Home
http://www.faz.net/-gq9-78yze
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Libanon Zeit der Kriegstreiber

Die Kämpfe in Syrien haben längst schon auf den Libanon übergegriffen. In der Kornkammer des Landes, der Bekaa-Ebene, schlagen immer wieder Granaten ein. In den Hochburgen der Sunniten wittern radikale Prediger Morgenluft.

© dpa Vergrößern Kampfgebiet: Libanesische Soldaten tragen im Februar einen Kameraden in dessen Heimatdorf in der Bekaa-Ebene zu Grabe. Er war bei einem Feuergefecht nahe der Grenze zu Syrien getötet worden

Die Rakete schlug am Ende der Welt ein. So erzählt es jedenfalls Manduh Nasr al Din. Dort, wo der Staat nur vorbeischaue, wenn er Rechnungen eintreiben müsse. Der 66 Jahre alte Mann steht im Garten seines Hauses und zeigt auf einen kleinen Krater und einen großen Erdhaufen. Hier sei das 107-Millimeter-Geschoss in den Boden eingedrungen. „Zum Glück war niemand daheim“, sagt der Bauer. In der Ferne sind Schüsse zu hören, die syrische Grenze liegt nur ein paar hundert Meter von dem kleinen Anwesen mit einer Handvoll Obstbäumen entfernt. Seine Felder am Rande Al Qasrs beackern könne er wegen der Kämpfe schon seit Wochen nicht mehr, sagt Nasr al Din.

Markus  Bickel Folgen:    

Sie liegen auf syrischem Boden - ein Erbe der französischen Mandatsmacht, die das frühere osmanische Territorium 1920 dem Libanon zuschlug. Wie Nasr al Din geht es vielen der armen, in der Landwirtschaft tätigen Bewohner im Nordosten des Landes: Der Krieg auf der anderen Seite der Grenze bringt sie nicht nur um ihre Lebensgrundlage, er greift mit jedem Tag mehr auf ihr Heimatland über. Mehrere Tote hat es seit März in Al Qasr gegeben. Selbst die Bezirkshauptstadt Hermel, rund zwanzig Kilometer Luftlinie von der nächsten größeren syrischen Stadt, Al Qusair, entfernt, wurde von Raketen getroffen.

„Als Nächstes schicken sie Autobomben“, fürchtet Nasr al Din. Seitdem die schiitische Hizbullah-Miliz in den Konflikt in Syrien eingegriffen hat, ist der Libanon selbst zum Kriegsgebiet geworden. Al Qasr liegt an vorderster Front. Nicht die Armee von Baschar al Assad, sondern sunnitische Aufständische der Freien Syrischen Armee sollen für den Raketenbeschuss der vergangenen Wochen verantwortlich sein. „Al Qaida kämpft auf der anderen Seite“, sagt Nasr al Din sicher. An der Wand im Wohnzimmer hängt ein Foto von Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah.

Die fruchtbare Kornkammer des Libanons

Überall an den flachen Häusern entlang der Hauptstraße Al Qasrs sind Plakate der Organisation zu sehen, aber auch Bilder des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad und Bilder des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ali Chamenei. An der Ortseinfahrt hängt ein großes Bild des alawitischen syrischen Machthabers. Syrien habe „echte Freunde, die es nicht erlauben werden, dass das Land in die Hände der Vereinigten Staaten, Israels oder von Ungläubigen fällt“, sagte Nasrallah Ende April in einer Videobotschaft. Sollten schiitische Heiligtümer angegriffen werden, seien „Staaten, Widerstandsbewegungen und andere Kräfte dazu verpflichtet, auf effektive Weise in den Konflikt einzugreifen“, drohte er - das war vor den israelischen Angriffen auf syrische Waffendepots rund um Damaskus am Wochenende.

Infografik / Karte / Syrien (2013-05-07)

In der Region um Al Qusair hat der Konflikt die Grenzen längst überschritten. Die Gegend, die wie ein Keil in den Libanon hineinragt, liegt mitten auf der wichtigen Verbindungsstrecke von Damaskus über Homs nach Tartus und Latakia am Mittelmeer. Sollte die syrische Hauptstadt eines Tages in die Hände der Aufständischen fallen, bildete das Gebiet die Rückzugsschneise des Regimes in die alawitisch dominierten Gebiete an der Küste. „Solange Qatar und Saudi-Arabien die Kämpfer mit Waffen unterstützen, so lange wird der Krieg weitergehen“, sagt Nasr al Din. Besonders nachts sei der Gefechtslärm nicht auszuhalten, berichtet der Bauer und zeigt auf die Berge am Westrand der Gemeinde.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
+++ Bagdad Briefing +++ Am Rande des Abgrunds

Die Lage im Libanon verschärft sich durch Gefechte, die sich im Grenzgebiet zu Syrien Palästinensermilizen und Kämpfer der Nusra-Front liefern. Sympathisanten des Islamischen Staats attackieren Armee und Polizei. Mehr Von Markus Bickel

23.10.2014, 18:17 Uhr | Politik
Sorge um syrische Babys

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien in den Libanon geflohen; die Hälfte von ihnen sind Kinder. Das Leben im Flüchtlingslager wie in dem in Arsal ist hart, vor allem für die jüngsten Bewohner. Babys kommen wegen der medizinischen Betreuung durch die Organisation Ärzte ohne Grenzen zwar weitgehend ohne Komplikationen zur Welt, doch ihre Zukunft ist ungewiss. Mehr

05.06.2014, 18:30 Uhr | Gesellschaft
+++ Bagdad Briefing +++ Krieg im Libanon

Es waren die schwersten Kämpfe seit August: 28 Menschen kamen am Wochenende bei Gefechten zwischen der Armee des Landes und Dschihadisten in der Sunnitenhochburg Tripolis ums Leben. Mehr Von Markus Bickel

27.10.2014, 07:34 Uhr | Politik
Steinmeier verspricht mehr Hilfen für syrische Flüchtlinge

Bei einem Besuch im Libanon hat der deutsche Außenminister weiter humanitäre Hilfen für die Menschen zugesagt die vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen sind. Mehr

30.05.2014, 08:59 Uhr | Politik
+++ Bagdad Briefing +++ Amerika hilft syrischen Rebellen nicht

Die Freie Syrische Armee kämpft gegen den Islamischen Staat - und gegen Diktator Baschar al Assad. Dabei will Amerika sie nicht unterstützen. Denn ein Sturz des Regimes sei nicht das Ziel, stellt der Sondergesandte Präsident Obamas klar. Mehr Von Markus Bickel

30.10.2014, 07:41 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.05.2013, 19:48 Uhr

Fliegende Bären

Von Berthold Kohler

Russland und der Westen tauschen im Himmel über Europa mittels Kampfflugzeugen Botschaften aus. Die Kanzlerin reagiert richtig auf Moskaus Luftnummer. Sie lässt Putins militärisches Aufplustern wie die Tat eines Halbstarken aussehen. Mehr 14