04.01.2005 · Je sympathischer der Favorit für die palästinensische Präsidentschaftswahl, Mahmud Abbas, dem palästinensischen Volk wird, umso unheimlicher wird er den Politikern in Israel und den USA.
So langsam findet er doch den Draht zu seinen Landsleuten. Mahmud Abbas war bisher wahrlich kein Freund der Massen.
Zu versöhnlich und bedacht schien der Weggefährte Jassir Arafats und Favorit bei der Präsidentschaftswahl am 9. Januar den meisten Palästinensern. Vor allem bei den Jungen und den Radikalen kamen seine Aufrufe zum friedlichen Widerstand gegen die israelische Besetzung nicht gut an. Und dennoch: Bei seinen Wahlkampfauftritten in den vergangenen Tagen empfing ihn das Volk mit wahren Begeisterungsstürmen. Der Jubel seiner Anhänger weckt gar Erinnerungen an den perfekt choreografierten amerikanischen Wahlkampf.
43 Prozentpunkte Vorsprung
Tausende Palästinenser flankieren die Straßen, wenn sich der Konvoi mit Abbas in einer der schwarzen Mercedes-Limousinen nähert. Auch die Bewohner des Gazastreifens, der Hochburg der islamistischen Gruppen Hamas und Islamischer Dschihad, empfangen den säkularen PLO-Chef mit Begeisterungsstürmen. In Chan Junis drängten sich die Menschen am Samstag so dicht um ihn, daß sich Abbas eine Handverletzung zuzog.
Die Umfragen spiegeln die allgemeine Zustimmung wider: Der einstige Regierungschef von Arafats Gnaden hat 43 Prozentpunkte Vorsprung vor dem nächsten Konkurrenten. Seinen Sieg wird wohl auch nicht die radikalislamische Hamas mit ihrem Aufruf zum Wahlboykott verhindern.
Der Mann Arafats
Viele kampfesmüde Landsleute unterstützen Abbas, weil er offen für ein Ende des bewaffneten Aufstands gegen Israel plädiert. Die meisten aber werden ihn vor allem deswegen wählen, weil er der Mann Arafats ist. Ihr toter Präsident ist in den Köpfen der Palästinenser noch sehr lebendig. Das weiß auch Abbas, und so erinnert er an seinen einstigen Chef, wann immer es passend erscheint: „Auch wenn Arafat tot ist, seine Prinzipien sind es nicht. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben“, verspricht er.
Die Radikalen lieben ihn nicht, unterstützen ihn aber
Bei den Wählern kommt das gut an: Er wolle Abbas seine Stimme geben, „weil er ein Gefährte von Arafat ist, und es wie dieser machen wird“, sagt zum Beispiel Muna Abu Romi. Er halte zu Abbas, weil dieser Abu Ammar (Kampfname Arafats) am nächsten komme, sagt auch Atta Schtewi. So ähnlich sehen es wohl auch die Al-Aqsa-Brigaden, die den radikalen militärischen Flügel der Fatah-Organisation von Arafat und Abbas repräsentieren. Sie lieben ihren Kandidaten nicht, unterstützen ihn aber.
Abbas' jüngste Aussagen werden ihm indes wirkliche Sympathie im radikalen Lager eingebracht haben - näherte er sich doch deutlich seiner Rhetorik. Nachdem eine israelische Panzerbesatzung bei einem Granatangriff im nördlichen Gazastreifen mindestens acht Palästinenser getötet hatte, bezeichnete er Israel bei einer Wahlkampfveranstaltung im Flüchtlingslager Chan Junis vor Tausenden Anhängern als „zionistischen Feind“. Mit den Worten „Wir sind gekommen, um Gnade für unserer Märtyrer zu erbitten“, hatte er diesen verbalen Angriff eingeleitet.
Kopfzerbrechen im Weißen Haus
Das schwierige und bisweilen ambivalente Verhältnis von Abbas und den radikalen und militanten Gruppen wurde vorige Woche auf einer Wahlkampfveranstaltung in Dschenin im Westjordanland deutlich, bei der sich Abbas Hand in Hand mit dem örtlichen Chef der Al-Aqsa-Brigaden, Zaqaria al Subaidi, präsentierte. Subaidi distanzierte sich nach Abbas' Rede einfach von dessem Aufruf zum Gewaltverzicht.
Der amerikanischen Regierung bereiten die engen Verbindungen zwischen Abbas und mutmaßlichen Drahtziehern von Selbstmordanschlägen Kopfzerbrechen. Er sei beunruhigt, äußerte sich Außenminister Colin Powell im Fernsehsender NBC. Den Amerikanern wäre es am liebsten, wenn Abbas die Brigaden eindeutig verurteilte. Doch ist auch Powell Politiker genug, um zu wissen, daß Abbas sie nicht vor den Kopf stoßen darf: „Abbas befindet sich im Wahlkampf. Er muß alle Teile der palästinensischen Bevölkerung erreichen.“
„Unerträglich und keine Basis für künftige Verhandlungen“
In Israel hat man keinerlei Verständnis für Abbas' neue Art der Volksnähe. Seine Äußerungen bei der Wahlkampfveranstaltung in Chan Junis bezeichnete der israelischen Vize-Regierungschef Ehud im israelischen Rundfunk als unerträglich und keine Basis für künftige Verhandlungen“.