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Veröffentlicht: 07.07.2014, 15:14 Uhr

Nach Rachemord Israel blickt entsetzt auf sich selbst

„Wir glaubten, zu einer solchen Tat wären Juden nicht fähig.“ Das sagte die israelische Justizministerin Livni über Details des Rachemordes an einem palästinensischen Jugendlichen. Mehrere Verdächtige haben schon gestanden, einige sind selbst noch minderjährig.

von , Jerusalem
© AFP Den Glauben genommen: Beisetzung der drei getöteten israelischen Jugendlichen Anfang Juli in Modiin

Vielen Israelis ging es am Montag wie Justizministerin Zipi Livni. „Sie haben uns den Glauben genommen, dass so etwas bei uns nicht passieren kann. Sie haben uns die Fähigkeit genommen zu sagen, dass wir nicht so sind, dass ein so grausamer und sadistischer Mord nicht die Tat von Juden sein kann“, sagte sie über die sechs Tatverdächtigen, die nach dem Mord an dem jungen Palästinenser festgenommen worden waren.

Hans-Christian Rößler Folgen:

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu machte einen Kondolenzanruf beim Vater des Opfers. Für den „abscheulichen“ Tod des Sechzehnjährigen gebe es keine Rechtfertigung, sagte Netanjahu. „In Israel gibt es keinen Unterschied zwischen Blut und Blut“, schrieben Staatspräsident Schimon Peres und sein Nachfolger Reuven Rivlin gemeinsam in einem Zeitungsartikel: Die Mörder würden mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt, gleichgültig ob sie Juden oder Araber seien.

Entsetzt und beschämt reagierte man in Israel auf die wenigen Einzelheiten, die trotz der Nachrichtensperre an die Öffentlichkeit gelangt waren. Laut israelischen Presseberichten gestanden mittlerweile mehrere der Festgenommenen nicht nur den grausamen Mord am Mittwochmorgen. Sie hatten demnach schon am Dienstagabend versucht, im Ostjerusalemer Stadtteil Schuafat einen neun Jahre alten Jungen zu entführen.

„Täter unter dem Radar“

Einige Tatverdächtige sind offenbar noch nicht einmal volljährig. So sagte eine Mutter dem Onlinedienst der Zeitung „Jediot Ahronot“, sie könne sich nicht vorstellen, dass ihr 16 Jahre alter Sohn etwas mit dem Mord zu tun habe. Die Freundin eines anderen Festgenommenen berichtete dem Onlineportal „Walla“, ihr Freund stamme aus einer „sehr angesehenen ultraorthodoxen Familie“. Die ersten Hinweise sprechen dafür, dass keine gut organisierte Terrorzelle am Werk war. Die sechs Tatverdächtigen scheinen sich nach ersten Erkenntnissen vielmehr entschlossen zu haben, das Recht selbst in die eigene Hand zu nehmen – möglicherweise unter dem Eindruck der Demonstration in Jerusalem am vergangenen Dienstag.

Während in Modiin die drei entführten israelischen Religionsstudenten beigesetzt wurden, zogen mehrere hundert israelische Jugendliche durch Jerusalem und riefen Slogans wie „Tod den Arabern“ und „Wir wollen Rache“. Sollte sich bestätigen, dass der Mord eine relativ spontane Aktion sechs junger Männer war, böte das trotzdem wenig Anlass zur Beruhigung. Für Geheimdienste sei es einfacher, gegen Organisationen vorzugehen als gegen Einzeltäter und kleine Gruppen, die „unter dem Radar“ aktiv seien, sagt der israelische Sicherheitsfachmann Jossi Melman.

Einsam wie der Rabin-Mörder

Er fühlt sich durch die Geschehnisse an den Mord an Ministerpräsident Itzhak Rabin im November 1995 erinnert. Damals sei Jigal Amir plötzlich wie ein „einsamer Wolf“ aufgetaucht. Der jüdische Student fühlte sich damals von der monatelangen Hetzkampagne gegen die von Rabin unterzeichneten Friedensabkommen mit den Palästinensern inspiriert. Für Jigal Amir war Rabin zu einem Verräter am Judentum geworden und verdiente den Tod. Ein Jahr zuvor hatte Baruch Goldstein im Februar 1994 in Hebron am Grab der Propheten in Hebron ein Blutbad angerichtet. Er erschoss 29 betende Muslime. Extremisten verehren den Arzt aus Amerika bis heute als „Helden“ und „Märtyrer“ – ähnlich wie den Rabbiner Meir Kahane, den im Jahr 1990 ermordeten Gründer der Kach-Bewegung.

Kahane wollte alle Araber aus den besetzten Gebieten nach Jordanien vertreiben und das Westjordanland jüdischen Siedlern überlassen. Aus den Reihen der später für illegal erklärten Kach-Bewegung wurden immer wieder israelische Politiker mit dem Tod bedroht, zum Beispiel Ministerpräsident Ehud Barak, der Ende der neunziger Jahre mit den Palästinensern über ein Friedensabkommen verhandelte. Während der Demonstration in Jerusalem am vergangenen Dienstag hielten einige auch Plakate mit der Aufschrift „Kahane hat Recht“ in die Höhe.

Als vor fünf Jahren Jakob Teitel verhaftet wurde, begann in Israel eine neue Debatte über „jüdischen Terrorismus“. Der gebürtige Amerikaner hatte zwei Palästinenser ermordet und zwei weitere Morde geplant. Im vergangenen Jahr wurde er zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Der Hass des in einer Siedlung lebenden Teitel traf alle, die seine ideologischen und moralischen Vorstellungen nicht teilten: Araber, linke Israelis und Christen. Viele Israelis waren empört darüber, dass es zwölf Jahre dauerte, bis die Polizei den Einzeltäter endlich fand.

Im jüngsten Mordfall vergingen nur vier Tage. Dennoch wird jetzt wieder darüber diskutiert, ob die Regierung nicht vorher härter hätte durchgreifen müssen, um den Extremisten die Grenzen deutlich machen. Bisher konnte sich das Kabinett jedoch nicht dazu durchringen, die seit mehreren Jahren andauernde Welle von „Preisschild“-Attacken als Terrorismus einzustufen und entsprechend zu verfolgen. Mit solchen Hasstaten, die sich meist gegen Palästinenser und Christen richten, wollen radikale Siedler und ihre Unterstützer aufzeigen, dass jeder Angriff auf eine Siedlung einen „Preis“ hat.

Man müsse sich eingestehen, dass es unter den Israelis schon längere Zeit „jüdische Hamasniks“ gebe, schrieb am Montag die Zeitung „Haaretz“. Das Wort ist eine provozierende Anspielung auf die Hamas-Organisation an, der die Regierung vorwirft, für den Mord an den drei israelischen Religionsstudenten und den Raketenhagel aus Gaza verantwortlich zu sein.

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