Zur Aufklärung des Massakers von Hula hat der Untersuchungsbericht der syrischen Regierung wenig beigetragen. Wer loyal zum Regime ist, fühlt sich durch den von General Qassim Sulaiman am Donnerstag vorgestellten Bericht bestätigt - wer den Sturz des Regimes von Baschar al Assad will, glaubt der Regierung ohnehin kein Wort. In der Kernaussage enthält der Untersuchungsbericht keine Überraschungen. Was bei der Präsentation des Berichts im syrischen Außenministerium aber zwischen den Zeilen durchklang, zeigt, wie weit Syrien bereits in einen Bürgerkrieg abgeglitten ist.
Am Freitag voriger Woche waren nördlich von Homs in den Dörfern von Hula 108 Menschen getötet worden. Die meisten von ihnen waren Kinder und Frauen. Das Blutbad hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Der UN-Syrienbeauftragte Kofi Annan sprach von einem „Wendepunkt“ in der Syrienkrise, im Westen wurden die Stimmen nach einer militärischen Intervention zum Schutz der Zivilbevölkerung lauter, und viele Staaten wiesen die Botschafter Syriens aus. Der zivil gekleidete General Sulaiman bestritt jegliche Verantwortung der syrischen Armee und des Staats für das Massaker. Vielmehr hätten sich nach dem Freitagsgebet an zwei Stellen der Ebene von Hula „600 bis 800 Bewaffnete“ versammelt, sagte der General.
Eine Woche hat das Regime geschwiegen
Von dort seien sie zu einem Angriff auf ein Dorf aufgebrochen. Die Armee hingegen habe ihre Kaserne nicht verlassen. Denn in der Gegend könne sich keiner ohne das Wissen und die Duldung der „Terrorbanden“ bewegen. Die Bewaffnete könnten das Ziel gehabt haben die Kinder zu töten, um Öl ins Feuer zu gießen und einen zersetzenden Bürgerkrieg einzuleiten. Als zweites Ziel des Massakers nannte er, in Folge der internationalen Empörung eine ausländische Intervention anzustoßen.
Nach den Aussagen von UN-Beobachtern ist Sulaimans Behauptung, dass die Armee ihre Kaserne nicht verlassen habe, nicht zu halten. Wenige Tage nach dem Massaker waren UN-Beobachter in Hula. Sie beschrieben, wie Häuser durch die Beschießung von Panzern zerstört worden seien und wie sie frische Panzerspuren gesehen hätten. Zudem zeigten Satellitenaufnahmen, wie sich Einheiten der regulären Armee in der Gegend außerhalb der Kasernen bewegt haben. Bemerkenswert ist jedoch Sulaimans öffentliches Eingeständnis, dass die Armee Teile des Landes nicht unter Kontrolle hat. Selbst wo dies tagsüber der Fall ist, übernehmen teilweise nachts bewaffnete Oppositionelle das Kommando.
Der Sprecher des Außenministeriums, Dschihad Makdisi, äußerte, der vorläufige Bericht habe nicht die Absicht, die Staatengemeinschaft umzustimmen. Vielmehr ziele er auf die öffentliche Meinung in Syrien. Die hatte eine Woche lang vergeblich auf eine Stellungnahme ihrer Regierung gewartet. Eine Woche hatte das Regime geschwiegen und das Feld der Opposition überlassen. Selbst Syrer, die sich nicht zur Opposition bekennen, haben in der vergangenen Woche zunehmend das Vertrauen in das Regime verloren.
Vermutlich ein Rachefeldzeug zweier Religionsgruppen
Anstatt Führungsstärke zu zeigen, zur nationalen Einheit aufzurufen und beispielsweise selbst eine nationale Trauer auszurufen, sei die Regierung auf Tauchstation gegangen, klagt ein Syrer der gebildeten Mittelschicht. Der Präsident habe nicht das Wort ergriffen, auch nicht der Regierungschef und nicht ein einziger Minister. Die Stimmung habe sich gegen das Regime gedreht, und nun rolle eine Flutwelle auf es zu, die der Sprecher des Außenministeriums aufhalten sollte. Der eloquente Karrierediplomat Makdisi genießt in der Tat, anders als viele Regierungsmitglieder, auch das Vertrauen vieler Regimekritiker, die ihm Loyalität zum Vaterland bescheinigen.
Immer wieder deutete er auch seine Unzufriedenheit mit dem Gang der Dinge an. Etwa als er sagte, er sei nicht hier, um die Medienpolitik der Regierung zu verteidigen, die auch viele Anhänger des Regimes für ein Desaster halten. Auch äußerte er, Syrien sei ein „Mosaik von zwölf religiösen Gruppen“. Er müsse aber den Vorgaben der Regierung folgen und dürfe sie nicht beim Namen nennen. Die Regierung werde alles tun, um dieses Mosaik zu erhalten und seine Zerstörung zu verhindern.
Dabei gilt es in Damaskus als ausgemacht, dass das Massaker von Hula mit größter Wahrscheinlichkeit ein Teil eines Rachefeldzuges zwischen Religionsgruppen war und Teil des neuen syrischen Bürgerkriegs. Die Ebene von Hula ist eine Ansammlung von sunnitischen Dörfern, an ihren Rändern geht sie in von Alawiten bewohnte Dörfer über. Assad ist Alawit, in der Führung des Staats sind Alawiten überproportional vertreten.
In einem Racheakt hatten zunächst Sunniten nahe Hula die alawitische Familie des mächtigen Luftwaffengenerals Adib Salameh getötet, der in Aleppo den gefürchteten Geheimdienst der Luftwaffe leitet. Daraufhin haben offenbar Panzer die sunnitischen Dörfer beschossen, und nachdem sie abgezogen waren, haben Schabiha genannte alawitische Räuberbanden das Massaker angerichtet.
Die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen, wird nicht gelingen. Makdisi gestand ein, die Mitglieder der Untersuchungskommission hätten in Hula ja nicht alle jene befragen können, die sie hätten befragen müssen. Im sicheren Damaskus streckte er aber die Hand an jene aus, die vielleicht doch noch an einem Dialog interessiert sind, um das Abgleiten in einen langen Bürgerkrieg zu verhindern. Er lud alle Oppositionelle zum Dialog ein. Sie müssten nur eine Bedingung erfüllen: eine ausländische Intervention ablehnen. Denn das Regime unterscheidet zwischen einer inzwischen geduldeten „patriotischen Opposition“, die eine innersyrische Lösung sucht und einer „ausländischen Opposition“, die ein Eingreifen der Staatengemeinschaft fordert.
Der Westen hat keine Tugenden mehr
Karola Schramm (Alorak)
- 03.06.2012, 12:47 Uhr
Eingreifen des Auslands im syrischen Bürgerkrieg
Günter Jäger (rohrbacher)
- 03.06.2012, 11:38 Uhr
Es bleibt schwierig
klaus keller (klkeller)
- 02.06.2012, 13:33 Uhr
So war es NICHT
Jürgen Orlok (JuergenOrlok)
- 02.06.2012, 12:24 Uhr
Ich frage mich immer wieder nach dem Grund dieser einseitigen,
tendenziösen Berichterstattung.
bernd stegmann (fazhansi)
- 02.06.2012, 10:47 Uhr