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Syrien-Konflikt Kostenvoranschläge aus dem Pentagon

Die amerikanischen Streitkräfte bereiten sich auf ein Eingreifen in Syrien vor. Den Szenarien der Generäle ist gemeinsam, dass sie viele Nachteile haben.

© AP Vergrößern Erfolgt bald ein amerikanischer Angriff? Syrische Soldaten in Jobar, einem Stadtteil von Damaskus

Im Frühjahr 2011 wandelte sich das Weiße Haus so schnell vom Interventionsskeptiker zur Kriegspartei, dass es selbst Verbündeten den Atem verschlug. Wochenlang hatte sich die Lage im Osten Libyens zugespitzt, wo die Gegner von Diktator Muammar al Gaddafi mit einem Massaker rechnen mussten. Doch aus der kriegsmüden Regierung von Präsident Barack Obama drangen nur Warnungen und Mahnungen: Die Einrichtung einer Flugverbotszone sei eine riskante Operation mit ungewissem Ende, welche die Region destabilisieren könne. Außerdem laufe man Gefahr, islamistischen Extremisten an die Macht zu verhelfen. Schließlich werde „ein weiterer Krieg“ gegen ein muslimisches Land Amerikas Ansehen schaden. Doch eines Mittwochabends, in Europa schliefen die meisten Diplomaten schon, teilte UN-Botschafterin Susan Rice plötzlich mit, ihre Regierung halte „nicht nur eine Flugverbotszone, sondern auch darüberhinausgehende Maßnahmen“ für erforderlich. Binnen 24 Stunden hatte der UN-Sicherheitsrat die Anwendung „aller notwendigen Mittel“ zum Schutz der Zivilbevölkerung autorisiert. Anderthalb Tage später trafen die ersten Marschflugkörper Ziele in Libyen.

Die Argumente, die nunmehr seit Jahren in Washington gegen eine Syrien-Intervention vorgebracht werden, ähneln denen vom Februar und März 2011. Sie haben noch mehr Gewicht, denn die dominierende Rolle von Dschihadisten in der syrischen Opposition ist ebenso belegt wie der Umstand, dass das Regime von Präsident Baschar al Assad dank seiner russischen Partner ein wesentlich effektiveres Luftabwehrsystem hat als damals Gaddafis Wüstenstaat. Nach dem Giftgaseinsatz vom vorigen Mittwoch haben allerdings auch diejenigen massive Argumente, die ein Eingreifen verlangen: Die Zivilbevölkerung wird Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit - und die Weltmacht ist im Begriff, sich unglaubwürdig zu machen. Hatte Obama nicht selbst für diesen Fall vor einem Jahr eine „rote Linie“ gezogen?

Wieder quält sich das Weiße Haus mit einem Kurswechsel, aber diesmal lässt es die Öffentlichkeit an den Etappen teilhaben. Nach dem mutmaßlichen Nervengas-Angriff am vorigen Mittwoch wurde zunächst nur eine Untersuchung angekündigt. Inoffiziell ließen Regierungsmitarbeiter aber bald durchblicken, die Geheimdienste könnten inzwischen auf ein dichtes Netz gut geschulter Informanten in Syrien zurückgreifen, die Gewebeproben fachgerecht entnehmen und versenden könnten, damit die Fakten rasch geklärt würden - und kaum jemand in der Regierung bezweifle, dass das Assad-Regime hinter dem Angriff stecke. Am Freitag gab der Präsident selbst ein Interview, in dem er „höchste Besorgnis“ bekundete, aber viel wortreicher Grenzen und Risiken eines militärischen Eingreifens beschrieb. Vor allem die bitteren Folgen für die Staatskasse in Zeiten ihres Rekorddefizits stellte der Oberbefehlshaber heraus. Am Samstag blieb dann die Mitteilung des britischen Premierministers David Cameron unwidersprochen, Obama und er sähen „zunehmende Anzeichen für einen erheblichen Chemiewaffenangriff des syrischen Regimes gegen seine Bevölkerung“. Kaum hatten die Vereinten Nationen am Sonntag schließlich mitgeteilt, dass Damaskus ihren Inspekteuren eine Untersuchung des Orts der Angriffe von Mittwoch erlaubt habe, versorgte das Weiße Haus ausgewählte Medien mit einer scharf formulierten Reaktion: Assads Schritt komme zu spät, um glaubwürdig zu sein, zumal durch die weitere Bombardierung des Orts Ghuta nahe Damaskus die Spurensuche erschwert worden sei. Ohnehin ist es den UN-Fachleuten nicht gestattet, die Urheberschaft eines Chemiewaffenangriffs zu ermitteln.

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© afp Vergrößern Syrien: UN-Inspekteure unter Beschuss

Der führende republikanische Außenpolitiker im Senat, Bob Corker, forderte im Fernsehen nicht die Durchsetzung einer Flugverbotszone über Syrien, wie es sein Fraktionskollege John McCain seit vielen Monaten tut, sondern „chirurgische Schläge“. Auch der höchste Demokrat im Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses, Eliot L. Engel, sprach sich für Luftschläge aus sicherer Entfernung aus. Schon befinden sich vier statt der üblichen zwei Zerstörer der amerikanischen Kriegsmarine im Mittelmeer, die Tomahawk-Marschflugkörper auf Ziele in Syrien abschießen könnten, ohne dass die Luftwaffe in den syrischen Luftraum eindringen müsste. Doch dieses Vorgehen wäre eher eine massive Warnung an Assad als ein Weg, um einen neuerlichen Einsatz von Chemiewaffen auszuschließen. Das Pentagon weist darauf hin, dass die syrischen Abschussrampen für mit Chemiewaffen bestückbare Raketen mobil, also nicht mit wenigen Schlägen zu vernichten seien. Sollte Assad eine „Warnung“ mit Tomahawks ignorieren, wären die Vereinigten Staaten wohl endgültig zu einem massiven Kriegseinsatz gezwungen, wollten sie nicht ihre Glaubwürdigkeit verspielen.

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