23.04.2008 · Weitere 117 Millionen will die EU der Nahrungsmittelhilfe zur Verfügung stellen. Denn der Hunger bedroht in manchen Nationen die politische und wirtschaftliche Stabilität. Zugleich wird abermals Kritik an Biotreibstoffen laut, die den Lebensmittelanbau verdrängt haben.
Von Nikolas Busse und Johannes LeithäuserDie Europäische Kommission will weitere 117 Millionen Euro für Nahrungsmittelhilfe zur Verfügung stellen, davon 57 Millionen aus dem bestehenden Haushalt für Hilfen. Entwicklungskommissar Michel sprach am Dienstag im Europäischen Parlament in Straßburg davon, dass es in den Entwicklungsländern einen „humanitären Tsunami“ zu bekämpfen gelte. Mittelfristig müsse das weltweite Nahrungsmittelangebot gesteigert werden. Der slowenische Staatssekretär für Europaangelegenheiten, Lenarcic, wies darauf hin, dass die EU die Agraranbauflächen in Europa ausgeweitet und die Prämien für Energiekulturpflanzen abgeschafft habe.
Der EVP-Fraktionsvorsitzende Daul widersprach allerdings der Einschätzung, dass die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Gewinnung von Biokraftstoffen die Preisanstiege verursacht habe. Darauf entfielen in Europa nur zwei Prozent der Herstellung. Der SPE-Fraktionsvorsitzende Schulz machte Spekulationen an den Nahrungsmittelmärkten für die Entwicklung verantwortlich. „Der Casino-Kapitalismus hat an den Tischen der Armen dieser Welt Platz genommen“, sagte Schulz.
„Selbstmord der Menschheit“
Frankreich kündigte an, seine Nahrungsmittelhilfe auf 60 Millionen Euro zu verdoppeln. Präsident Sarkozy teilte mit, er wolle die Entwicklung der afrikanischen Landwirtschaft bis 2012 mit einer Milliarde Euro unterstützen. Auch der britische Premierminister Brown warb für eine „landwirtschaftliche Revolution“ mit besser angepassten und ertragreicheren Pflanzen. Brown sagte, der Hunger stelle inzwischen eine Bedrohung der „politischen und wirtschaftlichen Stabilität mancher Nationen“ dar.
Beim Anbau nachwachsender Rohstoffe müsse die Konkurrenz zum Anbau von Lebensmitteln begrenzt werden. Er zeigte sich zuversichtlich, dass es der Welthandelsorganisation gelingen werde, in Kürze ein Abkommen zu erreichen, welches die westlichen Agrarmärkte stärker für Nahrungsmittelprodukte aus Entwicklungsländern öffne. Eine solche Öffnung fordert auch Bundesentwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul.
Die Präsidenten Perus und Boliviens, García und Morales, verurteilten abermals die Umstellung der Landwirtschaft von Lebensmitteln auf Biotreibstoffe. García sprach vom „Selbstmord der Menschheit“. Das UN-Ernährungsprogramm (WFP) bezeichnete die gegenwärtige Krise als größte Herausforderung seiner Geschichte. Es bestätigte die Einschätzung der Weltbank, dass rund 100 Millionen Menschen wegen der höheren Preise Hunger drohe; dies sei ein „stiller Tsunami“. Das WFP müsse wegen der höheren Kosten bereits Programme einstellen.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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