http://www.faz.net/-gq5-7gwms

Kritik an Ägyptens Liberalen : Schluss mit lustig

Spaßvögel: Ahmed und Youssef Bild: Archiv

Eine Satireshow auf Youtube verulkt Ägyptens liberale Elite - bei Armeechef Sisi aber hört der Spaß auf.

          Die nächste Sendung muss warten. In der jetzigen Situation sei es keine gute Idee, sie auszustrahlen, sagen sie. Vor ein paar Tagen wollten sie sie aufnehmen, in ihrem Studio, das sie in einer Wohnung im Kairoer Vorort Nasser City eingerichtet haben. Youssef Hussein wollte sich wieder vor die Wand stellen, die sie selbst mit grüner Spezialfarbe angestrichen haben - damit sie später am Computer andere Kulissen in den Hintergrund montieren können. Youssef, 25 Jahre alt, ein stämmiger Typ, der früher wahrscheinlich einer der Klassenclowns und Schulhofkönige war, ist der Frontmann einer Satireshow, die im Internet Millionen von Zuschauern hat. „Joe Tube“, heißt sie, benannt nach der Internetplattform You Tube, wo die Videos hochgeladen werden. „Wir waren total überrascht, von unserem Erfolg, wir hatten das eigentlich nur für unsere Freunde gemacht“, sagt Youssef.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Sein Freund Ahmed Zekairy ist der Regisseur der Show. Der 31 Jahre alte Mann wirkt auf den ersten Blick fast etwas finster, was an seinem langen dunklen Bart liegen mag. Aber auch aus ihm bricht immer wieder ein schlagfertiger Komödiant hervor. Wenn Ahmed über das Projekt und die neue Folge erzählt, an deren Drehbuch sie gerade arbeiten, klingt das allerdings nicht mehr ganz nach dem ironischen Klamauk früherer Sendungen.

          Keine gefährlichen Eiferer

          “Joe Tube“ war eine Reaktion auf die Medienberichte und Satire-Shows, die Häme und Spott über den abgesetzten Präsidenten Muhammad Mursi und seine islamistischen Weggefährten ausgegossen hatten. Im Januar, als Mursi noch an der Macht war, hatten die beiden jungen Männer die ersten Folgen geschaltet - nach dem der Präsident entmachtet war, hatten sie erst recht weitergemacht. Sie nahmen Lieblinge des liberalen Lagers aufs Korn. Sie verulkten Leute wie den Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei oder den Oppositionspolitiker und früheren Präsidentschaftskandidaten Hamdin Sabahi. Als im ägyptische Fernsehen verkündet wurde, im großen Protestlager der Mursi-Anhänger gebe es Zelte, in denen sich Frauen im Namen des Islamismus für Gratis-Sex hergäben, schnitten sie Bilder von säkularen Demonstranten zu den Verlautbarungen.

          Die jungen Männer sind keine gefährlichen Eiferer wie der inhaftierte Führer der Muslimbruderschaft Muhammad Badie und seine Weggefährten. Sie sind keine Fans der Islamisten, dieser eisernen alten Männer aus einer anderen Zeit. Sie gehören aber zu jenem religiösen Teil der Gesellschaft, der sich angesichts der aufgeheizten Kulturkampfstimmung zunehmend entfremdet. Sie fühlen sich nicht vertreten von der neuen Führung um Armeechef Abd al Fattah al Sisi. Sie fürchten sie sogar ein wenig.

          „In diesen Zeiten muss man sich für eine Seite entscheiden“

          Der Staat geht mit harter Hand gegen die Islamisten vor. Es sind Zeiten, in denen Ahmed sich Sorgen macht, dass er wegen seines Bartes von der Polizei schikaniert werden könnte. Ein Scheich der radikalen Salafisten hat schon verkündet, es sei in diesen Tagen gestattet, sich aus Sicherheitsgründen den Bart abzunehmen.

          Youssef hatte Mursi erst im zweiten Wahlgang seine Stimme gegeben. Zuvor hatte er den - auch für viele Liberale akzeptablen - Islamisten Abd al Monem Abul Futuh gewählt. „Ich habe einmal auf Facebook geschrieben, Mursi sei so nutzlos wie die kleinen Lämpchen, die während des Ramadans verkauft werden“, sagt er. „Da haben alle applaudiert. Aber wenn man sich über die neue Regierung lustig macht, pöbeln sie.“ Am Ende ist Youssef im großen Protestlager der Mursi-Anhänger aufgetreten und wurde wie ein Popstar gefeiert.

          Topmeldungen

          Kommentar zu Europa : Ein neues Kapitel – aber wie?

          Frankreichs Staatspräsident Macron blickt in Berlin zurück und nach vorn. Er will eine „europäische Souveränität“. Aber die nationalen Interessen sind keineswegs stets deckungsgleich. Der Volkstrauertag erinnert daran, wie man mit Unterschieden umgeht – und wie nicht.
          Bekam Gegenwind: Chinas Staats- und Regierungschef Xi Jinping.

          FAZ Plus Artikel: Apec-Gipfel : Chinas Heimspiel endet im Debakel

          Auf dem Pazifik-Wirtschaftsforum kommt es zu einer offenen Konfrontation der Systeme. Koordinierte Zusagen von Amerikas Partnern schieben China einen Riegel vor – doch auch Amerika hat eigene Motive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.