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Zwei Jahre Bürgerkrieg Die syrische Tragödie

 ·  Seit bald zwei Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien, und ein Ende der Tragödie ist nicht abzusehen. Zu glauben, eine frühe Intervention durch den Westen hätte daran etwas geändert, ist aber falsch. Jede Revolution durchläuft den Zyklus der Radikalisierung. Erst danach kann die Stabilisierung beginnen.

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© REUTERS Mit einem Schuh, dem Zeichen höchster Verachtung in der arabischen Welt, schlägt ein Junge in Istanbul auf ein Assad-Plakat ein

Siebzigtausend Opfer hat der syrische Bürgerkrieg nach Angaben der Vereinten Nationen bisher gefordert, mehr als eine Million Menschen sind auf der Flucht. Das Regime Assad bekämpft Aufständische mit schweren Waffen und bombardiert Städte ohne Rücksicht auf Verluste. Es gibt aber auch Berichte darüber, dass die bewaffnete Opposition Massaker verübt habe; Selbstmordattentate, die hohe Funktionäre des Regimes zu treffen versuchen, reißen viele Unschuldige mit in den Tod. Ein Ende der Tragödie ist nicht abzusehen.

Als die Arabellion in Tunesien und dann in Ägypten begann, wurde sie von Assad zunächst scheinheilig begrüßt, weil sie Gegenspieler in der arabischen Welt hinwegfegte. Doch als vor zwei Jahren in Syrien friedliche Demonstrationen gegen sein Regime begannen, griff Baschar al Assad auf die Methoden seines Vaters Hafez zurück. Der hatte 1982 die Stadt Hama bombardieren lassen, in der sich Muslimbrüder gegen das Alawiten-Regime in Damaskus aufgelehnt hatten - dabei soll es zwanzigtausend Tote gegeben haben. Als auch Baschar auf die Demonstranten schießen ließ, begann eine Eskalation der Gewalt, die zum offenen Bürgerkrieg führte.

Die Regierungen halten sich zurück

Anders als in Libyen, wo der Sieg über Gaddafis Armee nach monatelangen Kämpfen dank einer Flugverbotszone und mit Hilfe von Luftangriffen westlicher Staaten errungen wurde, haben sich die Regierungen, die gegen den Gewaltherrscher in Tripolis eingeschritten waren, bisher zurückgehalten. Zwar gibt es in Paris und London immer wieder Diskussionen über eine Flugverbotszone, doch EU und Nato, vor allem aber Amerika, sprechen sich dagegen aus.

Das hat mehrere Gründe. Anfangs war die Lage in Syrien unklar, das Land war gespalten. Minderheiten wie die Christen hielten zu dem Regime der Alawiten, einer schiitischen Minderheit, weil sie unter deren Herrschaft mehr Autonomie genossen als in anderen Staaten der arabischen Welt. Anders als in Libyen gab es zunächst auch keine „befreiten Gebiete“, die man hätte schützen können, um den Aufständischen eine Operationsbasis zu sichern. In Syrien selbst war die Zusammensetzung des Widerstands unklar, die Exil-Opposition war und ist ein zerstrittener Haufen, der sich bis heute nur auf Minimalziele einigen kann, hauptsächlich westlichen Geldgebern zu Gefallen.

Sorge um ein Kernland der arabischen Welt

Auch die internationale Lage ist anders. Weil die westlichen Mächte in Libyen nicht nur die völkerrechtliche Schutzverantwortung wahrgenommen, sondern einen Regimewechsel betrieben hatten, blockieren Moskau und Peking im Fall Syriens bis heute den UN-Sicherheitsrat. Syrien ist im Gegensatz zu Libyen ein Kernland der arabischen Welt, mit hegemonialer Stellung im Libanon und mit einer gemeinsamen Grenze zu Israel. Eine Begrenzung des Konflikts auf Syrien wäre kaum möglich - der gesamte Nahe Osten würde wahrscheinlich in Mitleidenschaft gezogen.

Schließlich ist das Regime in Damaskus Teil einer schiitischen Achse, die von Iran über Irak und Syrien bis in den Libanon reicht. Diese Achse steht in einer historischen Auseinandersetzung mit den sunnitischen Mächten, von der Arabischen Halbinsel im Westen über Ägypten, das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt, über Nordafrika bis nach Afghanistan und Pakistan im Osten. Eine Intervention würde damit Teil eines geopolitischen Konflikts, mit kaum absehbaren Konsequenzen. Hinzu kommt, dass die Erfahrungen mit militärischem Eingreifen im Irak und in Afghanistan die westlichen Staaten enttäuscht und erschöpft haben.

Frühe Intervention hätte kaum etwas verändert

Auch die Lage in Syrien selbst hat sich mit der Eskalation der Kämpfe verändert. Zwar dürfte sich heute eine Mehrheit der Syrer von Assad abgewandt haben, doch auch bei den Aufständischen hat sich eine Radikalisierung vollzogen. Die härtesten Kämpfe liefern Assads Armee heute islamistische Gruppen; die Al-Nusra-Front, die auf der amerikanischen Terrorliste steht und mit Al Qaida in Verbindung gebracht wird, hat angeblich mehr als fünftausend Mann unter Waffen.

Kritiker des westlichen Abseitsstehens glauben, eine frühe Intervention hätte zu einem schnellen Sturz des Assad-Regimes führen können, viele Opfer verhindert und der ethnischen und religiösen Radikalisierung des Aufstandes und damit einem möglichen Zerfall des syrischen Staates vorgebeugt. Doch das ist wenig plausibel. Abgesehen von der vom Fall Libyen gänzlich verschiedenen Ausgangslage, wird die Dynamik unterschätzt, von der die revolutionären Umwälzungen in der arabischen Welt angetrieben werden. Die städtischen, gebildeten, säkularen Kräfte, die vom Westen als Herolde eines „arabischen Frühlings“ gefeiert wurden, haben sich als schwach erwiesen; sie sind nicht wirklich Ausdruck der Tiefenströmung der Arabellion. Das ist die konflikttreibende Renaissance des Islam, teilweise vermischt mit ethnischen Spannungen. Zudem kämpft ein schnell wachsendes Heer arbeitsloser Jugendlicher für eine bessere Zukunft.

Letztlich durchlaufen alle Revolutionen einen Zyklus der Radikalisierung; er hätte in Syrien nach einer Intervention gleichfalls stattgefunden. Erst wenn sich diese Dynamik erschöpft, kann eine Stabilisierung des Landes und der Region beginnen.

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Jahrgang 1948, Herausgeber.

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