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Nahost-Konflikt : Israel weitet Luftangriffe im Gazastreifen aus

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Palestinsenser mit Arafat-Portrait in einem zerstörten Haus in Gaza Bild: REUTERS

Nach einer Nacht der Luftschläge und Gegenschläge wappnet sich die israelische Armee für eine Bodenoffensive im Gazastreifen. In Israel wurden drei der sechs Verdächtigen des mutmaßlichen Rachemords an einem palästinensischen Jugendlichen freigelassen.

          In Vorbereitung einer möglichen Bodenoffensive im Gazastreifen hat Israels Armee 20.000 Reservisten eingezogen. Nach Angaben eines Armeesprechers schöpfe das Militär damit das von der Regierung gebilligte Mobilisierungskontingent an Reservisten zur Hälfte aus. Eine Bodenoffensive im Gazastreifen sei jedoch die „letzte Option“, betonte er. Man erwäge noch die Vor- und Nachteile eines solchen Einsatzes. Die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen sind nach den Worten des Sprechers intensiver als während des letzten Gaza-Krieges im November 2012. Binnen 48 Stunden habe die Armee 750 Ziele angegriffen. Im Vergleich dazu seien vor knapp zwei Jahren binnen acht Tagen 1450 Ziele angegriffen worden.

          Nach palästinensischen Angaben starben bei den Luftschlägen am Donnerstagmorgen sieben Zivilisten, darunter fünf Kinder. Die radikale Palästinenserorganisation Hamas spricht sogar von zehn Todesopfern. Anwohner und Ärzte sagten, Israel habe zwei Häuser in einer dicht besiedelten Gegend des Gazastreifens bombardiert, während die Bewohner schliefen.

          Militante Palästinenser im Gazastreifen griffen ihrerseits wieder den Großraum Tel Aviv an. In der Mittelmeermetropole heulten am Morgen die Sirenen, Menschen eilten in Schutzräume. Es war eine Serie dumpfer Explosionen zu hören. Das israelische Fernsehen berichtete, fünf Raketen seien im Umkreis von Tel Aviv von der Raketenabwehr in der Luft abgefangen worden.

          Israelische Panzer im nördlichen Gaza-Streifen. Bisher wurden bei Angriffen der Armee 74 Menschen getötet. Bilderstrecke

          In der jordanischen Hauptstadt Amman protestierten Demonstranten vor der israelischen Botschaft gewaltsam gegen die Militärschläge im Gazastreifen. Etwa 300 islamistische und linksgerichtete Demonstranten stießen am späten Mittwochabend mit der Polizei zusammen. Sie warfen Steine und schwenkten Fahnen der Hamas. Beim Versuch, die Botschaftsmauern zu überklettern, wurden mehrere Demonstranten festgenommen. Sie forderten den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel und riefen zum Sturz des jordanischen Königs Abdullah II. auf.

          Großteil der Verletzten und Todesopfer sind Zivilisten

          Seit Beginn der israelischen Offensive gegen Ziele im Gazastreifen am frühen Dienstag sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza 75 Personen getötet worden. Mehr als 400 seien verletzt worden, sagte der Ministeriumssprecher in der Nacht zum Donnerstag. Etwa zwei Drittel davon seien Zivilisten.

          Am Mittwochabend feuerten Extremisten nach israelischen Armeeangaben drei Raketen auf das einzige Atomkraftwerk des Landes in Dimona, das rund 70 Kilometer südöstlich des Gazastreifens gelegen ist. Das Abwehrsystem „Eiserner Dom“ habe ein Geschoss abgefangen. Es blieb unklar, wie dicht die andern Geschosse dem Meiler kamen. Die extremistischen Qassam-Brigaden erklärten, sie hätten in den vergangenen 48 Stunden 279 Raketen auf Israel abgefeuert. Andere militante Gruppen hätten mehr als 100 Raketen abgeschossen.

          Sicherheitsrat tagt in New York

          Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kommt an diesem Donnerstag zu Beratungen über die aktuelle Lage im Gazastreifen zusammen. Generalsekretär Ban Ki Moon werde die 15 Mitglieder bei dem Treffen über die Eskalation im Nahen Osten informieren, sagten Diplomaten am Mittwochabend. Zuvor hatte der Generalsekretär bereits gesagt, „der Nahe Osten stehe auf Messers Schneide.“

          Es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass der Sicherheitsrat in dem Konflikt auf einen Nenner kommt. Die Vereinigten Staaten, die als ständiges Mitglied ein Vetorecht haben, stellten sich hinter Israel, forderten aber zugleich Israelis und Palästinenser zur Mäßigung auf. „Es ist ein großer Unterschied zwischen Raketenangriffen einer Terrororganisation in Gaza und dem Recht Israels, sich zu verteidigen“, sagte Außenamtssprecherin Jen Psaki am Mittwoch in Washington.

          Die Gewalt in der Region eskaliert seit Juni, als im Westjordanland drei israelische Jugendliche entführt und ermordet wurden. Die Regierung sieht die Schuld der Hamas als erwiesen an, die die Tat als Werk von Helden verherrlicht, sich aber nicht explizit dazu bekannt hat. In der vergangenen Woche wurde offenbar aus Rache ein palästinensischer Jugendlicher getötet. Der Sechzehnjährige war vor einer Woche in einem Wald bei Jerusalem tot aufgefunden worden. Sechs jüdische Tatverdächtige wurden deswegen in Untersuchungshaft genommen.

          Am Donnerstagmorgen berichten mehrere Medien übereinstimmend, dass drei der sechs Tatverdächtigen inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Dies habe ein Gericht in Petach Tikva bei Tel Aviv angeordnet. Die drei seien nicht direkt am Mord beteiligt, aber Teil der Gruppe gewesen, die ihn ausgeführt habe. Die anderen drei Verdächtigen, ein 30 Jahre alter Mann und zwei Minderjährige, sollen die Tat mittlerweile gestanden haben.

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