Home
http://www.faz.net/-gq9-y4cu
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Saudi-Arabien Wirtschaftlicher Aufbruch und politische Ruhe

 ·  Die größte Volkswirtschaft Arabiens erwartet keine politischen Unruhen und investiert in Bildung und Infrastruktur. Das für 2011 erwartete Wachstum in Saudi-Arabiens Wirtschaft von 4,5 Prozent ist nur ein Indikator für die gute Stimmung.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

„Die Umwälzungen in Ägypten wirken sich auf die Wirtschaft Saudi-Arabiens nicht aus“, sagt Andreas Hergenröther, der Leiter des Delegiertenbüros der deutschen Wirtschaft in Riad. Und er fügt hinzu, das Interesse der deutschen Wirtschaft an Saudi-Arabien sei trotz der politischen Unruhen im Nachbarland noch nie so groß gewesen. In dieser Woche wird Hergenröther in Deutschland an mehreren Veranstaltungen zur saudischen Wirtschaft teilnehmen. Anmeldungen dafür gingen unverändert ein.

Hergenröther, der zuvor Leiter der deutschen Auslandshandelskammer in Algerien gewesen war, sieht zwei Gründe für das große Interesse. Zum einen trenne die deutsche Wirtschaft klar zwischen den ölreichen Staaten am Golf und den Staaten Nordafrikas, zum anderen sehe sie, wo Projekte liefen und welche Länder von der Finanzkrise nur wenig betroffen gewesen seien.

In Saudi-Arabien, der größten Volkswirtschaft Arabiens vor den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten, haben neue Boomjahre eingesetzt. Das für 2011 erwartete Wachstum von 4,5 Prozent, nach 3,9 Prozent 2010, ist nur ein Indikator für die Aufbruchstimmung. Vielmehr sorgt der hohe Ölpreis wieder für euphorische Stimmung. Ökonomen schätzen, dass der saudische Finanzminister Ibrahim al Assaf den Staatshaushalt 2011 abermals konservativ auf der Grundlage eines Preises von 55 Dollar für ein Barrel Rohöl aufgestellt hat. Sollte der Ölpreis 2011 bei durchschnittlich 85 Dollar je Barrel liegen, und das ist der Konsens unter den Ökonomen Saudi-Arabiens, könnte sich Assaf auf Mehreinnahmen von 93 Milliarden Dollar einstellen bei einem Etat von 580 Milliarden Rial (rund 118 Milliarden Euro) und ursprünglich eingeplanten Staatseinnahmen von 540 Milliarden Rial.

Umgerechnet 900 Milliarden Dollar in Infrastruktur investieren

Saudi-Arabien erwirtschaftet ein Viertel der Wirtschaftsleistung aller arabischen Staaten und bleibt aufgrund seines Ölreichtums von den Vorgängen in Ägypten weitgehend unberührt. Saudi-Arabien besitzt knapp ein Viertel aller Ölvorkommen der Welt und fördert gegenwärtig 8,5 Millionen Barrel Rohöl, das ist ein Zehntel des weltweiten Verbrauchs. Dennoch verfügt das Land auch über freie Förderkapazitäten von 4 Millionen Barrel, die es jederzeit zur Stabilisierung des Ölpreises einsetzen kann.

Bereits im vorliegenden Staatshaushalt steigen die Ausgaben für Erziehung, Gesundheit, Verkehr und Infrastrukturprojekte überproportional. Auf Bildung entfallen 26 Prozent der Ausgaben. Die Reserven der Zentralbank Sama liegen bereits bei deutlich über 400 Milliarden Dollar.

Bis zum Jahr 2020 will Saudi-Arabien in die Modernisierung und Erweiterung seiner Infrastruktur umgerechnet 900 Milliarden Dollar investieren. Im Mittelpunkt stehen Straßen und Eisenbahnen, neue Häfen, neue Krankenhäuser und Kraftwerke. Hinzu kommen 300 Milliarden Dollar Investitionen in die Petrochemie und Wasserprojekte sowie 100 Milliarden Dollar für Transport und Logistik. Saleh al Awadschi, der stellvertretende Minister für Elektrizität, rechnet damit, dass die installierte Kraftwerkskapazität von heute 50 000 Megawatt bis zum Jahr 2032 auf 120 000 Megawatt mehr als verdoppelt werden wird. Neben Erdgas sollen Kernkraft und erneuerbare Energie eine Rolle spielen. Alle Kraftwerksprojekte sind für private Betreiber und Unternehmen geöffnet.

„Jedes Jahr müssten 500.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden“

In den kommenden Jahren macht Saudi-Arabien auch mit der Erschließung des Landes, das so groß ist wie die drei größten EU-Staaten zusammen, durch Eisenbahnen Ernst. Abdalaziz al Hokail, der Präsident der Eisenbahngesellschaft Saudi-Arabiens, dringt darauf, dass künftig Personen und Güter nicht nur auf den Straßen befördert werden. Der Bau der „Landbrücke“, die die Häfen Damman im Osten und Dschidda im Westen verbinden soll, wird zum dritten Mal ausgeschrieben. Gleichzeitig wird eine Eisenbahn vom Norden des Königreichs in die Hauptstadt Riad gebaut. Vorbereitet werden Ausschreibungen für Metros in Riad und Mekka.

Ein Ziel dieser massiven Investitionswelle ist, die Bevölkerung am Wohlstand durch das Öl teilhaben zu lassen, ein anderes Ziel ist die Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis und Schaffung von Arbeitsplätzen. Zwar hat sich das Wachstum der Bevölkerung bei 2 Prozent eingependelt. Arbeitsminister Adel Fakieh sagte jüngst aber, jedes Jahr müssten 500.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. 60 Prozent der Bevölkerung sind 20 Jahre alt und jünger. Jedes Jahr verlassen 100.000 junge Saudis mit einem Diplom die Universitäten. Zu einem Jahrgang gehören 700.000 saudische Männer und Frauen, und auch die Frauen strömen stärker ins Berufsleben. Wird ihnen keine Arbeit angeboten, könnte auch in Saudi-Arabien Unruhe entstehen.

In Saudi-Arabien sind 1200 deutsche Unternehmen ständig vertreten

Da der Staat keine zusätzlichen Beschäftigten einstellen kann, muss die Privatwirtschaft die Arbeitsplätze schaffen. Voraussetzung dafür ist, dass Saudi-Arabien für sie die Rahmenbedingungen verbessert. Dazu ist viel geschehen. Im „Doing Business Report“ der Weltbank hat sich Saudi-Arabien auf Platz 11 vorgearbeitet. Die Regierung pumpt Öleinnahmen über Aufträge an die privaten Unternehmen in den Wirtschaftskreislauf und kurbelt damit die Diversifizierung der Wirtschaft an. Grenzen sind der Verarbeitenden Industrie, die erst 8 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, gesteckt, weil sie auf zu wenige qualifizierte Arbeitskräfte zurückgreifen kann. 7 Millionen Ausländer arbeiten bereits im Königreich.

In Saudi-Arabien sind auch schon 1200 deutsche Unternehmen ständig vertreten. Auch wenn ihre Preise über denen der Wettbewerber liegen, hat sich Deutschland als größter europäischer Lieferant gehalten. An erster Stelle liegen die Vereinigten Staaten, die vor allem Ausrüstungen für die Ölindustrie und Rüstungsgüter liefern, gefolgt von China, das inzwischen mehr tut, als nur Straßen zu bauen und den Markt mit Billigprodukten zu überschwemmen. Der Umfang der deutschen Lieferungen nach Saudi-Arabien nahm 2010 nach vorläufigen Angaben um 14 Prozent auf mindestens 5,3 Milliarden Euro zu.

Andreas Hergenröther erklärt den Erfolg der deutschen Unternehmen auch damit, dass sie, anders als viele Wettbewerber, nicht nur Produkte verkaufen, sondern auch für die Wartung und die Weiterbildung im Land sorgen. Hergenröthers Delegiertenbüro will nun noch mehr deutsche Unternehmen nach Saudi-Arabien holen. Dazu bietet es kleinen und mittelständischen Betrieben an, sie ein Jahr auf dem saudischen Markt zu begleiten - von der Suche nach einem Partner bis hin zur Einführung der Produktpalette des Unternehmens.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1956, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Brasilianischer Zorn

Von Josef Oehrlein

Die Fahrpreiserhöhung wird in vielen Städten schon zurückgenommen, doch die Unzufriedenheit bleibt: Ebenso wie in der Türkei richtet sich der Volkszorn in Brasilien ganz allgemein gegen eine Politikerriege, die das Land praktisch ohne Kontakt zur Bevölkerung regiert. Mehr 3