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IS-Terror : Bruderkrieg unter Syriens Islamisten

Ein Propagandavideo zeigt Kämpfer der Ahrar-al-Sham-Brigade bei einer Schießübung. Nach dem Anschlag auf ihren Führer könnte sich die Gruppe umorientieren. Bild: AFP

Der Tod des Rebellenführers Hassan Abboud schwächt Syriens bewaffnete Opposition und stärkt den „Islamischen Staat“. Womöglich hat die Terrormiliz selbst das Attentat ausgeführt.

          In Syrien eskaliert der blutige Konflikt zwischen islamistischen Rebellen und dem „Islamischen Staat“ immer weiter. In der Nacht zum Mittwoch wurden in der Provinz Idlib der wichtigste Führer der islamistischen Rebellen, Hassan Abboud, und mehr als 40 weitere Führer der „Islamischen Front“, die überwiegend in Nordsyrien tätig waren, bei einem Bombenanschlag getötet. Ein Bekennerschreiben liegt noch nicht vor. Sympathisanten des „Islamischen Staats“ feierten unterdessen in den Sozialen Medien den Tod Abbouds.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Im Umfeld Abbouds gilt ein Anschlag durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ als am wahrscheinlichsten. Als wenig realistisch wird die These verworfen, dass Abboud einer internen Abrechnung zum Opfer gefallen sein könnte. Denn mit ihm wurde die gesamte Führungsriege der Miliz „Ahrar al Sham“, deren politischer Führer Abboud war, getötet. Zudem war Abboud auch der politische Sprecher des Bündnisses „Islamische Front“, zu dem sich im November 2013 sieben bewaffnete islamistische Oppositionsgruppen zusammengeschlossen hatten. Abboud war einer der wichtigsten Köpfe der syrischen Opposition gegen die Regierung in Damaskus.

          Islamisten-Besprechung im Keller

          Als wahrscheinlich gilt, dass Abboud, der den Kampfnamen Abu Abdallah al Hamawi verwendet hatte, durch einen Selbstmordattentäter getötet worden ist. Abboud hatte sich in Ram Hamdan, einer Kleinstadt in der Provinz Idlib, zu einer Lagebesprechung mit mehreren Dutzend Kommandeuren der „Islamischen Front“ getroffen.

          Die Provinz Idlib gehört zu den wenigen Regionen Syriens, in denen die Freie Syrische Armee und die mit dieser verbündete „Islamischen Front“ weder durch die syrische Armee noch durch den „Islamischen Staat“ gefährdet werden. Die Lagebesprechung hat offenbar im Keller eines Hauses außerhalb der Ortschaft stattgefunden. Teilgenommen haben Vertreter der „Ahrar al Sham“, der größten Gruppe in der „Islamischen Front“, sowie von den Brigaden Abdallah Azzam und Iman.

          Die „Ahrar al Sham“ haben schätzungsweise 20.000 Mann unter Waffen und waren bis zuletzt im Kampf gegen die Regierung in Damaskus die erfolgreichste Einheit. Der Shura-Rat der „Ahrar al Sham“ hat bereits am Mittwoch zwei Nachfolger für die Getöteten benannt. Hashim al Sheikh mit dem Kampfnamen Abu Dschabir soll statt Abboud die Gruppe politisch führen, statt Abu Talha soll Abu Salih Tahhan die militärische Führung übernehmen.

          Es spricht zwar für die Organisation, dass sie rasch eine neue Führung präsentieren konnte. Die entscheidende Frage wird indessen sein, wie viele bewaffnete Kämpfer den „Ahrar al Sham“ die Treue halten und wie viele zu anderen Gruppen abwandern werden. Die Bindung der bewaffneten Kämpfer an eine oppositionelle Gruppe oder Organisation ist in den vergangenen Jahren nie besonders stark gewesen. Als groß gilt nun die Wahrscheinlichkeit, dass sich viele Bewaffnete der „Ahrar al Sham“ radikaleren Gruppen anschließen, also der Nusra-Front, die offiziell Al Qaida in Syrien vertritt, und dem „Islamischen Staat“. Damit stünde aber die Existenz der „Ahrar al Sham“ und der „Islamischen Front“ auf dem Spiel.

          Zu den Finanzproblemen kommt die Führungsschwäche

          Die „Islamische Front“ und die „Ahrar al Sham“ haben eine Position zwischen der prowestlichen Freien Syrischen Armee und den beiden dschihadistischen Bewegungen eingenommen, der Nusra-Front und dem „Islamischen Staat“. Ihre Ideologie deckt sich weitgehend mit der von Al Qaida: Auch die „Islamische Front“ will einen islamischen Staat errichten, aber mit Rechten für die Frauen und die Minderheiten. Zudem schwor Abboud dem globalen Dschihad ab. Der Westen hielt zur „Islamischen Front“ Distanz, die Türkei aber tolerierte sie, und Qatar hat sie lange finanziert. Auf amerikanischen Druck hat Qatar diese Hilfen eingestellt, was bereits eine Abwanderung von Bewaffneten zum „Islamischen Staat“ ausgelöst hat.

          Zusätzlich zu den Finanzierungsproblemen kommt nun eine Führungsschwäche, von der abermals der „Islamische Staat“ profitieren könnte. Der hatte bereits im vergangenen Januar einen Führer der „Ahrar al Sham“, Abu Khalid al Suri, mit sechs Kämpfern von Al Qaida aus Afghanistan in Aleppo durch einen Selbstmordanschlag getötet. Al Suri war ein enger Vertrauter von Abboud und auch des Führers von Al Qaida, Aiman al Zawahiri. Mit der Tötung von al Suri bekräftigte der „Islamische Staat“ seinen Führungsanspruch in Syrien sowohl gegenüber Abboud als auch gegenüber Al Qaida. Auch deshalb scheint die Hypothese plausibel, die Tötung von Abboud gehe ebenfalls auf das Konto des „Islamischen Staats“.

          In einem nächsten Schritt müsste dessen Führer, Abu Bakr al Bagdadi alias „Kalif Ibrahim“, gegen die Führung der Nusra-Front vorgehen, um weitere Konkurrenten auszuschalten. Bagdadi hat bisher alle Aufforderungen Zawahiris zurückgewiesen, sich aus Syrien in den Irak zurückziehen und Syrien der Nusra-Front zu überlassen, die, anders als Bagdadi, die Führung durch Al Qaida und Zawahiri akzeptiert.

          Abboud, der 2011 von einer Amnestie profitiert hatte, hatte dem „Islamischen Staat“ vorgeworfen, er verbreite das „schlechteste Bild aller Zeiten vom Islam“. Ende 2013 nahm die Intensität der Kämpfe zwischen Abbouds „Ahrar al Sham“ und der Nusra-Front auf der einen Seite und dem „Islamischen Staat“ auf der anderen zu. Umkämpft waren vor allem Aleppo, Raqqa und Deir al Zor. Offenkundig wurde der Konflikt, als der „Islamische Staat“ im November 2013 Muhammad Faris, einen Kämpfer der „Ahrar al Sham“, enthaupten ließ.

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