06.03.2008 · In den Tiefen der historischen Pathologie: Der Streit um den Namen Mazedoniens
Von Michael MartensEin Ausflug in die Steinzeit ist nicht nötig, aber für Alexander den Großen sollte sich schon Zeit nehmen, wer den merkwürdigsten der vielen Konflikte des Balkans verstehen will. Streitgegenstand ist ein Name: Die Frage lautet, ob Mazedonien Mazedonien heißen darf. Laut griechischer Lesart darf es das auf keinen Fall, da es in Griechenland eine Provinz Makedonien gibt, auf die der Staat Mazedonien - so die griechische Logik - Ansprüche erheben könnte, wenn man ihm seinen Namen ließe. Auf Betreiben Griechenlands darf Mazedonien daher bisher nur unter dem Namen „Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien“ (Former Yugoslav Republic of Macedonia; Fyrom) in internationalen Organisationen Mitglied werden.
Der Streit ist mindestens so alt wie die 1991 ausgerufene staatliche Unabhängigkeit Mazedoniens, doch gibt es griechische Diplomaten und Historiker, die den Ursprung etwa zweieinhalb Jahrtausende früher sehen. Einen Einblick in die griechische Sichtweise erlaubt eine Rede, die Athens ehemaliger Minister für Nordgriechenland, Nikolaos Martis, im Juli 2005 auf der Versammlung einer „Pan-mazedonischen Vereinigung“ in der Stadt Kavala gehalten hat.
Der wahre Pionier der EU
Es lohnt sich, die Ansprache zu untersuchen, denn sie stellt einen Querschnitt durch die Art dar, mit der das Thema in Griechenland behandelt wird. Martis zentrale Thesen, die man ähnlich in Hintergrundgesprächen im Athener Außenministerium, von Historikern der Aristoteles-Universität zu Thessaloniki oder bei Bedarf von jedem Taxifahrer mit Neigung zur Weltendeutung hören kann, lauten in etwa: Die „südlichen Griechen“ der Antike hätten ihre Leistungen in Philosophie, Architektur und Kunst nicht vollbringen können, „wenn die Mazedonier nicht existiert hätten, um die Barbaren daran zu hindern“, in Richtung Süden vorzudringen.
Folglich seien die Mazedonier Griechen gewesen, Alleinerbe ihres Namens sei daher Griechenland. Zudem sei Alexander der Große der wahre Pionier der Europäischen Union gewesen. Die „zeitgenössischen Bewohner Fyroms“ hätten hingegen, offenbar im Gegensatz zu den heutigen Griechen, nichts mit Alexander dem Großen zu tun. Die slawischen Mazedonier bestreiten zudem „in schamloser Weise“ das Erbe des Apostels Paulus, der schließlich im Jahr 50 Philippi, Thessaloniki und Veria besucht hat, „Städte mit griechischen Namen, vor Jahrhunderten bis heute“.
„Irredentistische Propaganda“
Übrigens habe auch Hitler zu seiner Kamerafrau Leni Riefenstahl gesagt, wenn die Wehrmacht nicht in Griechenland hätte eingreifen müssen, hätte Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion vor Einbruch des ersten Winters beenden und gewinnen können, was anscheinend auch irgendwie mit der Namensfrage zu tun hat. Die Anerkennung „dieses Staates“ als Mazedonien sei jedenfalls eine Beleidigung für die „wahren Mazedonier“ - also solche wie den ehemaligen Minister -, deren Recht auf eine nationale und kulturelle Identität damit untergraben werde.
So ähnlich wie Martis sagen es auch seine Nachfolger. Immer wieder wird in Athen die „irredentistische Propaganda“ Skopjes verdammt, obwohl es keinen maßgeblichen Politiker in Mazedonien gibt, der eine solche betreibt. Unverdrossen droht die Regierung in Athen damit, auf dem Bukarester Nato-Gipfel Anfang April ein Veto gegen die von allen anderen Mitgliedern der Allianz befürwortete Einladung Mazedoniens zu einem Beitritt einzulegen. Dass Griechenland Mazedonien zu Beginn der neunziger Jahre mit einer Handelsblockade belegt hat, die den kleinen Balkan-Staat mit nur etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern an den Rand des Zusammenbruchs brachte, erwähnt man hingegen heutzutage ungern in Athen.
Auch an das im September 1995 in New York unter Aufsicht der Vereinten Nationen geschlossene Übergangsabkommen zur Beendigung des leidigen Streits scheint sich niemand in Griechenland erinnern zu wollen. Mazedonien hatte auf Verlangen Griechenlands seine Verfassung und schließlich auch die Landesflagge geändert, um selbst den leisesten Irredentismus-Verdacht entkräften zu können. In Artikel 11 des Abkommens von 1995 verpflichtete Griechenland sich dann seinerseits, einen Beitritt Mazedoniens zu internationalen Organisationen wenigstens unter dem Namen „Fyrom“ nicht zu blockieren. Doch selbst davon scheint jetzt keine Rede mehr zu sein. Erst soll das Land seinen Namen ändern.
„Erschaffene“ Identität
Die Einwohner „Fyroms“, so lautet ein in Griechenland oft zu hörendes Argument, besäßen keine „echte“ mazedonische Identität, da diese ihnen erst unter Tito in Jugoslawien unter Laborbedingungen aufgepfropft worden sei. Daran ist zumindest die Hälfte wahr. Tatsächlich haben die slawischen Mazedonier, die im Kerngebiet des Balkans über Jahrhunderte wechselnden geschichtlichen Sogwirkungen ausgesetzt waren und lange unter serbischen, bulgarischen, byzantinischen, osmanischen und vielen anderen Einflüssen standen, erst spät eine nationale Identität entwickelt.
Genauer: Die heutige Identität der Mazedonier wurde tatsächlich maßgeblich in Titos Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg aus allenfalls rudimentären Ansätzen entwickelt und sogar systematisch „erschaffen“. Es wurde eine mazedonische Akademie der Wissenschaften gegründet, eine mazedonische Sprache kodifiziert und in den sechziger Jahren auf Betreiben des sozialistischen Regimes in Belgrad sogar eine mazedonische orthodoxe Kirche gegründet.
„Sie wissen, wer sie nicht sein wollen“
Der Historiker und Kulturwissenschaftler Stefan Troebst hat diese Politik in dem Buch „Das makedonische Jahrhundert“ als „öffentliche Konstruktion von Geschichts- und Identitätsbildern“ beschrieben. Er weist darauf hin, dass sich die slawischen Mazedonier heute auch deshalb als Mazedonier fühlen, weil über anderen Identitäten der Region überall schon ein großes historisches Besetztzeichen leuchtete, als ihre nationale Eigendefinition begann. Ob die Makedonier wissen, wer sie seien, sei dabei im Prinzip unerheblich, so Troebst: „Entscheidend ist, dass sie wissen, wer sie nicht sein wollen, nämlich weder Bulgaren noch Serben und schon gar nicht Griechen oder Albaner.“
Damit trifft Troebst einen Punkt, der in Griechenland vollkommen ausgeblendet wird: Es gibt zwar keinen Zweifel daran, dass Teile der heutigen mazedonischen Identität, wie von Athen dargestellt, in Titos Jugoslawien „konstruiert“ wurden. Es stimmt auch, dass diese Konstruktion nach der Unabhängigkeit Mazedoniens unter neuen Bedingungen fortgesetzt wurde, mit zum Teil aberwitzigen Auswüchsen. So sprachen manche der intellektuellen Baumeister einer Geschichte der Mazedonier (in der die Albaner des Landes keinen Platz hatten) von einer politischen Kontinuität, die vom makedonischen Staat des vierten vorchristlichen Jahrhunderts bis in die Gegenwart reiche.
Derlei mag man getrost als „künstlich“ abtun. Es kann aber auch keinen Zweifel daran geben, dass vor allem die Konstruktionen der Tito-Zeit erfolgreich waren und zu einem heute als „natürlich“ empfundenen Ergebnis geführt haben: Die slawischen Mazedonier sehen sich heute ganz selbstverständlich als Mazedonier an. Es fällt ihnen nicht ein, dass sie etwas anderes sein könnten. Was sollten sie auch sein? Fyromesen vielleicht?
Südserben, Westbulgaren oder „Skopje-Leute“
Das Selbstverständnis der slawischen Mazedonier wird gern „künstlich“ genannt. Dennoch wird ihnen von ihren Nachbarn weiterhin eingeredet, sie dürften nicht sein, was sie nun einmal zu sein glauben. Nationalistische Serben und Bulgaren behaupten, die Mazedonier seien „eigentlich“ Südserben oder Westbulgaren, und in Griechenland ist selbst in moderaten Medien oft von „den Skopje-Leuten“ die Rede.
Anders als Griechenland verfolgt Bulgarien einen realistischen Ansatz im Umgang mit dem Nachbarstaat. Bulgarien negiert zwar die Existenz einer mazedonischen Minderheit im eigenen Lande, war aber auch der erste Staat, der die Unabhängigkeit Mazedoniens anerkannt hat. Der damalige bulgarische Präsident Schelew sagt dazu, die Nationalität sei eine Frage der persönlichen Entscheidung: „Wir achten das Recht auf Selbstbestimmung der Menschen in der Republik Mazedonien, und sie können sich nennen, wie sie wollen; wir würden uns niemals erlauben, ihnen zu diktieren, wie sie sich selbst zu bezeichnen haben.“
Auf der ehemaligen osmanischen Halbinsel Morea (Eohm) hat sich diese Erkenntnis allerdings noch nicht durchsetzen können. Die slawischen Mazedonier werden auf absehbare Zeit mit den Neurosen aus Athen leben müssen.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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