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Syrische Flüchtlinge : Wettlauf gegen den Winter

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die Lage der sechs Millionen Vertriebenen spitzt sich zu. Es mangelt an fast allem - auch weil viele Staaten ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Eine Konferenz in Berlin an diesem Dienstag soll helfen.

          Ausgerechnet jetzt, wo die Kälte kommt, werden immer weniger Decken, Nahrung, Kleidung und Medikamente bereitgestellt. Weil viele Geberstaaten ihren Zusagen nicht nachgekommen sind, stehen Millionen Syrer zu Beginn des Winters noch schlechter da als bislang, eine Hungersnot droht: Auf 825 Kalorien am Tag pro Person wird das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen seine Hilfen im November zurückfahren müssen. Das ist weniger als die Hälfte des empfohlenen täglichen Minimums. Schon seit Anfang Oktober erreichen nur noch sechzig Prozent der bisherigen Hilfen die Bedürftigen. Zu groß seien die Finanzierungsengpässe, um die bisherige Versorgung aufrechtzuerhalten, heißt es seitens des Büros für die Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha) in Genf.

          Die humanitäre Lage von 4,2 Millionen intern Vertriebenen und 2,5 Millionen Flüchtlingen in den Nachbarländern, die auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sind, wird eines der wichtigsten Themen der Konferenz zur syrischen Flüchtlingslage an diesem Dienstag in Berlin sein. Bei der Geberkonferenz Anfang des Jahres in Kuweit hatten viele der Staaten und internationalen Organisationen, die nun im Auswärtigen Amt wieder mit dabei sind, mehr als sechs Milliarden Dollar Hilfsgelder zugesagt. Doch davon ist längst nicht alles angekommen, so dass nicht nur dem Welternährungsprogramm die Mittel bis zum Jahresende ausgehen. Eine Versorgungslücke von 325 Millionen Dollar bis Dezember beklagt das WFP. „Gebermüdigkeit“ heißt dazu das verharmlosende Schlagwort.

          Hunderttausende warten vergeblich auf Hilfslieferungen

          Hunderttausende Familien in Syrien selbst, aber auch in den angrenzenden Staaten Türkei, Libanon, Jordanien und Irak sind in einer verzweifelten Lage. Viele von ihnen müssen den Winter in Zelten überstehen. Rund 35 Millionen Dollar pro Woche benötigt das Welternährungsprogramm, um den grundlegenden Bedarf in Syrien zu decken – so viel wie das amerikanische Militär seit Beginn der Luftschläge gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ pro Woche für seine Militäroperationen ausgegeben hat. Da die Zeitspanne zwischen Ankauf und Verteilung der Hilfsmittel mehr als sechs Wochen beträgt, ist eine langfristige Planung angesichts der Finanzlücken inzwischen kaum mehr möglich.

          Vor Beginn des vierten Kriegswinters macht jedoch auch eine abermalige Eskalation des Konflikts den Hilfsorganisationen zu schaffen. Vor allem in den an die Türkei angrenzenden westsyrischen Provinzen Idlib und Aleppo sind Nahrungsmitteltransporte durch die Kämpfe im Oktober fast unmöglich gemacht worden; im Vergleich zum September gingen sie um die Hälfte zurück. In Deir al Zor und Raqqa, das seit März 2013 vom „Islamischen Staat“ kontrolliert wird, ist die Lage noch schlimmer. 600.000 Menschen warteten dort vergeblich auf Lieferungen. Die letzten UN-Transporte dorthin fanden im Mai und Juli statt.

          Den Preis zahlen die Flüchtlinge

          Eigentlich hatte die im Juli vom Sicherheitsrat verabschiedete Resolution 2165 Erleichterung schaffen sollen. Erstmals seit Beginn des Konflikts im März 2011 hatten die Vereinten Nationen Hilfsorganisationen nicht nur den Zugang über vier Grenzübergänge in von der Opposition kontrollierte Gebiete erlaubt – ohne Zustimmung des Machthabers Baschar al Assad in Damaskus. Im August konnten deshalb mehr Nahrungsmittelrationen ausgeteilt werden als zuvor: 4,1 Millionen Menschen wurden beliefert. Aber auch Transporte über die Fronten des zwischen Regierungseinheiten und verfeindeten Oppositionsmilizen zersplitterten Landes sind nun prinzipiell möglich.

          Syrische Flüchtlingskinder in Azaz, einem Flüchtlingslager in der Nähe der syrisch-türkischen Grenze
          Syrische Flüchtlingskinder in Azaz, einem Flüchtlingslager in der Nähe der syrisch-türkischen Grenze : Bild: Reuters

          Mitte Oktober gelang es auf diese Weise, rund 15.000 Menschen im zentralsyrischen Homs mit Nahrung auszustatten. Die Lage in der Hauptstadt der gleichnamigen umkämpften Provinz freilich bleibt verzweifelt: Allein im westlichen Vorort al Waer befinden sich rund 350.000 Menschen seit fast einem Jahr unter Belagerung. Mehrere Waffenstillstände scheiterten nach kurzer Zeit. Und angesichts der Kämpfe rund um die nordsyrische Kurdenenklave Kobane und im Qalamun-Gebirge schaffen immer neue Kontrollposten zusätzliche Hindernisse für die Hilfsorganisationen.

          Weil kuweitische Regierungsbeamte verärgert darüber sind, dass viele Geber ihren Verpflichtungen vom Jahresbeginn bis heute nicht nachgekommen sind, steht eine im Januar geplante Folgekonferenz inzwischen in Frage. Den Preis dafür zahlen die Vertriebenen. Auch im Libanon, das mit knapp 1,2 Millionen registrierten Flüchtlingen die meisten Syrer aufgenommen hat, in Jordanien, der Türkei und im Irak sind die Lebensmittelhilfen im Oktober bereits reduziert worden.

          Quelle: F.A.Z.

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