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Nach Luftangriffen Syrischer Minister spricht von „Kriegserklärung“ Israels

Das Assad-Regime bezeichnet israelische Raketenangriffe auf Ziele in der Nähe von Damaskus als „Versuch, bewaffnete terroristischen Gruppen“ zu unterstützen. Aus Israel verlautet dagegen, Ziel seien für die Hizbullah bestimmte Waffenlieferungen aus Iran gewesen.

© dpa Vergrößern Der Himmel über Damaskus: Die Agentur „Shaam News Network“ (SNN) verbreitete am Sonntag diese Bilder von den israelischen Angriffen auf Ziele in Syrien

Ein Mitglied der syrischen Regierung hat die beiden jüngsten Luftangriffe in der Nähe von Damaskus als eine „Kriegserklärung“ Israels bezeichnet. Syrien werde zu gegebener Zeit Vergeltung üben, sagte der stellvertretende syrische Außenminister Faisal al Makdad dem amerikanischen Sender CNN am Sonntag. Formell befinden sich beide Staaten seit Jahrzehnten im Kriegszustand.

Zuvor hatte die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana die Angriffe von Freitagmorgen und von Sonntagmorgen als Versuch bewertet, „die bewaffneten terroristischen Gruppen“ zu unterstützen. Nachdem es der Armee zuletzt gelungen sei, den von syrischen Medien stets „terroristische Gruppen“ genannten Aufständischen schwere Verluste zuzufügen, sei Israel den Gegnern von Präsident Baschar al Assad zur Seite gesprungen.

Die israelische Regierung nahm am Sonntag nicht zu den Angaben aus Syrien und zu westlichen Presseberichten Stellung, wonach in der Nähe von Damaskus zweimal Ziele aus der Luft bombardiert wurden. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen sollten die Angriffe Raketenlieferungen an die libanesische Hizbullah-Miliz verhindern. Es habe sich dabei aber nicht um Chemiewaffen gehandelt.

Die israelische Armee stationierte am Sonntag zwei Batterien des Raketenabwehrsystems „Eiserne Kuppel“ im Norden des Landes. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu berief am Nachmittag sein Sicherheitskabinett ein, wollte aber am Abend eine seit langer Zeit geplante Reise nach China antreten.

Ziel seien für die libanesische Hisbollah-Miliz bestimmte Raketen aus dem Iran gewesen. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters, Reuters Vergrößern Naher Osten: Israel attackiert Ziele in der Nähe von Damaskus

Am frühen Sonntagmorgen wurden mehrere Ziele nördlich der syrischen Hauptstadt angegriffen. Im Internet zeigten von der Opposition verbreitete Videoaufnahmen eine Serie von Explosionen und Brände. Augenzeugen berichteten von heftigen Detonationen. Die Nachrichtenagentur Sana meldete, dass das militärische Forschungszentrum bombardiert worden sei, das schon Ende Januar getroffen worden war. Laut Agenturberichten wurden auch ein Munitionsdepot in der Nähe sowie eine Luftabwehrstellung beschossen. Am Freitagmorgen soll in der Nähe des Flughafens ein Raketendepot angegriffen worden sein.

In beiden Fällen sei es darum gegangen zu verhindern, dass die schiitische Miliz iranische Raketen vom Typ „Fateh 110“ erhält und in den Libanon bringt, sagten ungenannte westliche Geheimdienstvertreter. Die Fateh-Raketen sind besonders präzise und können bis zu 300 Kilometer weit fliegen. Die israelische Regierung hatte in der Vergangenheit klargestellt, dass sie der Lieferung von solchen „strategischen Waffen“, die die Überlegenheit der eigenen Streitkräfte gefährden könnten, nicht tatenlos zusehen werde. Das gilt auch für Chemiewaffen.

Kairo kritisiert Luftangriffe als „Aggression“

Ohne die jüngsten Meldungen zu bestätigen, sagte der amerikanische Präsident Barack Obama am Wochenende während eines Besuchs in Costa Rica, er sei der Ansicht, „dass die Israelis berechtigterweise gegen den Transfer moderner Waffen an terroristische Organisationen wie die Hizbullah vorgehen müssen“. Die ägyptische Regierung kritisierte die Luftangriffe als „Aggression“.

Die Arabische Liga forderte die Vereinten Nationen auf, sich verstärkt in Syrien zu engagieren. Iran verurteilte die Angriffe. Ein Sprecher des Außenministeriums in Teheran warf Israel vor, die Region zu destabilisieren. Der Oberkommandierende der Armee, General Ahmad Reza Purdestan, bot Syrien am Sonntag Ausbildungshilfe für seine Truppen an, sollte das Land diese Unterstützung wünschen. Ein „aktives Eingreifen in die Operationen“ lehnte er ab.

Ein Hizbullah-Vertreter sicherte Syrien am Sonntag Unterstützung zu. Während der Beerdigung eines Kämpfers in Baalbek sagte Ibrahim Amin Sayyed, dass die Organisation bereitstehe „zu verhindern, dass Syrien unter die Kontrolle von Tel Aviv und Washington“ falle. Dabei handele es sich nicht um eine Intervention in den Syrien-Konflikt, sondern um „eine Intervention in den Konflikt gegen Amerika und Israel“, sagte er. Vergangene Woche hatte Hizbullah-Generalsekretär Nasrallah damit gedroht, den Einsatz der Hizbullah in Syrien auszuweiten, sollten schiitische Heiligtümer angegriffen werden. Seit mehr als einem halben Jahr ist die schiitische Parteimiliz in Kämpfe in der syrischen Provinz Homs verwickelt. Die syrische Opposition reagierte zurückhaltend auf die Angriffe. Assads Kriegspolitik habe dazu geführt, dass die nationale Verteidigung geschwächt worden sei, teilte die Nationale Koalition mit. Israels „Präventivschläge“ zeigten, dass das Land fürchte, „Jahre des Friedens zu verlieren, die das Assad-Regime Israel verschafft hat“.

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Friedrich prüft Sanktionen

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zeigt sich offen, schärfer gegen die libanesische Hizbullah vorzugehen. Wie die Zeitschrift „Der Spiegel“ berichtet, habe Friedrich in einem Brief an die Innenminister Bulgariens und Zyperns um belastbare Hinweise gebeten, die zu einer Aufnahme der Hizbullah auf die EU-Liste von Terrorgruppen führen könnten.

Die Regierung in Washington, das Friedrich jüngst besuchte, dringt seit längerer Zeit darauf, die Hizbullah als Terrororganisation einzustufen. Der Sprecher Friedrichs teilte mit: „Wir befürworten ein EU-Listing, müssen aber Beweise haben für die terroristischen Aktivitäten der Hizbullah auf europäischem Boden.“ Die Organisation wird verdächtigt, hinter einem Anschlag auf einen Bus mit israelischen Urlaubern im bulgarischen Burgas zu stehen, bei dem sieben Personen getötet wurden. In Zypern wurde ein Hizbullah-Sympathisant verurteilt, weil er Vorbereitungen für einen Anschlag unternommen haben soll. Beide Aktionen werden von westlichen Geheimdiensten als von Iran gesteuerte Vergeltungsmaßnahmen für Cyber-Angriffe auf das Atomprogramm des Teheraner Regimes eingestuft.

Was Israel fürchtet

Die jüngsten Luftangriffe sollen dem syrischen Arsenal der Boden-Boden-Raketen vom Typ „Fateh 110“ gegolten haben. Ende Januar wurde angeblich ein Konvoi mit Luftabwehrraketen vom Typ SA-17 bombardiert, der sich gerade aus der Umgebung von Damaskus auf den Weg in den Libanon machen wollte. Dieses Arsenal moderner Raketentechnologie bereitet Israel besonders große Sorgen. Die Regierung will deshalb die Lieferung solcher „strategischer Waffen“ an die libanesische Hizbullah-Miliz verhindern; sollten sie in deren Hände fallen, wäre nicht nur die Lufthoheit der israelischen Armee im Libanon gefährdet. Mit den Raketen aus Syrien könnte die Miliz die wichtigsten Bevölkerungszentren Israels erreichen.

Wie die „Fateh 110“ kann die syrische Rakete „M-600“, eine Weiterentwicklung eines chinesischen Vorläufermodells, einen bis zu einer halben Tonne schweren Sprengkopf genau in ihr Ziel bringen, das sie höchstens um 50 Meter verfehlt. Die Raketen werden von mobilen Abschussvorrichtungen abgefeuert und könnten vom Nordlibanon aus ihre Ziele in Israel binnen weniger Minuten erreichen. Laut israelischen Presseberichten erhielt die Hizbullah womöglich vor drei Jahren erste Raketen dieses Typs. Zudem fürchtet die israelische Marine die russischen „Yakhont“-Raketen, die Syrien ebenfalls besitzt. Sie können 300 Kilometer weit fliegen und Schiffe sowie Förderplattformen auf See präzise treffen. Nach israelischen Angaben verfügt die Hizbullah über insgesamt mehr als 50000 Raketen. (hcr.)

Quelle: FAZ.NET (mrb./hcr./sat./gif.)

 
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