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Massive Proteste in Kairo Ausbruch des Volkszorns

Die Szenen erinnern an einen Bürgerkrieg. Mit der israelischen Botschaft haben sich die Demonstranten nur ein Ziel gesucht, um ihrem wachsenden Frust über die neue Führung Ausdruck zu verleihen.

© dpa Vergrößern Demonstranten versuchen die Schutzwand um die israelische Botschaft zu durchbrechen

In der Nacht zum Samstag ging in Kairo in Flammen auf, was vom kalten Frieden mit Israel noch übrig geblieben war. Die Szenen vor der israelischen Botschaft erinnerten an einen Bürgerkrieg. Fernsehbilder zeigten, wie ein wütender Mob mit Vorschlaghämmern und langen Stangen auf die Mauern einschlug; einige setzten ihre bloßen Hände ein. Auf der Straße verbrannten Demonstranten jubelnd die israelische Flagge und zündeten Dokumente an, die andere aus der Botschaft zu ihnen herunterwarfen. Ein ägyptisches Sonderkommando musste die letzten sechs Israelis aus dem Gebäude in Sicherheit bringen. In einer dramatischen Rettungsaktion flog die israelische Luftwaffe noch in der Nacht gut achtzig Diplomaten und deren Angehörige aus, unter ihnen der israelische Botschafter.

Hans-Christian Rößler Folgen:  

Doch der Ausbruch des Volkszorns schien damit kein Ende gefunden zu haben. Die Sicherheitskräfte rüsteten sich für neue Proteste. Mehrere Tote und bis zu tausend Verletzte waren allein am Freitag zu beklagen. Denn mit der israelischen Botschaft hatten sich die Demonstranten nur ein Ziel gesucht, um ihrem wachsenden Frust über die neue Führung Ausdruck zu verleihen. Auch auf dem Tahrir-Platz demonstrierten am Freitag Hunderte, die unzufrieden darüber sind, dass es politisch nicht vorangeht. Die Eskalation am Wochenende stürzte Ägypten in eine seiner schwersten innenpolitischen Krisen seit dem Ende des Mubarak-Regimes. Laut Fernsehberichten wollte die Regierung unter Ministerpräsident Essam Scharaf zurücktreten. Das habe jedoch der Militärrat abgelehnt, hieß es am Samstag. Aber der Volkszorn richtete sich viel stärker gegen die Militärführung, die politisch das letzte Wort hat. Bisher hielt sie ihre schützende Hand über den Friedensvertrag mit Israel.

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Der Druck auf die Militärs wächst

Die israelische Botschaft war schon länger Ziel von Demonstranten. Einem Ägypter gelang es Ende August, die Fassade hochzuklettern und die israelische Flagge vom Mast zu reißen. Ein antiisraelischer „Millionenmarsch“ kam in der Woche darauf jedoch nicht zustande. Aber der Druck auf die Militärs wuchs: In der vergangenen Woche stellten der Vorsitzende des Militärrats, Tantawi, und seine Generäle noch einmal klar, dass sie nicht daran denken, dem türkischen Beispiel zu folgen und die diplomatischen Beziehungen zu Israel zurückzustufen. Am vorvergangenen Freitag hatte die Regierung in Ankara angeordnet, dass alle israelischen Diplomaten, deren Rang höher ist als der des Zweiten Sekretärs, bis Mittwoch die Türkei verlassen müssen. Seit Samstag ist Israel in Kairo jedoch nur noch mit seinem stellvertretenden Botschafter präsent.

polizeifahrzeuge botschaft © dpa Vergrößern Entflammte Polizeifahrzeuge vor der Botschaft

Da in Israel bis zum Samstagabend noch der jüdische Schabbat andauerte, an dem auch der Politikbetrieb weitgehend ruht, gab es nur eine knappe Erklärung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Er sprach von einer „ernsten“ Lage und dankte den ägyptischen Sicherheitskräften für ihre Hilfe bei der Rettung der Israelis. Aber das Schweigen der Politiker kann die Bestürzung nicht verdecken, denn für Israel ist ein politischer Albtraum wahr geworden: Seit die Beziehungen zur Türkei, dem bis vor kurzem wichtigsten Partner in der islamischen Welt, in Trümmern liegen, setzt man in Jerusalem umso stärker auf die Ägypter – auch wenn die Beziehungen seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak im Februar schon deutlich abgekühlt waren.

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Veröffentlicht: 10.09.2011, 19:39 Uhr

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