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Luftangriff in Syrien Zielerfassung nach dem Treffer

In Israel rätseln Fachleute über die Hintergründe des Luftangriffs in Syrien. Sie sind sich nur einig darin, dass es ein Präventivschlag gewesen ist.

© AFP Vergrößern Patrouille an der israelisch-libanesischen Grenze an diesem Mittwoch

Aus Jerusalem kam auch am Donnerstag keine offizielle Reaktion. Das ist nicht ungewöhnlich: Nach Berichten über Militär- und Geheimdienstaktionen in arabischen Ländern hüllt sich die Regierung traditionell in Schweigen. Die Militärzensur sorgt dafür, dass „ausländische Presseberichte“ die einzigen Quellen bleiben. Nach allem, was er gehört habe, sei klar, dass es „einen israelischen Luftangriff auf syrischem Gebiet gab“, sagte jedoch Schlomo Brom, ein pensionierter Brigadegeneral, der am Institut für nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv arbeitet, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die bombardierten Ziele hätten mit den engen Beziehungen zwischen dem syrischen Regime und der libanesischen Hizbullah-Miliz zu tun gehabt. Unter israelischen Fachleuten herrschte am Donnerstag weiter Unklarheit darüber, was in der Nacht zum Mittwoch genau geschah.

Ungewöhnlich schnell hatte das syrische Staatsfernsehen schon am Mittwochabend von einem israelischen Luftangriff berichtet. Demnach hatten israelische Kampfflugzeuge ein militärisches Forschungszentrum bei Damaskus angegriffen. Es seien zwei Arbeiter getötet und größerer Schaden angerichtet worden. Nach Informationen des israelischen Militärfachmanns Jitzhak ben Israel von der Tel Aviver Universität wurde an dem Zentrum auch an Chemiewaffen gearbeitet. Westliche Nachrichtenagenturen hatten dagegen zuvor einen Luftangriff auf einen mutmaßlichen Waffenkonvoi in der Nähe der libanesischen Grenze gemeldet. Die Zeitung „New York Times“ zitierte einen ungenannten amerikanischen Regierungsmitarbeiter, nach dessen Angaben dem die israelische Führung Washington über diese Aktion informiert habe.

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In Israel wartete man Donnerstag gespannt, ob das Regime in Damaskus und die Hizbullah über ihre rhetorischen Verurteilungen Israels hinausgehen und Vergeltung üben würden. Die Armeen im Libanon, Syrien und Jordanien wurden angeblich in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. „Ich erwarte, dass Syrien und die Hizbullah sich rational verhalten und keine Raketen abfeuern“, sagt Schlomo Brom. Einen späteren Terroranschlag schließt er jedoch nicht aus. Zuletzt waren im vergangenen Juli bei einem Attentat in Bulgarien mehrere israelische Touristen getötet worden. Die israelische Regierung bezichtigte damals die schiitische Miliz.

Schlomo Brom vermutet nicht, dass der jüngste Angriff einem Konvoi mit Chemiewaffen galt, die die Hizbullah in den Libanon bringen wollte. Aber auch Luftabwehrraketen, wie die vom Typ SA-17, könnten Auswirkungen auf die militärische Überlegenheit Israels haben. Bisher hat die Armee über die Lufthoheit über dem Libanon; auch die israelische Marine konnte vor der Küste ohne größere Einschränkungen agieren. Ein israelischer Luftangriff auf einen Raketenkonvoi in den Libanon würde gut zu der Strategie passen, welche die Militärführung bisher verfolgt hat: Sie versucht zu verhindern, dass radikale Gruppen wie die Hizbullah, die Hamas und der Islamische Dschihad Nachschub aus Iran und Syrien erhalten. Im Oktober 2012 warf die sudanesische Regierung Israel vor, eine Fabrik in der Hauptstadt Khartum bombardiert zu haben. Dort sollen mit iranischer Hilfe Waffen hergestellt worden sein. Zuvor wurde von zwei Luftangriffen auf mutmaßliche Nachschubkonvois in der sudanesischen Wüste berichtet.

Hizbullah will Waffen aus Syrien in den Libanon bringen

„Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah erwartet, dass Syrien auseinanderfällt“, sagt Amnon Sofrin, der früher in leitender Position beim Auslandsgeheimdienst Mossad tätig war. Deshalb bemühe sich die Hizbullah, so viele Raketen - und möglicherweise auch Chemiewaffen - in den Libanon zu bringen, wie sie könne. Bisher hatten die Milizionäre Teile ihres umfangreichen Arsenals in Syrien gelagert, weil sie glaubten, dass sie dort sicherer vor israelischen Angriffen seien.

Es gibt indes auch zahlreiche Hinweise dafür, dass die israelische Luftwaffe und die Geheimdienste mehrmals in Syrien eingegriffen haben. Am 6. September 2007 wurde im Süden ein Reaktor zerstört, der angeblich Plutonium produzierte. Anders als nach dem Angriff am Mittwoch verschwieg das syrische Regime diesen Vorfall lange Zeit und bestritt später, dass es sich um eine Atomanlage handelte. Ein Jahr später kam Imad Mugnijeh, der Militärchef der Hizbullah bei einem Attentat um. Auch der Mord an dem syrischen General Mohammed Suleiman im August 2008 wurde mit Israel in Verbindung gebracht. Der Vertraute von Präsident Baschar al Assad spielte bei den Bemühungen um Massenvernichtungswaffen eine wichtige Rolle und hielt enge Kontakte zur Hizbullah.

In der vergangenen Woche war noch über einen anderen Sabotageakt spekuliert worden, der Syriens wichtigsten Verbündeten Iran betraf. Eine Explosion in der unterirdischen Atomanlage in Fordo soll größere Schäden angerichtet haben. In Iran war es zuvor schon immer wieder zu merkwürdigen Unfällen, Attentaten auf Atomwissenschaftler und Attacken mit Computerviren gekommen. Nach Ansicht von Geheimdienstkennern gehören solche Sabotageakte, an denen angeblich auch westliche Staaten beteiligt sind, zur israelischen Strategie, einen Luftschlag auf die iranischen Atomanlagen überflüssig zu machen.

Quelle: F.A.Z.

 
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