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Veröffentlicht: 15.01.2016, 12:38 Uhr

Gewalt gegen Frauen in Ägypten Wo sexuelle Belästigung Alltag ist

Auf Kairos Straßen kommt es permanent zu Übergriffen auf Frauen. Sexuelle Belästigung ist hier unerträgliche Normalität. Das Vorgehen der Täter in der Kölner Silvesternacht ähnelte Attacken auf dem Tahrir-Platz 2011. Doch bei den Ursachen gibt es Unterschiede.

von , Beirut
© Ullstein Klare Ansage: Frauen in Kairo

Der Wikipedia-Eintrag zu „Taharrush gamea“ ist noch keine Woche alt. Und er war kaum veröffentlicht, da entzündete sich schon heftiger Streit über die Frage, ob er nicht besser gelöscht werden sollte. Kritiker sprachen im Debattenforum der Website von einer exotisierenden „Begriffsetablierung“: Es werde eine arabische Vokabel zur Beschreibung für sexuelle Übergriffe auf Frauen durch Gruppen von Männern zu einem genuin arabischen Kulturphänomen stilisiert, hieß es sinngemäß. Das Thema sei zu wichtig, entgegneten andere oder äußerten Zuversicht, dass sich die Qualität des Eintrags noch bessern werde.

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Dessen erste Version stützte sich in erster Linie auf die Presseberichte, die auf der Basis der Angaben des Bundeskriminalamtes zu den massenhaften Angriffen auf Frauen in Köln durch mehrheitlich aus dem Maghreb stammende Angreifer erschienen waren. Erst in einer späteren Version wurde auf eine breitere Basis von Studien zurückgegriffen und auf ähnliche Vorgänge in Indien hingewiesen, wo es immer wieder zu Massenvergewaltigungen kommt, oder auf Mob-Angriffe wie jenen in New York im Jahr 2000 durch eine Gruppe stark alkoholisierter und bekiffter Männer im Central Park, die nach Presseberichten vor allem aus Lateinamerika stammten.

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„So liegen dem Bundeskriminalamt Erkenntnisse dazu vor, dass in arabischen Ländern ein Modus Operandi bekannt ist, der als ‚taharrush gamea‘ (gemeinsame sexuelle Belästigung in Menschenmengen) bezeichnet wird. Darüber wurde z. B. anlässlich der ägyptischen Revolution in den Medien berichtet“, heißt es in dem Bericht des Innenministeriums an den Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags vom 10. Januar. Das Vorgehen der Täter in Köln ähnelte nach allem, was über die Angriffe inzwischen bekannt ist, dem Vorgehen der Banden auf dem Kairoer Tahrir-Platz nach dem Sturz des Machthabers Husni Mubarak im Februar 2011. Die Angreifer hatten Frauen aus der Masse isoliert, eingekreist und mit Händen und Gegenständen brutal vergewaltigt.

Politische Interessen statt Alkoholmissbrauch

Ägyptische Frauenrechtlerinnen und Aktivistinnen gegen sexuelle Gewalt weisen indes darauf hin, dass es große Unterschiede gibt, was die Ursachen und Umstände der Übergriffe betrifft. „Man kann die sexuellen Angriffe auf dem Tahrir-Platz aus vielerlei Gründen nicht mit den Ereignissen von Silvester in Köln vergleichen“, schrieb die ägyptische Frauenrechtsaktivistin Mariam Kirollos auf Ihrer Facebook-Seite. Sie hatte seinerzeit angesichts der Angriffe eine Organisation zum Schutz der ägyptischen Frauen gegründet. Dazu gehörten etwa die Rolle der Sicherheitsbehörden und die Art der Massenveranstaltung, schrieb Kirollos weiter.

Anders als in Köln spielte etwa Alkoholmissbrauch in Kairo keine so große Rolle, wohl aber politische Interessen. Schließlich handelte es sich um politische Kundgebung und nicht um eine Massenparty. Es herrschen keine Zweifel daran, dass – zumindest anfangs – Schlägerbanden hinter den sexuellen Angriffen in Kairo steckten, die im Dienste entmachteter Funktionäre des Mubarak-Regimes standen. Die sogenannten Baltagiyya hatten schon 2005 im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt zugeschlagen und Demonstrantinnen angegriffen, die gegen das Mubarak-Regime protestierten.

„Die Rolle des Staates ist eine völlig andere“, sagt auch Noora Flinkman von der Organisation Harassmap, die sich wie einige andere Gruppen der grassierenden sexuellen Belästigung in Ägypten entgegenstellt. Ihre Mitstreiter, unter ihnen zahlreiche Männer, hatten auf dem Tahrir einige Frauen aus der Gewalt des Mobs befreit. „Die ersten Angriffe waren organisiert“, sagt sie.

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