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Nach Freitagsgebeten Abermals Dutzende Tote bei ägyptischen Protesten

Zehntausende Anhänger des entmachteten Präsidenten Mursi sind nach den Freitagsgebeten in Ägypten auf die Straße gegangen. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in das gesamte Land.

© REUTERS Vergrößern Kairo zwischen Trauern und Bangen

Nach dem Freitagsgebet haben in mehreren Städten Ägyptens Zehntausende gegen Polizeigewalt und die Entmachtung von Präsident Muhammad Mursi demonstriert. Die Armee sperrte in der Hauptstadt Kairo, wo am Freitag zahlreiche Opfer des Blutbads vom Mittwoch zu Grabe getragen wurden, mehrere Straßen und Plätze ab. Laut Angaben der Nachrichtenagentur Reuters setzen Sicherheitskräfte dabei am Nachmittag auch Tränengas ein. Außerdem seien Schüsse zu hören gewesen, heißt es.

80 Menschen starben nach Angaben aus Sicherheitskreisen bei landesweiten Straßenkämpfen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die meisten Opfer gab es am Rande der zentralen Kundgebung am Ramses-Platz in der Innenstadt von Kairo. Der Muslimbruderschaft zufolge erschoss die Polizei hier 45 Demonstranten. Beamte des Innenministeriums erklärten hingegen, Dutzende Demonstranten hätten die nahe gelegene Ezbekija-Polizeistation attackiert. Daraufhin sei ein Gefecht mit Feuerwaffen auf beiden Seiten entbrannt, bei dem mehrere unbeteiligte Zivilisten getötet worden seien. Aus der Stadt Ismailia am Suez-Kanal wurde nach Angaben aus Krankenhäusern vier Demonstranten getötet. In der Hafenstadt Damietta kamen Sanitätern zufolge acht Demonstranten ums Leben.

Die Muslimbrüder und andere islamistische Parteien hatten ihre Anhänger zu einem „Freitag der Wut“ aufgerufen. Am Mittwoch hatte die Polizei zwei Protestlager der Islamisten in Kairo gestürmt. Dabei und während der anschließenden Unruhen in mehreren Provinzen starben mehr als 600 Menschen. Nach Angaben lokaler Medien kam es in einigen Moscheen nach dem Gebet zu heftigen Wortgefechten zwischen Gläubigen, die verschiedenen politischen Lagern angehören.

Das Auswärtige Amt weitete seine Reisewarnung auf ganz Ägypten aus. Die Lage in der Hauptstadt habe sich „sehr zugespitzt“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. In den Touristenzentren am Roten Meer sei die Situation hingegen „derzeit noch anders“. Zuvor galt eine Teilreisewarnung für Kairo und weitere Regionen wie das Nildelta, allerdings nicht für die großen Touristengebiete am Roten Meer auf der ägyptischen Festlandseite. Die Vereinigten Staaten hatten bereits am Donnerstag ihre Bürger aufgefordert, Ägypten zu verlassen. Alle dort lebenden Amerikaner seien angehalten, aus dem nordafrikanischen Staat auszureisen, teilte das Außenministerium in Washington mit.

Karte / Unruhen in Ägypten © dpa Vergrößern Proteste der Islamisten in Ägypten und Räumungen in Kairo

Die ägyptische Regierung korrigierte die Zahl der Toten laut übereinstimmender Medienberichte derweil auf 638 nach oben. Verletzt worden seien 4201 Menschen, hieß es. Die Angriffe von Islamisten auf Behörden und Polizeikasernen in Ägypten waren in der Nacht zum Freitag fortgesetzt worden. Anwohner halfen Angehörigen der Ordnungspolizei in der Provinz Al Minia zu verhindern, dass ihre Kaserne im Bezirk Abu Karkas gestürmt wird. Augenzeugen berichteten dem Nachrichtenportal youm7, die örtliche Polizeistation sei angezündet worden. Lokale Medien berichteten außerdem, in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo seien am Morgen vor Ende der Ausgangssperre Schüsse zu hören gewesen. In der Stadt Al Arisch auf der Sinai-Halbinsel wurde das Gebäude der Steuerbehörde in Brand gesetzt.

Kairo kritisiert Obama

Die Übergangsregierung in Kairo kritisierte unterdessen die Äußerungen von Präsident Barack Obama und sprach von terroristischen Handlungen, die sich gegen Regierungsgebäude und lebenswichtige Einrichtung gerichtet hätten. In einer Erklärung des Büros von Übergangspräsident Adli Mansur hieß es in der Nacht zum Freitag: „Die Präsidentschaft fürchtet, dass Erklärungen, die nicht auf korrekten Fakten basieren, gewalttätige bewaffnete Gruppen stärken und sie in ihrem Widerstand gegen Stabilität und den demokratischen Übergang bestärken könnten.“

Obama hatte die Maßnahmen der Übergangsregierung und der Sicherheitskräfte kritisiert. Obama äußerte, er bedauere die Gewalt gegen Zivilisten und sprach sich gegen den verhängten Notstand aus. Die Vereinigten Staaten sagten ein traditionelles gemeinsames Manöver beider Streitkräfte ab. Ein Einfrieren der Militärhilfe oder weitergehende Sanktionen kamen indes nicht zur Sprache. Angesichts der Geschehnisse könnten sie ihre Beziehung mit dem Land derzeit nicht wie gewohnt weiterführen, sagte Obama am Donnerstag in seinem Ferienort auf der Insel Martha’s Vineyard im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts.

UN-Sicherheitsrat verurteilt Gewalt

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte am Donnerstagabend die Gewalt in Ägypten. Alle Parteien wurden aufgerufen, die „Aggressionen“ einzustellen, wie Argentiniens Vertreterin Maria Cristina Perceval als derzeitige Ratspräsidentin nach einer Dringlichkeitssitzung des Gremiums mitteilte.

Mehrere westliche Staaten, darunter Deutschland, hatten zuvor die ägyptischen Botschafter einbestellt. Die Regierungen der 28 EU-Staaten wollen möglichst rasch eine gemeinsame politische Haltung zur Krise in Ägypten finden. Über ein mögliches Sondertreffen der EU-Außenminister werde voraussichtlich Anfang der kommenden Woche entschieden, sagten EU-Diplomaten am Freitag in Brüssel. Die Türkei rief ihren Botschafter in Ägypten zu Konsultationen nach Ankara zurück. Dies gab Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bekannt.

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Quelle: FAZ.NET mit cheh.

 
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