Die Kämpfer tragen Militärkleidung, aber keine Uniformen. Jeder ist anders gekleidet, hat sich aus Uniformteilen und Straßenkleidung sein eigenes revolutionäres Univil zusammengestellt. Es dominiert sandfarbene Tarnkleidung. Gemeinsam ist ihnen die lässig über der Schulter baumelnde Kalaschnikow. Abdurrahman steigt zackig aus dem Pritschenwagen. Aus Zintan kommt er, einer Hochburg der Rebellen in den Nafusa-Bergen. In Tripolis hatte er studiert, als die Revolution begann. Nun ist er mit seinen Freunden wie jeden Abend auf dem weitläufigen „Platz der Märtyrer“ im Herzen der Stadt, der früher einmal „Grüner Platz“ hieß.
Abdurrahmans ehemaliger Kommandeur ist einer der Märtyrer, denen die Revolutionäre nach ihrem Einmarsch in die Hauptstadt den großen Platz im Zentrum gewidmet haben. Muhammad Al Madani, war Elitesoldat in den Diensten von Gaddafis Armee und war in Zintan einer der ersten Revolutionäre. Sein Charisma und sein Organisationstalent zog junge Libyer wie Abdurrahman an. Am 1. Mai wurde er in einem Gefecht getötet. Sein Sohn übernahm die Brigade, deren Kampfkraft dazu beitrug, dass am 20. August die Hauptstadt so rasch erobert wurde. Mit ihrem militärischen Erfolg habe sie die Verantwortung für die Sicherheit der Hauptstadt übernommen, sagt Abdurrahman selbstsicher. „Wir bleiben daher hier, bis Tripolis sicher ist.“ Erst dann will er seine Waffe niederlegen und weiterstudieren.
Leute wie der 66 Jahre alte Bauingenieur Yusuf danken der Brigade. Mit seinem Enkel Akram schlendert er wie jeden Abend mit Zehntausenden anderen befreiten Libyern über den Platz. Akram greift in eine Popcorntüte und wirkt zufrieden, sein Großvater holt tief Luft und sagt: „Die Freiheit“. Ja, sein Enkel werde es besser haben. Er feiert in seinem Leben zum dritten Mal: erst den Hochschulabschluss, dann die Hochzeit – und nun mit der Revolution die schönste und längste Feier. Freudestrahlend ruft er aus: „Libyen wird die erste wirkliche Demokratie Arabiens.“
Ein Hindernis sind Kämpfer wie Abdurrahman
Der Weg dorthin ist zwar kürzer geworden, er ist aber noch immer voller Hindernisse. Eines sind Rebellenkämpfer wie Abdurrahman. Die vielen Brigaden und Milizen müssen unter ein Kommando gebracht werden, jemand muss ihre Arbeit koordinieren, die vielen Waffen müssen eingesammelt werden. Nicht wenigen Zivilisten bereiten die Waffen Angst. In einer Seitengasse hocken auf dem Fenstersims eines Schaufensters acht junge Männer. Die Freunde feiern nicht auf dem Platz der Märtyrer. Sie sind noch immer ratlos, wissen nicht, was sie von dem neuen Libyen halten sollen. Nur einer gibt sich als Revolutionär zu erkennen und spreizt seine Finger V-förmig zum Sieges-Zeichen. Ein anderer zischt energisch: „Schau doch die vielen Waffen“. Alles werde bleiben, wie es war, nur Sicherheit werde es keine mehr geben. Unter Gaddafi habe man wenigstens ruhig schlafen können, behauptet er. Das nur jene ruhig schlafen konnten, die dem Regime nicht widersprachen und Dissidenten in den Kerkern und Folterkammern verschwanden, verschweigt er.
Theoretisch unterstehen alle Rebellenkämpfer der Hauptstadt einem Oberkommando. In der Wirklichkeit weigert sich die Brigade aus Zintan, sich aus den zentralen Einrichtungen von Tripolis zurückzuziehen und die Hauptstadt zu verlassen. Der neue Sicherheitsausschuss von Tripolis untersteht wegen der enormen Bedeutung der Hauptstadt direkt dem Nationalen Übergangsrat in Benghasi. Der ist aber noch immer nicht nach Tripolis umgezogen. Am Donnerstagmorgen wurde der Ministerpräsident der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, in Tripolis erwartet, der zum ersten Mal seinen Fuß auf den Borden der befreiten Hauptstadt setzt. Sein Flugzeug sollte auf Gaddafis Militärflughafen Mitiga landen, der mitten in der Stadt liegt.
Belhadsch will sich im Hintergrund halten
Dort hat auch der Sicherheitsausschuss der Hauptstadt seinen Sitz, der dem neuen zivilen Stadtrat von Tripolis untersteht. Parallel dazu gibt es noch einen politischen Sicherheitsausschuss, der von Ali Tarhuni, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten und früheren Wirtschaftsprofessor aus Seattle geführt wird. Eine Menschentraube verstellt den Weg zur niedrigen Holztür des unscheinbaren zweistöckigen Hauptgebäudes. Kämpfer gehen ein und aus, Journalisten aus aller Welt wollen etwas von den mächtigen Männern im Sicherheitsausschuss erfahren, wollen den Oberkommandierenden in Tripolis, Abdulhakim Belhadsch, sprechen, der sich bis zur Befreiung ganz Libyens im Hintergrund halten will, oder zumindest seinen Stellvertreter Anis Sharif.
Ein hochgewachsener unbewaffneter Soldat wehrt den Ansturm ab. Ein klärendes Wort bleibt aus, weder über die Lage in Bani Walid noch über die Kontrolle der bewaffneten Einheiten in der Stadt gibt es Informationen. Bekannt geworden ist nur, dass der Nationale Übergangsrat die Einrichtung eines übergeordneten Militärrats für den Westen Libyens durchgesetzt hat, in dem siebzehn militärische Rebellenführer Sitz und Stimme haben. Ihr Vorsitzender ist Oberst al Mukhtar Firnana, das bekannteste Mitglied des Gremiums aber ist Belhadsch.
Jeder spricht über ihn, niemand kennt ihn
Viele Libyer kennen seinen Namen erst seit ein paar Monaten. Im Ausland ist Abdulhakim Belhadsch schon länger bekannt. In Tripolis ist er eine Art Phantom, über das jeder spricht, das aber niemand kennt. Sein Namensvetter Amin Belhadsch, beide sind nicht verwandt, weiß um die Vorbehalte im Westen gegen den Militärführer. „Abdulhakim ist nicht Al Qaida und nicht extremistisch, er ist ein Patriot, und er hat sich verändert“, sagt Amin, der schon im Februar als erster Libyer aus Tripolis Mitglied im Nationalen Übergangsrat geworden war. In Afghanistan habe Abdulhakim gegen die Sowjets gekämpft, sei dann aber nach Libyen zurückgekehrt, um sich gegen das Gaddafi-Regime zu stellen.
Nach einem gescheiterten Putschversuch gegen Gaddafi wurde Belhadsch ins Gefängnis gesteckt. Dort habe er darüber nachgedacht, ob es mit dem islamischen Gesetz vereinbar sei, Menschen zu töten, um ein Regime zu stürzen, sagt Amin Belhadsch. Sein Kamerad Abdulhakim sei dabei zu der Überzeugung gelangt, dass dies nicht vereinbar sei, sagt er. Er verweist dann noch auf ein Buch, dass Abdulhakim im Gefängnis geschrieben habe. „Die Überprüfung meiner Ideologie“ lautet der Titel. Im Jahr 2008 wurde Abdulhakim Belhadsch freigelassen.
In den Nafusa-Bergen wurde er in diesem Frühjahr zu einer treibenden Kraft bei der Erhebung gegen Gaddafi und versammelte viele Einheiten hinter sich. Nach der Eroberung von Tripolis ernannte ihn Amin Belhadsch zum Chef des Sicherheitsausschusses. Abdulhakim habe zugestimmt, nach dem Abschluss der Revolution seine Befugnisse und seine Truppen an die Ministerien für Inneres und Verteidigung zu übergeben, sagt er.
Viele Waffen sind im Umlauf
In Benghasi, der Hochburg der Rebellen, sind alle bewaffneten „Einheiten der Revolutionäre“ weitgehend unter dem Kommando von Fauzi Bukatef vereint. Seine Zuständigkeit reicht von Tobruk im Osten bis Brega. Im Westen Libyens hingegen hat dieser Prozess erst eingesetzt. Nach dem Sturz von Gaddafis Regime sind neben Tripolis besonders in Misrata und den Nafusa-Bergen viele Waffen im Umlauf und in den Händen von Kämpfern. Diese sind alle nicht in Strukturen einer nationalen Sicherheitsapparats eingebunden. Die Waffen stammen aus den Lagern von Gaddafis Armee, sind aber auch von Verbündeten der Revolutionäre aus dem Ausland ins Land geschmuggelt worden.
Vertreter des Übergangsrats wollen jede Waffe lizensieren. Sie sagen, dass das aber erst möglich sei, wenn von Gaddafi keine Gefahr mehr ausgehe. Dann muss aber für die vielen freiwilligen Kämpfer auch Arbeit gefunden werden, sei es in den neuen Sicherheitsstrukturen oder in zivilen Berufen. Viele von ihnen hatten sich unter Gaddafi vernachlässigt gefühlt und müssten mit einer gutbezahlten Arbeit das Gefühl bekommen, dass man sie und ihren Einsatz wertschätze, heißt es aus dem Übergangsrat. Karrieren stehen ihnen in der Armee offen. Denn anderthalb Jahrzehnte hatten Gaddafis Militärakademien kaum mehr Kadetten aufgenommen. Gaddafi hatte sich zunehmend auf die Milizen seiner Söhne gestützt und auf Söldner. Nun eröffnet der Aufbau einer nationalen Armee vielen jungen Männern eine berufliche Perspektive.
Die acht jungen Männer in der Seitengasse haben unterschiedliche Auffassungen davon, wie es mit dem neuen Libyen und ihnen selbst weitergehen werde. Soldaten wollten sie gewiss nicht werden, sie haben immer in den Geschäften des Viertels gearbeitet. Einig sind sie sich auch darin, dass Gaddafi Libyens Reichtum in Afrika verprasst habe und dass es in Libyen irakische Zustände wie nach dem Sturz von Saddam Hussein nicht geben werde. Denn in Libyen seien ja keine fremden Truppen einmarschiert, und außerdem sei die Gesellschaft homogener. Sie fürchten sich nur davor, dass die vielen bewaffneten Einheiten nicht schnell in eine zentrale Kommandostruktur eingebunden werden – und damit eine Gefahr für das neue Libyen darstellen.
Da fehlt noch was.
Amal Younis (amalyounis)
- 08.09.2011, 22:22 Uhr
