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Michel Aoun im F.A.Z.-Gespräch „Es ist kein Frühling, es ist die Hölle“

 ·  Im Dezember 2010 begann in Tunesien der große Umbruch in der Arabischen Welt. Das ägyptische Regime fiel, das syrische wankt. Ein Unglück für die freiheitlichen Kräfte, sagt der libanesische Politiker Michel Aoun.

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© AFP Vergrößern Ägypter protestieren auf dem Tahrir-Platz gegen Präsident Muhammad Mursi

Der syrische Machthaber Baschar al Assad hat am Wochenende einen Plan zur nationalen Mobilmachung verkündet. Führt er das Land damit nicht weiter ins Verderben?

Es ist ein großer historischer Fehler, das Angebot Assads zu Verhandlungen über die Zukunft Syriens nicht anzunehmen. Schon zu Beginn des Aufstands vor fast zwei Jahren hat er sich bereit erklärt, über die Sonderrolle der Baath-Partei zu reden, weil sie nicht mehr in der Lage ist, das Land zu dirigieren. Auch der Gründung neuer Parteien hat er zugestimmt.

Am Ende waren alle Angebote aber nur rhetorisch, den Aufstand lässt er bis heute blutig niederschlagen.

Trotzdem ist es falsch, bis zum Ende gegen Assad zu kämpfen. Obwohl er allein gegen die ganze Welt kämpft, gegen Amerika, die Ölstaaten, die Macht des Geldes, hat er bis heute widerstanden. Zurzeit jedenfalls ist Syrien näher an der Demokratie als alle anderen Länder in der Region, die von sich behaupten, die Menschenrechte zu verteidigen. Die Golfstaaten, die die Opposition unterstützen, tun das sicherlich nicht.

Seit Beginn der Revolution im März 2011 sind Zehntausende in Gefängnissen verschwunden, die Opposition wird gewaltsam unterdrückt. Das nennen Sie Demokratie?

Ich habe immer gesagt, dass es nötig ist, einen Dialog zu führen, um in Syrien Demokratie einzuführen. Wer soll dieses komplett zerstörte Land denn am Leben erhalten nach Assad, wer das Chaos in den Griff kriegen? Wo sind sie denn, die viel zitierten moderaten Araber? Ich bin nicht gegen die Demokratie, aber ich bin gegen das, was kommt. Was uns nach einem Sturz Assads blüht, ist die Herrschaft der Islamisten. Und mit denen kommt keine Demokratie.

Sie sind am Ende des Libanon-Krieges vor den Truppen von Assads Vater Hafiz geflohen und konnten 2005 erst in den Libanon zurückkehren, als die syrische Armee abgezogen war. Weshalb stehen Sie nun auf Seiten Ihrer einstigen Verfolger?

Das lässt sich mit Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen. Um Konflikte zu lösen, muss man sich um gute Nachbarschaft bemühen. Als ich Syrien 2008 besucht habe, war das eine Art von Versöhnung zwischen zwei Völkern, die sich bekriegt haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass es die Christen der Levante waren, die den Aufstieg der Region befördert haben. Und die leben im Libanon ebenso wie in Syrien heute unter schwierigen Bedingungen.

In Ägypten fürchten viele Christen seit dem Sturz Husni Mubaraks und der Wahl Muhammad Mursis zum Präsidenten um ihre Sicherheit. Was raten Sie ihnen?

Sie müssen Teil der Opposition sein. Zunächst haben sie sich der Revolution gegen Mubarak angeschlossen, jetzt müssen sie sich gegen Mursi stellen. In Ägypten sind Demokratie und Menschenrechte in Gefahr, weil die Islamisten das Recht auf Verschiedenheit nicht respektieren.

Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz sind für Freiheit und Würde auf die Straße gegangen, jetzt demonstrieren sie gegen Mursi. Das Aufbegehren gegen Autoritäten ist seit dem Arabischen Frühling trotz aller Rückschläge nicht mehr aufzuhalten.

Es ist kein Frühling, sondern die Hölle. Schauen Sie sich die Salafisten an, die in Ägypten jetzt stark sind: Diese Leute suchen Lösungen in der Vergangenheit, aber die Antworten liegen in der Gegenwart und in der Zukunft.

Die freiheitlichen Strömungen der Bewegung kämpfen weiter für universelle Menschenrechte, in Ägypten ebenso wie in Syrien.

Aber ihre Erfolgschancen sind sehr gering. Anders als die Islamisten haben sie es versäumt, sich gut zu organisieren. Die Muslimbrüder hingegen haben sich zusammengeschlossen zu einer Partei der Gläubigen, die für die Rückkehr des Kalifats eintritt. Wenn sie in Syrien gewinnen, brechen schwere Zeiten für Nichtmuslime an.

Sie haben 2006 mit Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah ein Bündnis geschlossen. Auch er strebt ideologisch nach einem Gottesstaat wie das iranische Regime in Teheran.

Ich unterscheide zwischen Integristen und Fundamentalisten. Letztere verteidigen die Fundamente ihrer Religion, die Integristen wollen anderen ihr Lebensmodell überstülpen - oder wie die sunnitisch-islamistische Al Qaida mit Terror Leute von ihrem Weg überzeugen. Das gilt nicht für die schiitisch-fundamentalistische Hizbullah, die als politische Partei den Widerstand gegen Israel aufrechterhält.

Die Hizbullah führte 2006 Krieg gegen Israel, die mit ihr verbündete islamistische Hamas Ende 2012. Ist die Zeit nicht längst reif für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts?

Solange es keine Lösung auf Grundlage von Völkerrecht und Gerechtigkeit für die Palästinenser gibt, wird die Lage weiter instabil bleiben. Zugleich hat sich 2006 und 2012 gezeigt, dass Israel seine verfehlte Politik nicht fortführen kann - weil es nicht mehr in der Lage ist, Kriege zu gewinnen. Das ist für ein Volk, das seit Jahrzehnten im Krieg ist, schwer zu verkraften.

Sie setzen sich in ihrem Land für einen starken Staat ein, sind aber verbündet mit einer Partei, die einen Staat im Staat unterhält. Wie geht das zusammen?

Bevor die Hizbullah ein Staat im Staat sein kann, müsste es im Libanon erst einmal einen Staat geben. Das ist bislang nicht der Fall. Wir müssen ihn erst bauen, damit der kleinere dann darin aufgehen kann. Deshalb steht für uns der Kampf gegen Korruption sowie die Schaffung rechtsstaatlicher Standards an erster Stelle.

Was hat die Allianz mit der Hizbullah Ihnen und Ihrer Partei gebracht?

Der Libanon hat an Stabilität gewonnen, die Partei an Zustimmung verloren und ich an Popularität. Um einen Bürgerkrieg zwischen Christen und Muslimen zu verhindern, ist das ein Preis, den ich gerne zahle. Außerdem ist es auf diese Weise gelungen, die Hizbullah stärker in das politische System des Landes zu integrieren.

Michel Aoun

Anders als die anderen führenden christlichen Politiker entstammt Michel Aoun nicht einer der großen libanesischen Familien. Der 1935 in Beirut geborene frühere Ministerpräsident stieg während des Bürgerkrieges zum Oberbefehlshaber der Armee auf. Wegen seines Widerstandes gegen das Friedensabkommen von Taif zwang ihn die syrische Besatzungsarmee 1990 zur Flucht ins französische Exil. Erst 2005, nach dem Rückzug der syrischen Armee, kehrte er in den Libanon zurück. Seitdem stellt die Freie Patriotische Bewegung, deren Vorsitzender er ist, die größte christliche Fraktion im Parlament. 2006 ging sie ein Bündnis mit der von Hassan Nasrallah geführten, von Iran unterstützten schiitischen Hizbullah ein, was nach Aouns Lesart einen christlich-muslimischen Bürgerkrieg verhindert hat.

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