“Ja, ja, dann schickt mal am besten eure Soldaten!“ Das war Sarkasmus à la Sergej Lawrow, ein wenig bösartig und Teil der Antwort des russischen Außenministers auf die Frage, ob Russland, wenn das Blutvergießen in Syrien trotz der Moskauer Bemühungen als Friedenstifter kein Ende nähme, bereit sei, im Sicherheitsrat für die Entsendung von UN-Friedenstruppen mit einem robusten Mandat zu stimmen.
Und ob dann vielleicht auch russische Blauhelme nach Syrien geschickt würden, um eine Waffenruhe zu erzwingen. Das sei eine Militärintervention, die Russland im Sicherheitsrat nicht billigen werde. „Njet, niemals!“ Schade eigentlich, dass diese dahingeknurrten Worte von Lawrow im Protokoll einer Pressekonferenz nicht erwähnt wurden, auf der dieser Tage neben Lawrow auch ein ziemlich entnervter deutscher Außenminister Westerwelle in Moskau sprach.
Denn Sergej Lawrow hatte den Finger durchaus klug in die Wunde gelegt. Die Macht der grauenvollen Bilder aus Syrien, wo Präsident Assad seit vielen Monaten keineswegs nur auf „Terroristen“ schießen lässt, sondern auf sein eigenes Volk, entfaltet zwar Wirkung bei den Fernsehzuschauern und lässt Politiker im Westen nach Abhilfe rufen. Aber intervenieren? Lawrow kennt seine Pappenheimer und legte vor kurzem nach. Die Vorwürfe gegen Russland, es blockiere mit seinem Vetorecht gemeinsam mit China den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, um - wie am Donnerstag wieder geschehen - Sanktionen gegen das Assad-Regime zu verhindern, sollten nur verdecken, dass der Westen selbst nicht wisse, was er in der Syrien-Krise tun solle.
Russland lasse sich von niemandem hineinreden
Weiß es Russland? Moskau sei wenigstens klar, was es verhindern wolle, meint Ruslan Puchow, ein russischer Verteidigungsfachmann und Herausgeber einer Militärzeitschrift. Auf keinen Fall wolle es zulassen, dass das Regime Assad mit ausländischer, zumal westlicher Hilfe zu Fall komme. Das sei in der politischen Klasse Konsens. Denn der Verlust des Partners Assad würde bedeuten, den letzten Brückenkopf im Nahen Osten einzubüßen, über den Moskau noch gebiete. Dieser Vorposten sei eines der wenigen verbliebenen Symbole des sowjetischen Supermachtstatus.
Um den Erhalt des russischen Marinestützpunktes im syrischen Tartus oder einträgliche Waffengeschäfte gehe es allenfalls in zweiter Linie. Putin, der inzwischen ganz offen davon spricht, dass es dem Westen nur darum gehe, aus Assads Sturz einen geopolitischen Vorteil zu ziehen, nutze die Syrien-Krise, um sich innenpolitisch als Verteidiger russischer Interessen darzustellen. Lawrow wiederum, so ist zu erkennen, übersetzt Putins Politikansatz nur und führt ihn aus. Zuletzt mit Zitaten aus dem schlichten Credo Putins, Russland betreibe eine eigenständige Außenpolitik und lasse sich von niemandem hineinreden. Und wenn Assad nicht zu halten ist?
Lawrow hat immer wieder behauptet, es gehe Russland nicht um den Machthaber, sondern einzig darum, den Syrien-Konflikt mit politischen Mitteln zu lösen. Dazu gehöre aus Moskauer Sicht, dass Assad nicht einseitig verurteilt werden dürfe, weil das die Opposition nur zu weiterem Blutvergießen ermutige. Assad dürfe auch nicht von vornherein von einem möglichen Dialog der syrischen Konfliktparteien ausgeschlossen werden.
Der Ton ist frostig geworden
Das hatte der von Russland hochgelobte Vermittler Kofi Annan Ende Juni in Genf zwar etwas anders gesehen: Er hatte sich vor der Konferenz der Aktionsgruppe für Syrien sinngemäß dafür ausgesprochen, dass jene, die bis zu den Knien im Blut wateten, von den geforderten innersyrischen Gesprächen auszuschließen seien. Aber am Ende setzten sich in Genf die Russen durch, wenigstens auf dem Papier, denn im Kommuniqué stand kein Sterbenswörtchen über den „Schlächter von Damaskus“.
Genüsslich verweist Lawrow auf diesen Erfolg, den durch russische Obstruktion erzwungenen „Konsens“, wenn es gilt, einen neuerlichen Versuch des Westens, Syrien mit Sanktionen zu drohen, im Sicherheitsrat abzuschmettern. Im Sicherheitsrat zieht zwar kein Russe die Schuhe aus und hämmert damit auf das Pult wie einst im Kalten Krieg der Generalsekretär der Kommunisten, Nikita Chruschtschow.
Aber der Ton ist frostig geworden. Und wenn Lawrow in Moskau keine Lust verspürt, selbst verbal draufzuhauen, lässt er einen Sprecher von der Leine, der sich Schuldzuweisungen aus dem Westen, Russland sei für die eskalierende Gewalt in Syrien mitverantwortlich, als geschmacklos verbittet und vom Westen verlangt, die syrische Opposition an den Verhandlungstisch zu zwingen - als ob dieser die dafür ausreichenden Hebel besitze.
Putins Gefolgsmann
Lawrow scheint ohnehin immer schlechte Laune zu haben. Er blickt meist mürrisch, dabei hat er alles andere als einen Grund dafür. Schließlich ist der 62 Jahre alte Lawrow, der von 1976 bis 1972 am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen studierte, der russischen Kaderschmiede für Diplomaten, in seinem Amt unangefochten. Seit acht Jahren führt er es aus, damals, 2004, berief ihn Putin auf diesen Posten.
Da sich Lawrow dem Kreml unter der ersten Präsidentschaft Putins gefügt hat, ihm bedingungslos folgte, galt er ohnehin als gesetzt, als Putin in diesem Jahr nach dem Tauschgeschäft mit Dmitrij Medwedjew wieder auf den Präsidentenstuhl zurückkehrte. Dass die Außenpolitik also weiter im Kreml gemacht wird, das weiß Lawrow. Er ist Putins Gefolgsmann. Auf seinem Schreibtisch im Büro soll übrigens Leo Trotzkis grüne Tischlampe einen Ehrenplatz haben.
Der Kettenraucher Lawrow blickte denn auch mürrisch drein, als er Russlands Veto gegen die neue Syrien-Resolution der UN erklärte: Russlands Politik bestehe nicht darin, „jemanden um Rücktritt zu bitten. Regimewechsel sind nicht unsere Spezialität.“ Mürrischer Blick hin, mürrischer Blick her - Lawrow ist ein Mann mit einer guten Portion Selbstironie und Witz. Er singt und spielt Gitarre, dichtet Lieder und Verse, liebt gefährlichen Sport und ist in geselligen Runden gern der Mittelpunkt.
Wenn er dazu noch als ein Jedi-Ritter aus „Star Wars“ im Kapuzencape und mit Lichtschwert auftritt, gelingt ihm das leicht. Sein Talent für Ironie äußert sich aber auch in seinen teilweise scharfen und pointierten Formulierungen, mit denen er russische Positionen in der internationalen Politik vertritt. Lawrow gilt als konzilianter und gelassener Gesprächspartner, als Verhandlungspartner aber ist er hart.
Bevor Lawrow Putins Außenminister wurde, hat er sein Land zehn Jahre lang als russischer Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York vertreten. Das hat ihm gute Kontakte in die europäische und die amerikanische Politik eingebracht. In zwei großen internationalen Krisen, in denen Russland und Amerika aneinandergerieten, bemühte er sich damals um eine diplomatische Lösung: 1999 während der Nato-Angriffe auf Jugoslawien und vier Jahre später, als es darum ging, im Sicherheitsrat ein gemeinsames Vorgehen gegen den Irak zu finden. Es hieß, Putins harte Haltung gegen die amerikanische Kriegspolitik gehe maßgeblich auf Lawrow zurück. Da war das Verhältnis offenbar einmal umgekehrt.