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Irak : Die Sunniten vereinen sich zum Aufstand gegen Bagdad

Irakische Kurden fahren nach Einnahme der Stadt durch die Straßen von Kirkuk Bild: AFP

Am Vormarsch der Dschihadisten beteiligen sich nicht nur die Krieger des „Islamischen Staats“: Die drei wichtigsten Gruppen der irakischen Sunniten sind erstmals vereint - ihr Anführer könnte ausgerechnet Saddams früherer Stellvertreter werden.

          Der Staatszerfall, der in Syrien begonnen hat, setzt sich im Irak fort. Die Gräben zwischen den drei Landesteile sind seit dem Sturz von Saddam Hussein von Jahr zu Jahr tiefer geworden. Der Vormarsch sunnitischer Aufständischer unter Führung des „Islamischen Staats“ auf Bagdad beschleunigt diesen Zerfallsprozess erheblich. Die faktische Teilung des Landes in einen sunnitischen, einen schiitischen und einen kurdischen Staat wird immer wahrscheinlicher.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Am Vormarsch der Dschihadisten beteiligen sich nicht nur die Krieger des „Islamischen Staats“. Denn die drei wichtigsten Gruppen der irakischen Sunniten sind erstmals vereint. Neben den Dschihadisten sind es die Stammesführer aus der Provinz Anbar sowie die sunnitischen Baathisten aus Mossul und Takrit. Um die Welt sind zwar die Bilder der Dschihadisten mit ihren schwarzen Flaggen gegangen. Ohne Gegenwehr fuhren die Aufständischen aber nur deshalb in Stadt um Stadt ein, weil sich die drei Gruppen einig waren. Die Stammesführer aus Anbar haben sich von Bagdad abgewandt, weil sich Ministerpräsident Maliki weigerte, die Milizen aus Anbar in die Armee zu übernehmen; und in Mossul leben mehr als 100000 frühere Soldaten der Armee von Saddam Hussein, die mit dessen Sturz 2003 zwangspensioniert worden sind. Zudem desertierten viele Soldaten, die in den sunnitischen Provinzen Mossul (Ninive), Anbar und Takrit (Salahuddin) stationiert waren, und liefen zu den Aufständischen über.

          Damit handelt es sich nicht mehr um den Vormarsch einer Terrorgruppe, sondern um einen Aufstand der sunnitischen Provinzen gegen die von Schiiten kontrollierte Zentralregierung. Die Zahl der ehemaligen und desertierten Soldaten liegt um ein Vielfaches über jener der Dschihadisten. Interne Konflikte zwischen den „Gotteskriegern“ und den säkularen baathistischen Soldaten sind programmiert. In Takrit, der Heimatstadt von Saddam Hussein, wehen seit der Einnahme nicht die schwarzen Flaggen des „Islamischen Staats“, sondern die Flaggen des alten baathistischen Regimes.

          Nur einem wird die Zusammenführung zugetraut

          Als einziger, dem zugetraut wird, die drei unterschiedlichen Gruppen zusammenzuführen, gilt Izzet Ibrahim al Duri, der ebenfalls aus Takrit stammende frühere Stellvertreter von Saddam Hussein. Er ist der einzige führende Iraker aus dem Kartenspiel von 2003, das alle Meistgesuchten des Regimes von Saddam Hussein zeigte, der weiter auf freiem Fuß ist. Er galt als Saddams rechte Hand und strategischer Denker. In den vergangenen Jahren war immer wieder sein Name genannt worden, wenn es um den Widerstand ging. In der Öffentlichkeit ist er seit Jahren nicht gesehen worden. Er soll sich im irakisch-syrischen Grenzgebiet aufhalten. Augenzeugen berichten, sie hätten ihn am Donnerstag in Audscha, nahe Takrit, am Grab von Saddam Hussein gesehen.

          Während der sunnitische Nordwesten des Iraks von sunnitischen Aufständischen kontrolliert wird, bauen die Kurden im Nordosten ihre Autonomie aus. Sie feiern die Einnahme von Kirkuk als historische Gelegenheit, bald einen unabhängigen Staat auszurufen. Die Armee der irakischen Zentralregierung hat ihre Kasernen in Kirkuk fluchtartig verlassen, um mit anderen Divisionen Bagdad gegen eine Einnahme durch die sunnitischen Aufständischen zu verteidigen. Umgehend füllten Einheiten der Armee der kurdischen Regionalregierung in Arbil das Vakuum in der Stadt, die außerhalb der autonomen Kurdenregion liegt. Die Kurden nennen Kirkuk „das Herz Kurdistans“ und „das Jerusalem der Kurden“. Historisch war die Region Kirkuk Mittelpunkt der Kurden im Norden Mesopotamiens; in der Stadt selbst dominierten lange Türkisch sprechende Turkomanen. Saddam Hussein hatte während seiner Herrschaft von 1979 bis 2003 die Kurden vertrieben und die Stadt arabisiert. Ihren Anspruch auf die Stadt gaben die Kurden aber nie auf. Sie schlossen eine Unabhängigkeit aus, solange Kirkuk dem arabischen Irak zugeschlagen blieb. Das hat sich in den vergangenen Tagen geändert.

          Kurden bauen weiter faktische Unabhängigkeit aus

          Irakisch-Kurdistan hat bereits zahlreiche Institutionen einer eigenen Staatlichkeit: mit Massud Barzani einen Präsidenten, eine Regierung unter Ministerpräsident Nechirvan Barzani, Ministerien einschließlich eines für Verteidigung und eines für auswärtige Beziehungen, eine eigene Flagge. Je instabiler der arabische Irak wurde, desto mehr verselbständigte sich die stabile Region der Kurden. Zwei weitere Faktoren sprechen dafür, dass die Kurden ihre faktische Unabhängigkeit weiter ausbauen und möglicherweise bald auch aussprechen. Der seit 2005 amtierende Massud Barzani wird voraussichtlich in den kommenden zwei Jahren sein Amt abgeben. Es heißt, er wolle als Gründer eines unabhängigen Kurdistans in die Geschichte eingehen. Zudem verschlechtern sich die Beziehungen der kurdischen Regionalregierung mit der Zentralregierung in Bagdad ständig. So lehnt Bagdad eigene kurdische Ölgeschäfte mit Drittstaaten ab; auch weigert sich die Zentralregierung, mehr als die Hälfte zum Budget der kurdischen Peschmerga, die Teil der irakischen Armee sind, zu zahlen.

          Der entscheidende Kampf wird um Bagdad stattfinden. Die regierenden Schiiten haben die Hauptstadt weitgehend schiitisiert und werden sie verteidigen. Südlich von Bagdad wohnen ausschließlich Schiiten. Die wichtigsten heiligen Stätten des schiitischen Islams, Nadschaf und Kerbela, liegen im Südirak. Die Krieger des „Islamischen Staats“ wollen sie zerstören. Für die Schiiten wird es daher darum gehen, ihr Siedlungsgebiet vor Übergriffen aus dem Norden zu schützen, was letztlich auch auf ein eigenständiges staatliches Gebilde hinausläuft.

          Quelle: F.A.Z.

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