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Nationalsozialismus : Nazi-Verbrecher gedeckt, Staatssekretär geschützt?

  • -Aktualisiert am

1961: Hans Globke an der Seite von Konrad Adenauer Bild: AP

Der BND wußte schon 1958, daß sich der NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien versteckte. Aus Furcht, Eichmann könne Hans Globke, Staatssekretär unter Adenauer, belasten, sagte der Geheimdienst nichts.

          Aus freigegegeben CIA-Dokumenten, die in den National Archives in Washington lagern, soll hervorgehen, daß westdeutsche und amerikanische Geheimdienste bereits 1958 gewußt hätten, daß sich Adolf Eichmann in Argentinien aufhielt.

          Eichmann war Leiter des „Referats für Judenangelegenheiten“ im Reichssicherheitshauptamt und organisierte die Deportation der Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Dem Hinweis des Bundesnachrichtendienstes auf den SS-Obersturmbannführer sei nicht nachgegangen worden „aus Sorge, Eichmann könne über Hans Globke auspacken“.

          Dies meldet die Nachrichtenagentur AP und beruft sich auf Bemerkungen von Robert Wolfe, der als Fachmann der National Archives die Freigabe von 27.000 Seiten des Geheimdienstes CIA aus der Zeit des Kalten Krieges erläuterte. Listen der Bestände und Namen der „Personal Files“ sind unter www.archives.gov/iwg abrufbar.

          Eichmann in Uniform: Archivbild ohne Datum

          Kommentar zur „Rassengesetzgebung“

          Hans Globke war von 1953 bis 1963 als Staatssekretär und Chef des Bundeskanzleramtes einer der engsten und mächtigsten Mitarbeiter Adenauers. Allerdings bot er wegen seiner Tätigkeit im „Dritten Reich“ eine willkommene Angriffsfläche. Als Oberregierungsrat und später als Ministerialrat war Globke im Reichsinnenministerium für Namensänderungen und Personalstandsfragen zuständig gewesen. In dieser Funktion verfaßte er mit Staatssekretär Wilhelm Stuckart den „Stuckart/Globke“-Kommentar zur „Rassengesetzgebung“ von 1935.

          Im „Wilhelmstraßen-Prozeß“ sagte Globke 1948 als Zeuge aus. Er bestätigte sein Wissen, daß „die Juden massenweise umgebracht wurden“ und die „Ausrottung der Juden systematisch vorgenommen worden“ sei; einschränkend wollte er keine genaue Kenntnis darüber gehabt haben, daß sich Hitlers Vernichtungspolitik „auf alle Juden bezog“. Globke und Robert M.W. Kempner, der 1933 wegen seiner jüdischen Mutter aus dem Beamtenverhältnis entlassen wurde und in die Vereinigten Staaten emigrierte, kannten einander seit Ende der zwanziger Jahre.

          Kempner vertrat die amerikanische Anklage im „Wilhelmstraßen-Prozeß“ und schätzte Globkes dienstliches Wirken im „Dritten Reich“ so ein: „Für die sogenannten Mischlinge freilich war sein Rassegesetz-Kommentar günstig.“ Dieser Meinung war auch Adenauer, der sich mehrfach öffentlich vor seinen Kanzleramtschef stellte.

          Druck auf Journalisten

          Eichmann lebte unter dem Namen Ricardo Klement in Buenos Aires. Der israelische Geheimdienst spürte ihn dort auf und entführte ihn im Mai 1960 nach Israel; ab Februar 1961 fand der Prozeß in Jerusalem statt, im Dezember des Jahres wurde das Todesurteil gesprochen, das am 1. Juni 1962 vollstreckt wurde.

          Nach der Festsetzung Eichmanns soll die CIA Druck auf Journalisten ausgeübt haben, um Hinweise auf Globke zu tilgen. „Gesamtes Material wurde gelesen. Eine unklare Erwähnung von Globke, die ,Life' auf unsere Forderung hin wegläßt“, so wird jetzt aus einem internen Memorandum des CIA-Direktors Allen Dulles vom September 1960 zitiert - als Reaktion auf die Erwerbung von Aufzeichnungen Eichmans durch die Zeitschrift „Life“.

          Damals glaubte man wohl in Bonn, daß schon die bloße Nennung des Mitverfassers des Kommentars zu den „Rassegesetzen“ und sein Aufstieg zum Adenauer-Intimus die Bundesrepublik belasten und den Angeklagten Eichmann entlasten könnte, zumal dieser vor Gericht den einflußlosen Befehlsempfänger mimte. Der Ost-Berliner Anwalt Kaul erhob in Jerusalem wiederholt Vorwürfe gegen den „Massenmörder Globke“, die der Bonner Beobachter beim Eichmann-Prozeß zurückwies.

          Ermittlungen gegen Globke wurden eingestellt

          Noch 1963 versuchte das Oberste Gericht der DDR, den bereits hingerichteten Organisator der Judenvernichtung und den kurz vor der Pensionierung stehenden Bonner Chefbeamten auf eine Stufe zu stellen; es verurteilte Globke zu lebenslänglichem Zuchthaus.

          Der Historiker Timothy Naftali von der Universität von Virginia erklärt nun der Nachrichtenagentur Reuters: „Das neu veröffentlichte CIA-Material deutet darauf hin, daß es auf höchster Ebene der Regierung von Konrad Adenauer Sorgen vor Aussagen über enge Mitarbeiter des Kanzlers gab, falls Eichmann festgenommen würde.“

          Dabei ist jedoch nicht bekannt, was der SS-Obersturmbannführer über den Ministerialrat im Reichsinnenministerium hätte „auspacken“ können. Denn Ende Mai 1961 stellte die Bonner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen den Kanzleramtschef ein. Damals konnte unter anderem der Vorwurf, Globke habe Kontakt zu Eichmann unterhalten, nicht aufrechterhalten werden.

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