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Nach der arabischen Revolution Islamische Moderne

Die Umwälzungen in der arabischen Welt haben eine enorme Veränderungsenergie freigesetzt, deren langfristige Wirkungen nicht abzusehen sind. Es wird Mittelwege geben zwischen den Vorgaben des Islams und den Forderungen der Revolution.

Die revolutionären Umwälzungen in der arabischen Welt haben eine enorme Veränderungsenergie freigesetzt, deren langfristige Wirkungen noch gar nicht abzusehen sind. Die heftigste Eruption war vom Beginn der Proteste in Kairo vor zwei Jahren ausgegangen. Einige gesellschaftliche Veränderungen zeichnen sich schon ab: Die Gesellschaften mit ihrem hohen Anteil junger Leute schütteln die Patriarchen ab; sie werden die neue Freiheit nicht wieder an autoritäre Systeme abtreten. Vieles aber ist im Fluss: Wandel hat die über Jahrzehnte erstarrte arabische Welt erfasst, sie erlebt eine Zeitenwende, wenn auch vielfach in Blut getränkt.

Die Linie, die mit dem ägyptischen Diktator und Sozialisten Gamal Abd el Nasser (1952 bis 1970) begonnen hatte, die über den Iraker Saddam Hussein und Libyens Gaddafi führte, kommt mit dem Syrer Baschar al Assad an ihr Ende. Ein folgenschwerer Geburtsfehler der Moderne im Nahen Osten war der Glaube der Machthaber gewesen, dass der Staat Modernität verkörpere. Sie wollten Veränderungen über einen starken Staat einführen, nicht über eine lebendige Gesellschaft. Die Armee sollte schlagkräftig sein, die Polizei effizient, die Wirtschaft vom Staat gelenkt. Doch dieser Weg führte nicht in die Moderne, sondern in autoritäre Regime.

Seit Napoleons Expedition nach Ägypten 1798 drangen westliche Methoden und Institutionen in alle Bereiche des arabischen Lebens ein. Die neuen Ideen und Begriffe bildeten aber lediglich eine Fassade; die Machtverhältnisse dahinter änderten sich nicht. Der Staat der arabisch-islamischen Welt war despotischer als alle seine Vorgänger. Denn die Herrscher bauten mit den modernen Errungenschaften ihre Macht aus: Bürokratie festigte den Zugriff auf die Menschen, moderne Technik machte eine landesweite Kontrolle möglich, modernisierte Sicherheitsapparate erstickten Widerspruch.

Heute wirken in verschiedenen Regionen der arabischen Welt unterschiedliche Kräfte. In der Levante werden die kolonialen Grenzziehungen von 1916 in Frage gestellt; in Nordafrika steht die Neuorientierung von 1798 zur Disposition. Zerfällt Syrien, werden sich etwa im Irak die Sunniten fragen, ob sie weiter unter der schiitischen Dominanz leben wollen; die Kurden werden sich die Chance einer erstmaligen Eigenstaatlichkeit nicht entgehen lassen wollen. Das sind heikle, sogar explosive Prozesse, aber vielleicht sind sie unabweisbar. Der Nahe Osten ist ethnisch und religiös ungleich fragmentierter, als es Europa je war. In kleineren Staaten würden überwiegend Menschen mit einer gemeinsamen Identität leben. Demokratische Ordnungen könnten sich leichter entfalten als in Gesellschaften, die Gräben des Misstrauens durchziehen.

Weniger Westen, mehr Islam

In Nordafrika werden die Staaten bis auf Libyen, wo ein gefährliches staatsfreies Vakuum entstanden ist, von gewachsenen nationalen Identitäten zusammengehalten. Dort ist der Druck zu staatlichen Neugründungen weniger stark. In Frage gestellt werden jedoch die „Errungenschaften“ von 1798. Nach Napoleons Expedition hatten die über Ägypten herrschenden Eliten eine Säkularisierung des öffentlichen Raums eingeleitet, Individualisierung fasste Fuß. Die Araber assoziieren die Jahrhunderte „westlicher Moderne“ aber mit Kolonialismus und dann mit Militärdiktaturen.

Überraschend ist es daher nicht, dass in der arabischen Welt eine große Mehrheit diesen Neubeginn will: weniger Westen, mehr Islam. Eben eine „islamische Moderne“. Das stellt die neuen Herrscher vor ein Dilemma. Denn Islamisten misstrauen dem westlichen Konzept der umfassenden Freiheit des Einzelnen; das Gemeinwohl hat für sie eine größere Bedeutung als im Westen. Der Islam will Freiheiten beschränkt sehen, die Revolutionen haben aber im Namen der Freiheit stattgefunden. Ideologisch auflösen können die neuen Machthaber in Tunesien oder Ägypten diesen Widerspruch nicht. Mit pragmatischer Politik suchen sie eine neue Balance herzustellen. Es wird Hybridlösungen geben, Mittelwege zwischen autokratischem Regieren und einer liberalen Ordnung, zwischen Vorgaben des Islams und Forderungen der Revolution.

Die Scharia ist dabei für die Muslime kein Schreckgespenst. Im Unterschied zur Wahrnehmung im Westen verstehen sie darunter nicht ein enges gesetzliches Korsett; der Rechtskorpus heißt „Fiqh“. „Scharia“ hingegen bedeutet „der Weg“, etwas „islamisch“ zu tun: zu wissen, was gut ist und was schlecht, was verdienstvoll und was verwerflich.

Die Türkei taugt bei dieser Transformation nur bedingt als Vorbild. Der politische Islam ist immer ein Produkt seiner Umwelt. Entstanden ist Erdogans AKP im Rahmen einer mehr oder minder funktionierenden Demokratie und bei klar gezogenen Grenzen für den Islam im öffentlichen Raum. Diese Voraussetzungen gibt es nicht in Nordafrika. Das bedeutet nicht, dass die Muslimbrüder nach langer Unterdrückung einfach über ihre Länder herrschen könnten. Wohl besetzen sie Institutionen. Widerstand wird aber weiter die „Straße“ leisten, auch mit Gewalt. In Ägypten hat Präsident Mursi deswegen das Militär zu Hilfe gerufen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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