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Aktualisiert: 06.01.2016, 15:38 Uhr

Chaos im Nahen Osten Das zerstörte Gleichgewicht

Ein starker Iran wähnt sich einem schwachen Arabien gegenüber – und baut seinen Einfluss gezielt aus. Die Saudis halten dagegen. Der Nahe Osten versinkt in Unordnung. Ein Kommentar.

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© AP Iranische Frauen protestieren in Teheran

Der Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens tritt mit der erbittert ausgetragenen Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Iran in eine neue Phase. In der vorausgegangenen Phase zerfielen Staaten, wurden Länder verwüstet, in Syrien und im Irak, in Libyen und im Jemen. Selbst früher starke arabische Akteure wie Ägypten fallen als Ordnungsmächte aus – es gibt keine regionale Ordnung mehr.

Rainer Hermann Folgen:

Von dem Zerfall arabischer Staaten und dem Verlust regionaler Ordnung profitiert in erster Linie Iran – als stabile Macht mit einem funktionierenden Staat. Teheran macht sich skrupellos die Schwäche der arabischen Welt zunutze und baut gezielt seinen Einfluss aus: In Syrien bestimmt es die Geschicke des Regimes, im Irak schützt es die schiitische Regierung, im Jemen hat es den politischen Übergangsprozess torpediert, noch bevor die Saudis ihren Krieg dort begonnen hatten.

Letzte verbliebene arabische „Ordnungsmacht“

Ein Vakuum herrscht in den einzelnen Ländern, in welche Iran vordringt, und in der gesamten Region. Denn in der Sichtweise der Teheraner Führung steht einem starken Iran ein schwaches Arabien gegenüber. Vorüber ist die Zeit eines Gleichgewichts. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass die Vereinigten Staaten zwar weiterhin militärisch am und im Golf präsent sind, sich politisch aber aus der Region zurückziehen. Nach Aufhebung der Sanktionen wird Iran aber über zusätzliche Mittel verfügen, um seinen Einfluss noch weiter auszubauen. Dagegen kann sich als letzte verbliebene arabische „Ordnungsmacht“ nur Saudi-Arabien stemmen.

Zum einen befeuert also das doppelte Vakuum – durch den Zerfall von Staaten und regionaler Ordnung – den saudisch-iranischen Konflikt, zum anderen heizt ihn der konfessionelle Gegensatz von Sunniten und Schiiten an. Geistliche rechtfertigen in Saudi-Arabien und Iran die Anwendung von Gewalt; jeder einzelne Konflikt wird von dem sunnitisch-schiitischen Gegensatz überlagert. Der hat eine Eigendynamik entfaltet, die nicht mehr aufzuhalten ist. Krieg und konfessionelle Gewalt sind Normalzustand geworden.

Karte / Sunniten und Schiiten im Nahen Osten © F.A.Z. Vergrößern

Dabei sind die theologischen Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten nicht groß. Was zählt, sind grundlegend verschiedene Identitäten: Für Sunniten steht Allahs Allmacht in dieser Welt im Vordergrund, für Schiiten die eigene Opferbereitschaft, um der Unterdrückung durch Tyrannen ein Ende zu setzen. In der Vergangenheit hatten autoritäre Regime diesen Gegensatz unterdrückt; als sie wegfielen, ist er voll entflammt. Die konfessionellen Spannungen haben die einzelnen Konflikte nicht in Gang gesetzt, sie werden sie aber verlängern.

Das Zusammenspiel einer Politik, die das Vakuum füllt, mit der Konfessionalisierung, welche die Gegensätze verschärft, destabilisiert den Nahen Osten insgesamt. Es ist aber auch eine Gefahr für die Stabilität Saudi-Arabiens im Besonderen. Denn das Königreich sieht sich existentiellen Herausforderungen gegenüber.

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So hegen Teile der Bevölkerung Sympathie für die sunnitischen Terrororganisationen Al Qaida und „Islamischer Staat“. Diese erklären alle, die ihren violent-intoleranten Islam nicht teilen, zu „Apostaten“ – und damit für vogelfrei – und stellen die Herrschaft des Hauses Saud in Frage. An einer Destabilisierung Saudi-Arabiens und einem Sturz des Hauses Saud kann aber niemandem gelegen sein. Zum anderen findet sich in der ölreichen Ostprovinz die schiitische Minderheit nicht länger mit dem Status als Bürger zweiter Klasse ab und begehrt auf.

Die Saudis vertrauen Amerika nicht mehr

König Abdullah, der vor einem Jahr starb, hatte mit Reformen die Macht der engstirnigen wahhabitischen Geistlichkeit geschwächt und die Schiiten in die Gesellschaft eingebunden. Die neue saudische Führung setzt aber nicht länger auf Reformen, sondern auf das staatliche Gewaltmonopol. Die Hinrichtung von 43 verurteilten sunnitischen Terroristen und vier schiitischen Dissidenten dient der Abschreckung der eigenen Bevölkerung; es ist ein Signal, dass die Herrscherfamilie mit aller Härte gegen Dschihadisten und Schiiten vorgeht.

Einigkeit besteht in Saudi-Arabien darin, Amerika nicht mehr zu vertrauen, vor allem nicht dessen Präsidenten. Amerika aber blickt anders auf die Region, seit es das Erdöl, das es verbraucht, selbst produziert. Da die Saudis Iran fürchten, haben sie das Heft des Handelns selbst in die Hand genommen. Erstmals hatte sich Riad nicht mehr mit Washington abgestimmt, sondern dessen Politik sogar unterlaufen, als es 2011 dem bedrängten sunnitischen König Bahreins zu Hilfe eilte und die schiitischen Proteste niederschlug.

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Zuletzt setzte Riad im Jemen im Alleingang auf militärische Gewalt, um Iran in die Schranken zu weisen. Der Zusammenhang ist offensichtlich: Je weniger sich Amerika in der Region politisch (und militärisch in Syrien gegen das Assad-Regime) engagiert, desto aggressiver tritt Saudi-Arabien auf.

Saudi-Arabien will die Lücke allein füllen und lässt sich von keinem Verbündeten mehr vorschreiben, wie es zu handeln hat. Das kann konstruktiv sein, wie neulich auf der Konferenz der syrischen Opposition in Riad, es kann aber auch destruktiv sein, wie der Konflikt mit Iran, der für den Krieg in Syrien nichts Gutes verheißt.

Quelle: F.A.Z.

 

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