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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Waffenhandel Profiteure des Krieges

 ·  Der syrische Bürgerkrieg hat längst den Norden des Libanon erreicht. Die Armee ist präsent, doch die Bevölkerungsgruppen organisieren ihren eigenen Schutz. Einzig den Waffenhändlern gefallen die Unruhen.

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© REUTERS Sunnitische Kämpfer zielen am Mittwoch im Viertel Bab al Tabbaneh in Tripoli auf ihre eigenen Nachbarn

Über „Dadoland“ geht die Sonne unter. Dicht an dicht drängen sich Familien mit Kinderwagen um Karussells, Schiffsschaukel und Riesenrad. Die Abendsonne wirft ein warmes Licht über den Vergnügungspark im Hafen von Tripoli. Entlang der Uferpromenade laufen Frauen in Kopftüchern und Männer in T-Shirts, um den letzten Abend des Eid-al-Fitr-Festes am Ende des Fastenmonats Ramadan zu genießen. Nuss-, Kaffee- und Souvenirverkäufer machen ein gutes Geschäft.

Doch die Idylle trügt. Über Tripoli hängt eine große Rauchwolke. Eine Kolonne gepanzerter Truppentransporter fährt die Uferstraße entlang, drei Stunden nachdem eine andere Armeeeinheit nur zwei Kilometer entfernt unter schweren Beschuss geraten war. Ein Waffenstillstand zwischen Kämpfern der Stadtteile Bab al Tabbaneh und Dschabal Mohsen hatte nicht lange gehalten. Seit Anfang der Woche liefern sich Anhänger und Gegner des syrischen Präsidenten Baschar al Assad dort erbitterte Gefechte. Beim Versuch, die rivalisierenden Milizen auseinanderzuhalten, gerät die Armee immer wieder zwischen die Fronten. Zwölf Menschen kamen bis Donnerstag ums Leben.

Eine gespaltene Stadt

Der syrische Bürgerkrieg ist in Tripoli, das nur vierzig Kilometer von der Grenze entfernt liegt, längst angekommen. Zwar bekämpfen sich Dschabal Mohsens Alawiten und die Sunniten Bab al Tabbanehs schon seit den achtziger Jahren. Doch mit der Eskalation in Syrien entzündet sich auch der Konflikt in Tripoli neu: Die Hafenstadt ist zum Transit geworden für Waffen, die auf dem Seeweg unter anderem aus Libyen erst in den Libanon und dann weiter zu den Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) gelangen. Die Revolutionsarmee versorgt hier verletzte Kommandeure und einfache Soldaten, die in syrischen Krankenhäusern nicht sicher sind, in provisorischen Kliniken. Diese dienen zugleich als Kommandozentralen und werden streng bewacht.

Denn völlig geschützt sind die Oppositionskämpfer auch in Tripoli nicht. Die Sicherheitskräfte hier sind gespalten - in Anhänger Assads sowie seines libanesischen Verbündeten, des Generalsekretärs der Hizbullah Hassan Nasrallah, und in Mitglieder der Bewegung des „14. März“, die von Saudi-Arabien, Qatar, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten unterstützt werden.

Waffenhandel

„Die internen Sicherheitskräfte werden von den antisyrischen Kräften kontrolliert, der Militärgeheimdienst von Pro-Assad-Männern“, sagt Misbah Adhab, bis 2009 Parlamentsabgeordneter der größten sunnitischen Stadt im Libanon. „Was wir in Tripoli erleben, ist ein iranisch-saudischer Krieg und damit das Letzte, was wir brauchen.“ Da es dem Staat nicht gelungen sei, Tausenden demobilisierten Milizionären aus dem Sunnitenviertel Bab al Tabbaneh Alternativen zu bieten, würden sie nun von extremistischen Gruppen finanziert. Nicht nur sunnitischen: „Auch die schiitische Hizbullah bezahlt diese Männer, die vorher Geld von Saad Hariri bekamen“, sagt Adhab, der Hariris Mustaqbal-Partei angehört.

Es ist ein Muster, das sich überall im Libanon finden lässt. Nicht konfessionelle Zugehörigkeit, sondern Profit entscheidet letztlich über den Verkauf von Waffen. Nicht nur in Tripoli, wo nach Anbruch der Dunkelheit mit Munition, Mörsern und Flugabwehrraketen beladene Schiffe vor Anker gehen. Weitab des Hafens, mehrere Seemeilen vor der Küste, holen die Schmuggler in Schlauchbooten die aus Beständen in Benghasi mit Zwischenstopp im ägyptischen Alexandria stammende Fracht ein, um sie dann weiterzuverkaufen - an Mittelsmänner der FSA und an die Milizen in Dschabel Mohsen und Bab al Tabbaneh.

Dass die Kämpfe dort gerade jetzt aufflammen, diene letztlich Waffenhändlern beider Seiten, sagen Kenner des Konflikts: Da die Armee gezwungen sei, ihre Kräfte zu verschieben, könnten die Schmuggler die Waffen leichter vom Meer in die Stadt bringen.

Obwohl viele Beamte geschmiert sind und ein Auge zudrücken, investieren die Händler in professionelle Überwachungstechnik. Bilder vorbeifahrender Autos laufen auf dem Fernseher in Mahmud Smails Empfangszimmer - die Aufnahmen von gleich vier in der Umgebung seines Hauses installierten Kameras hat er so immer im Blick. Am späten Abend herrscht dichtes Treiben in dem flachen Haus in der Bekaa-Ebene. Ständig kommen neue Kunden, um sich mit ein paar Gramm Haschisch oder Kokain einzudecken. Während Smail, über einen Laptop gebeugt, seine neuesten Facebook-Meldungen durchgeht, bedienen auf einer breiten Couch zwei junge Männer die Besucher. Auf dem Sims über der Lehne liegen eine leere Wasserpfeife und zwei Kalaschnikows, auf dem Couchtisch steht eine Schale mit Weintrauben.

Preise für illegale Waffen steigen

Wie die Miqdad-Familie, die vergangene Woche durch die Entführung von Syrern im Libanon Schlagzeilen machte, zählen die Smails zu den großen Bekaa-Clans. Ihren Sitz haben sie in der westlich von Baalbek gelegenen Gegend um Britel - einer Hochburg für Drogen-, Waffen- und Menschenhandel; auch gefälschte Papiere sind hier leicht zu bekommen. Smail lacht, als er nach den Preisen für Waffen gefragt wird: „Seit Ausbruch der Krise in Syrien haben sie sich mehr als verdreifacht“, sagt der Mann Anfang dreißig. „Kalaschnikows kosteten vor dem Krieg 600 Dollar, jetzt kriegt man dafür 2000 bis 3000.“ Gelassen hantiert Smail mit seinen beiden Mobiltelefonen, wirft ab und zu einen Blick auf die Bilder der Überwachungskameras.

In den vergangenen Wochen ist es am Rande der Bekaa-Ebene immer wieder zu Gefechten zwischen syrischen Grenzsoldaten und Aufständischen gekommen. Die libanesische Armee unterhält mehrere Kontrollpunkte in dem Gebiet. Smail und seine Leute kümmern sich indes um ihre eigene Sicherheit. Die ganze Nacht über passieren von der Großfamilie bezahlte Fahrer die von Schlaglöchern überzogene Hauptstraße, von der eine kleinere zu ihrem Gehöft abzweigt, das von Steinmauern umrahmt wird. Bilder Nasrallahs und des iranischen Revolutionsführers Chamenei zieren Laternenpfähle. Sollte sich die Armee unerwartet nähern, wäre Smail mit einem Geländewagen schnell wieder weg. Darin lagern Gewehre neben der Gangschaltung, Handgranaten auf dem Rücksitz.

Profit durch den Bürgerkrieg

Wie die Waffenhändler von Tripoli profitiert seine Familie vom Bürgerkrieg, der nur wenige Kilometer nördlich des Familiensitzes täglich mehr als hundert Tote fordert. Nein, mit der Hizbullah habe er nichts am Hut, sagt der in Gucci-Shirt und Jeans gekleidete Händler mit kurzen dunklen Haaren. „Wenn Bestellungen eingehen, kümmern sich die entsprechenden Leute darum - je größer die Lieferung, desto länger dauert es.“ Anders als in der Hafenstadt Tripoli, wo die libanesische Marine im April den mit aus Libyen stammenden Luftabwehrraketen und schwerer Munition beladenen Frachter „Lutfallah II“ aufgriff, kommt der Großteil der weiterverkauften Waffen aus syrischen Beständen oder denen der Hizbullah auf dem Landweg in die Bekaa-Ebene.

Seit dem Ende des Libanon-Krieges 2006 hat die schiitische Parteimiliz ihr Arsenal erheblich ausgeweitet - Fachleute sprechen von mehr als 50000 aus Iran über Syrien in die Bekaa-Ebene gelieferten Raketen, darunter auch solchen, die den Süden Israels erreichen könnten. Doch seit Beginn des bewaffneten Aufstands gegen Assad im Sommer vergangenen Jahres gelangen sie in die Hände der Gegner von Nasrallahs Verbündeten. Die Bekaa-Ebene und der im bergigen Hinterland von Tripoli gelegene Akkar dienen so längst nicht mehr nur als Rückzugsraum der Rebellen, sondern sind selbst zum Kriegsgebiet geworden.

Krieg wird zum Alltag

Zwischen den mehrheitlich sunnitischen Gemeinden an der nordlibanesischen Grenze liegen auch ein paar christliche und alawitische Dörfer - die nach dem bei einem Autounfall getöteten Bruder des syrischen Präsidenten benannte „Basil-al-Assad-Schule“ steht in al Hissa nicht weit vom Haus eines alawitischen Unternehmers entfernt. Ein Mann mit Walkie-Talkie in der Hand sitzt auf einem Plastikstuhl gegenüber dem von hohen Mauern umgebenen Gebäude. Obwohl libanesische Soldaten in silbernen BMWs und Mercedes unterwegs sind, kümmern sich auch im Grenzgebiet Akkar die Konfliktparteien längst um ihre eigene Sicherheit.

In Gemeinden wie dem nordöstlich Tripolis gelegenen Abudijeh gehört der Krieg längst zum Alltag, wie ein Blick auf das von Granatäpfel- und Feigenbäumen umgebene Haus Abu Mehdi Sahabs zeigt. Vor zwei Wochen haben Granatsplitter zwei Fenster zerschlagen und die Hausfassade zerlöchert. Das Schlafzimmer des Mannes Anfang siebzig ist von Mauerresten übersät. Seit zwei, drei Monaten beschieße die syrische Armee täglich sein Dorf, sagt Sahab. „Ihnen geht es nur darum, uns und die libanesische Armee zu terrorisieren.“ Daran, zu fliehen, denke er nicht, sagt der alte Mann. „Ich habe nur dieses Haus, hier werde ich bleiben.“

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Jahrgang 1971, Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Kairo.

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