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Syrien Unter Beschuss aus der Luft

 ·  Assads Truppen kommen am Boden oft nicht mehr weit. Zu gut bewaffnet sind die vielen Milizen, die eine ganze Region kontrollieren. Mehr denn je setzt das Regime Hubschrauber ein.

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© AFP Eine von der Opposition am Mittwoch veröffentlichte Aufnahme aus Homs

Der Kampf um die Kleinstadt Haffe bei Lattakia scheint ein neues Kapitel im syrischen Bürgerkrieg zu eröffnen. Zwar hat die reguläre Armee seit Beginn des Konflikts im März 2011 immer wieder Hubschrauber über Städten kreisen lassen. Sie hatten bisher aber nie Schüsse abgefeuert. In Haffe wurden nun offenbar Wohngebiete aus Kampfhubschraubern beschossen.

Die Armee scheint damit darauf zu antworten, dass immer besser bewaffnete Feinde es den Truppen auf dem Boden schwermachen, Territorium zurückzuerobern. Vor kurzem wurden in Aleppo Industriegebiete aus der Luft beschossen, in denen die Armee Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ vermutet hatte.

Inzwischen agieren die bewaffneten Rebellen aus einem vergleichsweise sicheren Rückzugsgebiet heraus. Sie kontrollieren im Zentrum Syriens eine Region, in welcher der syrische Staat faktisch nicht mehr existent ist; das Gebiet ist ein Viereck mit den Eckpunkten Idlib und Dschisr al Schughur im Norden sowie Salhab und Hama im Süden. In ihrem Kern liegt zwischen dem Alawitengebirge im Westen und der Wüste im Osten die fruchtbare Ghab-Ebene. Dort haben die Rebellen einen Parallelstaat eingerichtet, in dem sie Recht sprechen, Waffen verteilen und auch produzieren sowie ihre Operationen vorbereiten. Langsam weiten sie ihr Herrschaftsgebiet aus.

Nördlich des Vierecks haben die Rebellen von Idlib aus einen Korridor in die Türkei und im Süden von Homs aus einen weiteren nach Tripoli im Libanon. Die Rebellen dürften mindestens die Hälfte ihrer Waffen von ihrem Feind bekommen haben, der syrischen Armee also. Teils haben desertierende Soldaten leichte und mittelschwere Waffen aus den Kasernen mitgenommen, teils haben korrupte Offiziere den Aufständischen Waffen verkauft. Diese setzen dabei Geld ein, das sie als Spenden oder Belohnung erhalten, wenn sie inhaftierte Soldaten befreien oder entlassen.

Über die Korridore kommen Waffen ins Land. Außerdem können sich Zivilisten über die Korridore in Sicherheit bringen und verletzte Rebellen zur Behandlung ins Ausland gebracht werden. Schließlich durchschneiden die Korridore die Lebenslinien des Regimes. Die Verkehrsachse, die die vier großen Städte Damaskus, Homs, Hama und Aleppo von Süden nach Norden verbindet, ist nicht mehr intakt. Unterbrochen ist auch im Norden die Verbindung zwischen Aleppo und Lattakia, der größten syrischen Stadt am Mittelmeer. Kaum ein Syrer reist mehr über Land. Unternehmen können ihre Produkte nicht mehr landesweit absetzen und die Nachschubwege der Armee sind zerschnitten.

Das verhasste Regime stürzen

Mit ihren Panzern zeigt die Armee zwar auch in Feindesland Präsenz. Sobald sie abgezogen sind, haben aber wieder die Rebellen das Sagen. Gemäßigte Oppositionelle in Damaskus schätzen, dass die Rebellen bereits ein Viertel Syriens kontrollieren. In Städten wie Idlib kontrolliert die Armee zwar das Zentrum, hat schon in den Randgebieten aber kaum noch etwas zu sagen. Weitgehend unter Kontrolle hat das Regime die Hafenstadt Lattakia. Neuerdings rücken die Rebellen aber auf die Hafenstadt vor. In Haffe, das die Rebellen am Mittwoch unter Beschuss verließen, hatten sie die Polizeiwache dem Erdboden gleichgemacht.

Die „Freie Syrische Armee“ der Aufständischen sind dabei keine Streitkräfte mit klarer Hierarchie, auch wenn in der sicheren Türkei Oberst Riad Asaad für sich in Anspruch nimmt, die Rebellen zu kommandieren. Es sind vielmehr Hunderte lokale Milizen, die bestenfalls mit benachbarten Milizen Kontakt unterhalten. Meist handelt es sich um bunte Sammlungen aus Deserteuren sowie wirtschaftlichen und politischen Opfern des Regimes, die sich nun gegen die langjährigen Unterdrücker erheben. Sie legen sich Namen zu wie „Falken Syriens“, „Falken von Ghab“ und „Die Freien Syriens“. Die einen sind streng salafistisch ausgerichtet und verstehen sich als religiöse Krieger, andere aber sind säkular und arbeiten mit der Führung der „Freien Syrischen Armee“ zusammen. Sie eint der Wille, das verhasste Regime zu stürzen.

Die Regierung von Präsident Baschar al Assad setzt seinerseits, nach Schätzungen von syrischen und ausländischen Fachleuten, mutmaßlich nur ein Fünftel der regulären Armee zur Niederschlagung des Aufstands ein. Offenbar ist die Führung nicht von der Loyalität ihrer Soldaten überzeugt. Zum Einsatz kommen Einheiten, die dem Regime loyal verbunden sind. Dazu kommen die aus Alawiten bestehenden, berüchtigten Schabiha-Milizen, die keine Uniform tragen.

Schabiha hießen ursprünglich die inoffiziellen Leibwächter des Assad-Clans in der Region Lattakia. Die Assads kommen aus Qardaha nahe Lattakia. Später waren im Sprachgebrauch alle jene „Schabiha“, die sich über das Gesetz hinwegsetzen konnten. Im aktuellen Konflikt hat das Regime Schabiha vor allem zum Schutz alawitischer Dörfer gegen Angriffe der „Freien Syrischen Armee“ eingesetzt.

Züge eines Guerrillakriegs

Mit den Taktiken der Rebellenmilizen und der paramilitärischen Schabiha nimmt der Konflikt Züge eines Guerrillakriegs an. Während die Armee mit Panzern und Kampfhubschraubern den Bodentruppen Schutz gibt, die Straßen und Häuser durchkämmen, greifen die Rebellen aus Widerstandsnestern Einheiten der Armee an.

Die Schabiha terrorisieren wiederum die Zivilbevölkerung, aus deren Mitte heraus die Rebellen agieren. Nicht bestätigt, aber auch nicht unplausibel sind Berichte, dass Iran mit Einheiten, die Erfahrung mit der Niederschlagung von Aufständen haben, der syrischen Armee und den Schabiha zur Seite steht. Sollte das offenbar werden, dürfte das Regime die Unterstützung der meisten Nichtalawiten verlieren.

Der Zufluss von Waffen nach Syrien versiegt nicht. Die Streitkräfte verfügen über 120 Kampfhubschrauber aus russischer und französischer Produktion. Im russischen Marinestützpunkt Tartus legen immer wieder russische Kriegsschiffe an. Was dort entladen wird, entzieht sich den Blicken. Andererseits brüsten sich Qatar und Saudi-Arabien damit, Waffen an die Rebellen zu liefern. Wahrscheinlich gelangen Waffen aus den Beständen libyscher Rebellen an syrische Aufständische. Ob darüber hinaus Waffen direkt aus qatarischen oder saudischen Arsenalen zum Einsatz kommen, ist umstritten.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Politik.

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