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Veröffentlicht: 01.10.2015, 13:24 Uhr

Russische Angriffe in Syrien Luftschläge galten offenbar auch Amerikas Verbündeten

Aus Syrien werden neue Luftangriffe der Russen gemeldet. Über die Ziele der ersten Welle herrscht keine letzte Sicherheit. Attackiert wurden offenbar vor allem Orte, an denen nicht IS-Terroristen Stellungen halten – sondern gemäßigte Assad-Gegner.

von , Beirut
© AP Russischer Luftangriff?: Das Bild, das auf dem Twitter-Kanal des „syrischen Zivilschutzes“, einer Gruppe freiwilliger Helfer, gepostet wurde, zeigt Szenen nach einem Luftangriff in Talbiseh in Syrien. Syrische Oppositionsgruppen gegen das Assad-Regime, beschuldigen Russland, diese Angriffe mit dutzenden zivilen Opfern ausgeführt zu haben.

Aus Syrien sind neue russische Luftangriffe gemeldet worden. Wie der libanesische, als assadfreundlich geltende Fernsehsender Al Madayeen TV berichtete, wurden diesmal Stellungen der Rebellenallianz Dschaisch al Fatah getroffen, zu der unter anderem die Nusra-Front, der syrische Al-Qaida-Ableger, gehört, sowie die Dschihadistenmiliz Ahrar al Scham, die sich derzeit um ein moderateres, pragmatisches Image bemüht. Die islamistische Allianz hatte die Nordwestprovinz Idlib unter ihre Kontrolle gebracht und bedroht nun das alawitische Kernland des Regimes um die Küstenstadt Latakia.

Christoph  Ehrhardt Folgen:

Über die Ziele der Angriffe vom Mittwoch machte das russische Verteidigungsministerium weiterhin keine Angaben. Es seien Militäreinrichtungen der Terrororganisation „islamischer Staat“ (IS) angegriffen worden, hieß es nur. Aber die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana, das Sprachrohr des Assad-Regimes, gab eine detailliertere Auskunft. Die Meldung, die unter dem russischen Wappen mit dem zweiköpfigen Adler verbreitet wurde, nannte mehrere Orte als Ziele russisch-syrischer Luftangriffe.

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IS-Hochburgen im Osten Syriens wie Raqqa waren nicht darunter, sondern Orte im Westen des Landes, gelegen zwischen den Städten Homs und Hama, die vor allem für das Assad-Regime von strategischem Interesse sind. In der Umgebung der Stadt Salamijah, die unter anderen genannt wurde, gibt es eine nennenswerte IS-Präsenz. Nach allem, was bekannt wurde, wurden in vielen Fällen nicht-dschihadistische Rebellen getroffen. Orte wie Rastan, Talbisah, Al Zaafranah liegen an oder in der Nähe der wichtigen Autobahn, die Damaskus mit den Städten Homs und Hama verbindet.

Tote Zivilisten und Oppositionskämpfer

Die „New York Times“ zitierte einen amerikanischen Regierungsmitarbeiter mit den Angaben, mindestens eine der getroffenen Rebellengruppen sei eine, die vom amerikanischen Geheimdienst bewaffnet und ausgebildet worden war. Khaled Khoja, der an der Spitze der Nationalen Koalition die Exilopposition führt, teilte über Twitter mit, die Russen hätten bei ihren Luftschlägen nördlich von Homs 36 Zivilisten getötet. Die Angriffe in der Provinz Homs hätten jene getroffen, die den IS dort vor einem Jahr besiegt hätten. Es sei offensichtlich, dass es Moskau nur um die Unterstützung des Diktators gehe, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Die Luftangriffe heizten die Gewalt weiter an, schürten das Chaos. Die in Homs aktive Hilfsorganisation Weißhelme teilte mit, der IS sei dreißig Kilometer von den Treffern entfernt gewesen.

Infografik / Karte / Kampf um Syrien © dpa Vergrößern

Videos, die von Assad-Gegnern im Internet verbreitet wurden, erhärten den Eindruck, dass Putins erste Angriffswelle eher der Stärkung des Assad-Regimes diente als dem Kampf gegen den IS. Sie sollen nach den Angriffen in Talbisah aufgenommen worden sein. Es sind verstörende Bilder von blutüberströmten Kindern, von Helfern, die verkohlte Körper durch dichte Wolken aus Rauch und Staub tragen. Einer der Helfer hatte eine Zigarette im Mundwinkel – wo das IS-Regime herrscht, wird das Rauchen streng bestraft.

Noch mehr Terror für die Bevölkerung

Mehrere Augenzeugen berichteten, die Einschläge und Explosionen seien deutlich heftiger gewesen als bisher, was dafür spreche, dass es sich um russische Angriffe handelte. Oppositionsaktivisten wollen ferner russischen Funkverkehr abgefangen haben. Dafür gibt es allerdings keine Bestätigung oder Beweise. Militärfachleute halten es jedoch durchaus  für möglich, dass es den Assad-Gegnern gelingt, Funksprüche abzufangen.

Für den Gewaltherrscher Assad in Damaskus ist die russische Machtdemonstration in Syrien ein Glücksfall. Zum einen bringt ihm Moskaus Eingreifen eine effektive Luftunterstützung für die Sicherung seines Kernlandes. Zum andere stärkt die russische Waffenhilfe die Moral seiner Truppen. Für die Menschen in den Regionen, die von Assads Gegnern kontrolliert werden, bedeuten die russischen Luftangriffe nur zusätzlichen Terror. Das Regime hatte bislang mit den geächteten Fassbomben dafür gesorgt, dass dort keine Ruhe und Stabilität einkehren. Jetzt könnten dazu noch russische Präzisionsbomben und Raketen kommen.

© reuters Unklarheit über russische Luftangriffe in Syrien

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