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Aktualisiert: 03.01.2016, 23:04 Uhr

Massenhinrichtung als Warnung Die große Furcht des Hauses Saud

Saudi-Arabien stellt mit der Hinrichtung von 47 Menschen sunnitische Terroristen und schiitische Dissidenten auf eine Stufe. Das Königshaus kehrt damit zur Politik der Repression zurück – und offenbart, wie sehr es seine Herrschaft in Gefahr sieht.

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© dpa Reaktion und Gegenreaktion: Vor der saudischen Botschaft in Teheran halten Demonstranten Plakate mit dem Bild des Klerikers in die Höhe.

Verse aus dem Koran leiteten die Erklärung des saudischen Innenministeriums zur Hinrichtung der 47 Menschen ein. Sie sollen rechtfertigen, weshalb die Todesstrafe gegen sie vollstreckt wurde. Keinen Zweifel ließ auch der Großmufti Saudi-Arabiens, Scheich Abd al Aziz Al Alscheich. Er pries die Hinrichtung als „gerecht“ und einen „Gnadenakt für die Gefangenen“. Denn der Tod hindere sie daran, noch mehr „böse Taten“ zu vollbringen.

Rainer Hermann Folgen:

Der von Saudi-Arabien finanzierte Nachrichtensender Al Arabija zeigte den ganzen Tag lang mit den Fotos von zwei der Hingerichteten, welche Verbrechen angeblich geahndet worden sind. Zur Rechten auf dem Fernsehschirm war Faris al Shuwail zu sehen, einer der saudischen Ideologen von Al Qaida; zur Linken der schiitische Geistliche Nimr Baqir al Nimr, der geistliche Führer der Schiiten Saudi-Arabiens. Unter beiden stand: „Hetzer, Aufwiegler“. Das saudische Staatsfernsehen zeigte Sequenzen von den Terroranschlägen, mit denen Al Qaida von 2003 bis 2006 das Königreich erschütterte. Filmszenen zum Wirken von Nimr blieb es schuldig.

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Die Botschaft an die Bevölkerung sollte wohl sein: Das Haus Saud unterscheidet nicht zwischen Sunniten und Schiiten, wenn es seine Herrschaft in Gefahr sieht. Die Hinrichtung ausschließlich von Sunniten hätte Wasser auf die Mühlen sunnitischer Extremisten sein können, die das Königshaus für nicht mehr wahhabitisch-islamisch genug halten.

Offenbar wollten die Herrscher mit der gleichzeitigen Hinrichtung von Sunniten und Schiiten das verhindern. Die Hinrichtungen der 47 Gefangenen wurden an zwölf verschiedenen Orten vollstreckt. Saudischen Presseberichten zufolge seien an vier Orten Erschießungskommandos eingesetzt worden.

Infografik/ Glaubensrichtungen des Islam im Nahen Osten © F.A.Z. Vergrößern

„Was ist der Unterschied?“

Die übliche Form der Hinrichtung ist in Saudi-Arabien jedoch die Enthauptung. Deshalb stellte die Website des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei als Protest gegen die Hinrichtung von Nimr ein Foto des IS-Enthaupters „Dschihadi John“ neben das eines vermummten saudischen Henkers. Die Frage daneben lautete: „Und was ist der Unterschied?“ Die Antwort der Saudis darauf lautet stets, der IS enthaupte willkürlich, Saudi-Arabien aber nur als Strafe für schwere Verbrechen.

Das Innenministerium teilte mit, die Hingerichteten seien wegen der Mitgliedschaft in „terroristischen Organisationen“ und wegen „krimineller Verschwörung“ verurteilt worden. Die Erklärung gab nicht an, wer auf welche Art hingerichtet wurde. 43 der Hingerichteten – 41 von ihnen waren Saudis – waren wegen Anschlägen von Al Qaida in den Jahren zwischen 2003 bis 2006 verurteilt worden; sie hatten Wohnanlagen angegriffen, in denen westliche Bürger lebten, sowie Gebäude der Regierung und diplomatische Einrichtungen. Dabei waren mehrere hundert Menschen getötet worden.

157 Hinrichtungen im Jahr 2015

Ebenso wurden vier Schiiten wegen ihrer Beteiligung an Protesten in den Jahren 2011 bis 2013 hingerichtet, neben Nimr drei Jugendliche. Die Schariagerichte legten ihre Proteste als „Banditentum“ aus, worauf in Saudi-Arabien die Todesstrafe steht. Einige der Hingerichteten wurden mit unter die Arme gebundenen Seilen an Galgen gehängt und der Bevölkerung zur Abschreckung präsentiert.

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