19.02.2012 · Die einen nennen ihn einen Faschisten, die anderen halten ihn für einen Heilsbringer: Narendra Modi polarisiert Indien wie kein zweiter Politiker.
Von Thomas Gutschker, AhmedabadIn den indischen Nachrichten ist Narendra Modi fast täglich. Und in seinem Bundesstaat Gujarat vergeht kein Tag, an dem die Zeitungen nicht über die neuesten Vorhaben des umtriebigen Regierungschefs berichten - oder über böse Vorwürfe gegen ihn. Doch mit Journalisten, zumal ausländischen, spricht Narendra Modi eher selten.
Das muss an seinen schlechten Erfahrungen liegen. Vor fünf Jahren grillte ihn ein Interviewer des Senders CNN-IBN vor laufender Kamera wegen seiner mutmaßlichen Verstrickung in die antimuslimischen Pogrome in Gujarat im Februar 2002. Nach zweieinhalb Minuten verlangte der strauchelnde Modi eine Pause, etwas Wasser. Warum er nichts tue, um sein Image zu korrigieren, fragte ihn der Interviewer noch. Dies sei nicht die Zeit dafür, antwortete Modi, riss sich das Mikro vom Hemd und ging.
Zehn Jahre nach den Unruhen, die mehr als 1200 Muslime das Leben kosteten, und ein Jahr vor der Parlamentswahl scheint die Zeit für Modi gekommen, etwas für sein Image zu tun. Der Mann, den indische Medien für den voraussichtlichen Spitzenkandidaten der Opposition halten, lädt zum Gespräch in seine Residenz nach Gandhinagar vor den Toren der Millionenmetropole Ahmedabad. Seine Presseleute lassen sich vorher Fragen schicken, so viel Vorsicht muss sein. Der Chief Minister werde die Antworten dann verlesen, kündigen sie an, und auch noch drei, vier Fragen beantworten. Das ist schon viel für einen, der am liebsten alles steuert.
Mit dem Auto dauert die Fahrt vom Flughafen Ahmedabad nach Gandhinagar eine Stunde. Unterwegs kann man sehen, warum sich Modi über das westindische Gujarat hinaus einen sagenhaften Ruf erworben hat. Am Flughafen wird gerade das internationale Terminal erweitert, ein Riesenprojekt. Gleich daneben steht ein neues Kraftwerk. Die Straße ins Zentrum von Ahmedabad führt vorbei an glitzernden Autohäusern und modernen Tankstellen. Schautafeln werben für Luxusappartements, in denen man angeblich „wie in Dubai leben“ kann. Überall wird geschaufelt, gebaggert und gebaut. Ahmedabad, mit fünf Millionen Einwohnern die siebtgrößte Stadt des Landes, wächst nicht nur wie jede indische Stadt. Im Gegensatz zu anderen Großstädten scheint die Infrastruktur dem Bevölkerungszuzug hier auch immer einen Schritt voraus.
Der Regierungssitz Gandhinagar präsentiert sich grün, mit prächtigen Villen und breiten Straßen. Auf dem Weg zum Chief Minister sind drei Sicherheitskontrollen zu passieren, dann steht man vor dem grau-weiß gekachelten Bungalow, einem modernen, aber nicht protzigen Bau. Im Empfangsraum herrscht hektische Betriebsamkeit, denn vor der Audienz bei Modi soll der Besucher noch eine Videopräsentation anschauen. Der Film läuft, aber ohne Ton. Modis Kabinettschef erteilt Anweisungen, und nach ein paar Minuten finden seine Helfer die Lautstärketaste für den Flachbildschirm.
Es ist ein Werbefilm, wie ihn vermutlich Investoren lieben. Mit Kurven, die steil ansteigen, und Entwicklungsplänen, die weit in die Zukunft reichen: Gujarat als „Wachstumsmaschine Indiens“. Jahr für Jahr ist das Bruttosozialprodukt um zehn Prozent gewachsen, mehr als im Rest Indiens, erfährt der Zuschauer. Mit sechzig Millionen Einwohnern ist Gujarat ein kleiner Bundesstaat, nur 5 Prozent der Bevölkerung leben dort. Aber die tragen 16 Prozent zur Industrieproduktion und 22 Prozent zu den Exporten bei. Tata baut seinen Kleinwagen „Nano“ in Gujarat, Tommy Hilfiger lässt Jeans dort schneidern. Es gibt zwei Häfen mit Flüssiggasterminals, an der langen Küste stehen Windräder, und landeinwärts entsteht der größte „Solarpark“ in Asien. Der Kabinettschef strahlt. Nur die eine Zahl, die in dem Werbefilm nicht vorkommt - die Arbeitslosenrate - hat er gerade nicht zur Hand. Ist aber auch egal, denn die Erwerbstätigenrate stellt natürlich ebenfalls den Rest des Landes in den Schatten.
Nach einer quälend langen Stunde erscheint dann endlich der Gastgeber selbst. Narendra Modi schlurft in den Raum, leicht gebeugt und höflich lächelnd mit wachen Augen hinter der randlosen Brille. Der Einundsechzigjährige trägt Sandalen, ein traditionelles weißes Baumwollgewand, darüber eine graue Weste, in der Brusttasche steckt ein Kugelschreiber. Ein rauschender Auftritt ist es nicht, der Superstar kommt auf leisen Sohlen daher. Ein wenig unsicher wirkt er und händigt erst einmal einen Stapel Papier aus: die Antworten auf die vorher eingereichten Fragen, 22 eng beschriebene Seiten, eine Darstellung der Pogrome von 2002 aus Regierungssicht und einen Bericht über die Situation der muslimischen Minderheit in Gujarat. Modi hat sich vorbereitet.
Zuerst spricht er über den Mann aus Gujarat, der noch ein wenig bekannter ist als er selbst: Mahatma Gandhi. „Gandhi ist eine große Seele, die der Politik eine ganz neue Dimension gab. Ein Mann mit Werten, der sein ganzes Leben für die Wahrheit gekämpft hat“, sagt Modi in behäbigem, schwer verständlichem Englisch. Seine Regierung stehe Gandhis Philosophie sehr, sehr nahe. Wirklich? Gandhi hat in seinem Harijan Ashram in Ahmedabad - einer Art Orden, den er 1915 gründete - das Ideal der Besitzlosigkeit und Selbstgenügsamkeit gepredigt. Wie passt das zum heutigen Wachstumsdrang? Gandhi habe sich ja für die Rechte der Bauern und Besitzlosen starkgemacht, entgegnet Modi - und genau das tue seine Regierung auch. Als er sein Regierungsamt vor zehn Jahren antrat, gab es in den Dörfern nur für ein paar Stunden Strom. Heute gehe dort das Licht nicht mehr aus.
Auswärtige Besucher mögen Modis Versuch belächeln, den Nationalhelden Gandhi für sich in Beschlag zu nehmen. Aber wenn er über die Dörfer tingelt, geht die Strategie auf. Modi hält Versammlungen ab im Stile Gandhis: Er fastet öffentlich, manchmal mehrere Tage lang, und zieht jedes Mal Massen an. Im September vergangenen Jahres strömten eine halbe Million Menschen zu ihm. Modi entfaltet Charisma, und er gilt in einem von Korruption durchzogenen Land als unbestechlich. All das macht ihn zum aussichtsreichen Anwärter für die Spitzenkandidatur der hindu-nationalistischen Partei BJP, die im Bundesparlament die Opposition anführt.
Wäre da nur nicht die Sache mit den Pogromen vor zehn Jahren. Seinerzeit griffen Muslime in Godhra einen Zug mit Hindu-Pilgern an, 58 Personen verbrannten bei lebendigem Leib. Die Bevölkerungsmehrheit tobte vor Zorn und dürstete nach Rache. In mehreren Provinzen und in der nächsten Großstadt Ahmedabad kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Am Abend jenes Tages versammelte Modi die Leiter der Sicherheitsdienste in seiner Residenz, um über die brenzlige Lage zu beraten. Was in jener Sitzung besprochen wurde, beschäftigt seit drei Jahren das oberste Gericht von Gujarat.
Ein Polizeioffizier hat ausgesagt, Modi habe die Sicherheitskräfte davon abgehalten einzugreifen; die Hindus müssten ihrem Ärger Luft machen können. Die anderen Teilnehmer der Runde, Modi eng verbunden, sagen, der Mann habe gar nicht daran teilgenommen. Es steht Aussage gegen Aussage. Die vom Gericht eingesetzte Untersuchungskommission hat keine hinreichenden Beweise gefunden, um ein Strafverfahren gegen den Regierungschef zu eröffnen. Aber ihr gerade vorgelegter Abschlussbericht ist umstritten, und die Richter müssen ihm nicht folgen. Die säkulare Kongresspartei beschimpft Modi als „Faschisten“. Westliche Staaten halten Abstand zu ihm. Die Amerikaner verweigern ihm seit Jahren die Einreise. Auch die deutsche Botschaft meidet jeden offiziellen Kontakt.
Modi will sich zu jenem Abend nicht äußern. Er verweist auf die laufenden Ermittlungen. Und er wirbt um Verständnis. 2001 habe er sich erstmals um ein politisches Amt beworben und seinen Posten erst kurz vor den Pogromen bezogen. Das klingt defensiv, und es passt nicht recht zu der schriftlichen Darlegung der Regierung, die ihre Krisenreaktion zum „vorbildlichen Modell“ erklärt.
Eine Entschuldigung kommt Modi nicht über die Lippen. Er sucht einen anderen Weg, die Last abzuwerfen. Seit Wochen hält er Fasten-Versammlungen ab, um ein friedliches Zusammenleben zu predigen. Auch muslimische Würdenträger erweisen ihm ihre Reverenz. In früheren Wahlkämpfen, vor allem seinem ersten 2001, hatte Modi noch laut gegen die Minderheit gehetzt und damit eigene Anhänger mobilisiert. Nun hebt er hervor, seine Partei stehe allen Religionen offen. Dass sie mit extremistischen Hindu-Gruppen verknüpft sei, verneint er. Terrorismus lehnt Modi ab, und er mag ihn auch nicht mit dem Islam in Verbindung bringen, obwohl pakistanische Attentäter blutige Attentate in Indien verübt haben. Terroristen haben keine Religion, sagt er. Mit Pakistan, das im Norden an Gujarat grenzt, würde er gerne im Geiste guter Nachbarschaft zusammenleben.
Man spürt, dass dieser Mann noch eine Menge vorhat. Er belässt es bei Andeutungen: Er habe stets seine Verantwortung erfüllt. Im Moment sei das die „Entwicklung Gujarats zum Zweck der Entwicklung Indiens“. Wenn seine Partei, die innerlich zerstritten ist, ihn nach Delhi ruft, würde er kaum nein sagen. „Die Chance zu arbeiten empfinde ich als Glück“, sagt Modi. Zum Abschied überreicht er noch einen Bildband. Gandhi wird darin nicht erwähnt. Es geht um einzigartige Investitionschancen in Gujarat.
Thomas Gutschker Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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