Home
http://www.faz.net/-gq9-74ukk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Prediger Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch „Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch“

Fethullah Gülen gilt als der Erneuerer des Islams in der Türkei und als der geistliche Mentor der neuen anatolischen Elite. Für ihn lässt sich einiges im Islam auf Prinzipien der Moderne hin auslegen.

© Rainer Hermann Vergrößern Der 1938 geborene Fethullah Gülen gilt als einer der einflussreichsten islamischen Denker der Gegenwart.

Im Ausland kennen ihn erst wenige, und doch ist sein Einfluss auf die Entwicklung der Türkei kaum zu überschätzen. Lange bevor Anatolien zu dem wirtschaftlichen Entwicklungsschub der vergangenen Jahre angesetzt hat und auch lange bevor die AKP Erdogans im Jahr 2002 erstmals an die Regierung gewählt worden war, hatte Gülen bereits einen Islam gepredigt und verbreitet, der den Muslimen den Anschluss an die Moderne ermöglichen sollte. Er wurde damit zum Erwecker Anatoliens und zur Stimme jener „schwarzen Türken“, also der Mehrheit der anatolischen Muslime, auf die die urbane Elite des Landes, die „weißen Türken“, lange meist nur mitleidig herabgeblickt hatte. Unter dem Eindruck der Lehren Gülens, der aus der Toleranz des gemäßigten Sufi-Islams schöpft, ist in Anatolien in den vergangenen Jahrzehnten aber eine dynamische Mittelschicht entstanden.

Die Anatolier waren ungebildet und provinziell, arm und fromm. Motiviert durch Gülens Lehren strebten sie nun nach Bildung und wurden wohlhabend, sie blieben aber weiter fromm. Gülen brachte ihnen die Bedeutung von Bildung und unternehmerischem Erfolg nahe, die Vereinbarkeit von Islam, Moderne und Demokratie, aber auch die Unvereinbarkeit von Islam und Gewalt. Er rief seine Anhänger auf, mit eigener Hände Arbeit Wohlstand zu schaffen und nicht zu vergessen, diesen auch unter Bedürftigen verteilen. In seinen Predigten verbindet er in langen Sätzen Suren aus dem Koran, Aussprüche des Propheten und die Erfahrungen der Mystiker mit den Erfordernissen der modernen Welt, er führt die Welt die Glaubens und der Lebenswirklichkeit zusammen.

Gülen wurde 1938 bei Erzurum geboren, und er knüpfte an den Lehren des bekannten Mystikers Nursi Said (1876 bis 1960) an. Der erste türkische Politiker, der regelmäßig seinen Predigten zuhörte, war der Reformer Turgut Özal (1927 bis 1993). Gülen unterhielt auch Kontakte zum Sozialisten Bülent Ecevit (1925 bis 2006). Viele oppositionelle Bewegungen haben den Kemalismus, die Ideologie der „weißen Türken“, herausgefordert. Da Gülen die kemalistische Elite wirkungsvoll in Frage stellte, erklärte sie ihn zum Staatsfeind. Daher ging Gülen 1999 ins Exil und lebt seither in den Vereinigten Staaten, wo er medizinisch behandelt wurde und als „religiöser Gelehrter“ eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

Herr Gülen, Sie leben als einer der einflussreichsten Prediger der islamischen Welt seit mehr als zehn Jahren in den Vereinigten Staaten. Muslime werfen der westlichen Kultur Islamophobie vor, und Nichtmuslime kritisieren die Gewalt, die Muslime zur Verteidigung ihres Glaubens ausüben. Ist eine friedliche Koexistenz zwischen Muslimen und Christen möglich?

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Hart aber fair Euer oder unser Problem?

In der Sendung Hart aber Fair wird mal wieder alles in einen Topf geworfen: Muslime, Christen und eine Atheistin diskutieren, ob die Islamverbände sich vom IS-Terror distanzieren müssen - und warum die Deutschen so viel Angst vor dem Islam haben. Mehr Von Friederike Böge

25.11.2014, 05:20 Uhr | Feuilleton
Syrisch-türkischer Schmuggel Wir heiraten euch, dann könnt ihr alle hierbleiben

Einst war die Gegend um Reyhanli unberührt von den Ereignissen der Welt. Heute werden an der türkisch-syrischen Grenze Drogen und Waffen geschmuggelt - und neuerdings sogar Menschen. Mehr Von Güner Yasemin Balci

16.11.2014, 11:11 Uhr | Feuilleton
E-Paper: 16.11.1914 Sunniten und Schiiten

Im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert spaltete sich die muslimische Glaubensgemeinschaft in Sunniten und Schiiten. Die Frankfurter Zeitung berichtet am 16. November 1914 über die Entstehung beider Lager. Mehr

16.11.2014, 00:00 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.12.2012, 09:25 Uhr

Unter Schmerzen

Von Berthold Kohler

Im Grundsatz sind sich Union und SPD einig: Man darf Putin den Angriff auf die Prinzipien der europäischen Friedensordnung nicht durchgehen lassen. Daran ändert auch die groteske Verdrehung der Tatsachen durch die Linkspartei nichts, die genüsslich in den Wunden ihres Koalitionspartners herumwühlt. Ein Kommentar. Mehr 92