsolidierung“ beginnen, in der vor allem die afghanischen Regierung und die Sicherheitskräfte die Sicherheit im Land garantierten. In der daran anschließenden Phase der „Nachhaltigen Sicherheit“ - ein Zeitpunkt wird nicht genannt - solle sich die Isaf wandeln und auf das Beraten, Ausbilden und Helfen beschränken. (Siehe auch: McChrystals Bericht im Internet).
Obama zögert
Der amerikanische Präsident Barack Obama hat unterdessen angekündigt, erst dann weitere Truppen nach Afghanistan zu senden, wenn die richtige Strategie im Kampf gegen die Taliban feststehe. „Jeder muss verstehen, dass man keine Entscheidungen über Ressourcen trifft, bevor die Strategie fertig ist“, sagte Obama in mehreren Interviews. An der neuen Strategie werde noch gearbeitet.
Auch habe er keinen Zeitplan für einen Abzug aus Afghanistan, sagte Obama weiter. „Aber ich bin bestimmt nicht jemand, der die unbefristete Besetzung anderer Staaten befürwortet.“ Die Veröffentlichung des vertraulichen Berichts ist das bisher deutlichste Zeichen für die wachsenden Spannungen zwischen der militärischen Führung im Pentagon und der Regierung unter Präsident Obama. (Siehe auch: Spannungen zwischen Obama und ranghohen Militärs)
McChrystal(ball)
Peter Petronius (Pseudolus)
- 21.09.2009, 16:29 Uhr
Wenn dies die einzige Antwort ist, hat man schon verloren
Peter Szameitat (MAKSAS)
- 21.09.2009, 16:41 Uhr
Die UdSSR hat sich an Afghanistan die Zähne ausgebissen,
Thilo Brandner (schlevian)
- 21.09.2009, 16:56 Uhr
@Brandner Da gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied
B. Keim (bkeim)
- 21.09.2009, 17:30 Uhr
@B. Keim,
Thilo Brandner (schlevian)
- 21.09.2009, 17:57 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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