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Zehn Jahre nach der Invasion in Irak „Der Wiederaufbau hat erst vor fünf Jahren begonnen“

Zehn Jahre nach der amerikanischen Invasion ist die Lage in Irak alles andere als stabil. Noch immer werden dort täglich Dutzende Menschen getötet. Der UN-Sonderbeauftragte, Martin Kobler, ist pessimistisch für die weitere Entwicklung des Landes.

© AP Vergrößern Ein Triumph, der nicht zum Sieg führte: Am 9. April 2003 wird die Statue Saddam Husseins in Bagdad unter lautem Jubeln gestürzt

Herr Kobler, am Dienstag hat eine heftige Anschlagserie den Irak und die Hauptstadt erschüttert, wenige Tage davor zuvor hatten Bewaffnete das Justizministerium angegriffen. Meldet sich Al Qaida gerade in Bagdad zurück?

Al Qaida ist nicht nur in Bagdad präsent, sondern in vielen anderen Gebieten im Irak, und das bleibt ein großer Grund für Besorgnis. Gewalt ist kein Mittel, die Probleme des Landes zu lösen.

Beobachter nennen die Abwesenheit des erkrankten Präsidenten Dschalal Talabani als Grund für wachsende Spannungen zwischen den politischen Vertretern von Sunniten und Schiiten. Kann sein Ausfall kompensiert werden?

Präsident Talabani hinterlässt eine große Lücke. Er war sehr hilfreich im vergangenen Jahr, um die politischen Fraktionen zusammenzuhalten. Wir wünschen ihm eine schnelle Erholung, damit er bald wieder ins Amt zurückkehren kann.

Können die Vereinten Nationen diese Lücke schließen?

Die Vereinten Nationen können nicht Lösungen ersetzen, die die Iraker selbst finden müssen. Der Irak ist der Irak, mit irakischen Problemen, die irakische Politiker und die irakische Gesellschaft selbst angehen müssen. Was die UN-Mission Unami machen kann, ist, die irakischen Parteien darin zu beraten, politische Lösungen zu finden. Das machen wir mit allen Kräften, ganz besonders seit Beginn der politischen Krise im vergangenen Dezember.

Warum ist die politische Klasse auch ein Jahrzehnt nach dem Sturz Saddam Husseins so gespalten und unversöhnlich?

Gesellschaftliche und politische Aussöhnung ist kein Prozess, der über Nacht geht, was im Irak auch mit drei Jahrzehnten schwierigster Geschichte zu tun hat, mit drei Kriegen und langen Jahren von Sanktionen. Das hinterlässt seine Spuren. Seit 2003 herrscht ein anderes Regime, das Land ist auf dem Weg zu mehr Demokratie, befreit von der brutalen Diktatur Saddam Husseins. Aber auch wenn wir jetzt der zehn Jahre seit seinem Sturz gedenken, sind es eigentlich nur fünf. Denn wirklich angefangen, ihr Land wieder aufzubauen, haben die Iraker erst nach Ende des Bürgerkriegs 2008. Auch was die Demokratisierung anbelangt, blickt der Irak auf fünf Jahre Aufbau zurück, nicht auf zehn.

Martin Kobler © AP Vergrößern Martin Kobler, der UN-Sonderbeauftragte für den Irak

In vielen Teilen Bagdads sind die während des Terrors errichten hohen Schutzmauern beseitigt worden, in der Grünen Zone nicht. Ist es ein gutes Jahr nach dem amerikanischen Abzug nicht an der Zeit, die Abschottung der internationalen Gemeinschaft zu beenden?

Jeden Tag werden auf den Straßen Bagdads und des Iraks zwanzig bis 25 Menschen getötet. Das ist gemessen am Bürgerkrieg natürlich ein Fortschritt, aber jeder Terroranschlag ist einer zu viel. Deshalb sind die hohen Mauern kein Zeichen der Abschottung, sondern Ausdruck davon, dass alle daran arbeiten müssen, ein Wiederaufflammen konfessioneller Gewalt und terroristischer Aktivitäten zu verhindern. So lange es keine Sicherheit gibt, wird es auch keine wirtschaftliche Entwicklung im Irak geben.

Welchen Einfluss hat der Krieg in Syrien auf die Sicherheitslage?

Der Irak liegt in einem instabilen regionalen Umfeld. Eine rasche Lösung des Syrien-Konflikts und ein Nichtauseinanderfallen des Landes liegen deshalb im Interesse des Iraks.

Die verschärfte konfessionelle Rhetorik verdeckt die Aussichtlosigkeit, mit der sich viele junge Iraker konfrontiert sehen. Was muss passieren, damit der Ölreichtum des Landes der Jugend und nicht korrupten politischen und Wirtschaftseliten zufließt?

Der Irak hat ein ganz großes Potential, das genutzt werden muss - fünfzig Prozent der Menschen sind unter 18, siebzig Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt. Das Schaffen von Arbeitsplätzen für junge Leute müsste deshalb im Mittelpunkt stehen, nicht die vermeintlichen konfessionellen Unterschiede. Die Arbeitslosigkeit wird von der Regierung aber nicht angegangen. Dabei kann nur ein irakischer Mittelstand das Land wirtschaftlich voranbringen, nicht der bestehende aufgeblähte öffentliche Sektor.

Die Fragen stellte Markus Bickel.

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Quelle: F.A.Z.

 
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