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Veröffentlicht: 12.08.2016, 16:06 Uhr

Krieg in Syrien Tausende müssen in Aleppo verseuchtes Wasser trinken

Die Situation der Bevölkerung in Syrien spitzt sich weiter zu. Mehr als eine Million Menschen sind von Versorgung abgeschnitten. In ganz Aleppo funktioniert die Trinkwasserversorgung nicht mehr.

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© AP Eine Familie mit Wasserkanistern in Aleppo (Foto vom Februar 2016)

Die Bewohner Aleppos leiden – auf allen Seiten. Bei Kämpfen am Westrand der umkämpften syrischen Stadt wurde ein Kraftwerk schwer beschädigt. Seither ist der Wassermangel akut geworden, und zwar nicht nur in dem von den Rebellen gehaltene Ostteil Aleppos, der seit mehr als einem Monat von Hilfslieferungen abgeschnitten ist, sondern auch in dem vom Regime kontrollierten Westen. Der wird zwar über einen Zugang weiter beliefert, doch seit der Unterbrechung der Stromzufuhr funktioniert in ganz Aleppo die Trinkwasserversorgung nicht mehr.

Rainer Hermann Folgen:

Im Ostteil greifen die Bewohner seither auf Brunnen zurück. Die sind jedoch durch Fäkalien und Schmutz verseucht, denn auch die Abwasserentsorgung funktioniert nicht mehr. Die Gefahr von Seuchen wird dadurch immer größer, zumal die Chlortabletten zur Desinfektion ausgehen. Um die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen, wären aber mehr als drei Stunden Waffenruhe am Tag erforderlich, die Russland vorgeschlagen hat. Immerhin sind im Westen der Stadt Hilfsorganisationen präsent, zum belagerten Osten Aleppos haben sie jedoch keinen Zugang.

Aber nicht nur die ehemals größte Stadt des Landes ist von Hilfe abgeschnitten: Derzeit leben in Syrien 1,1 Millionen Menschen in 18 belagerten Städten beziehungsweise Gebieten ohne Versorgungszugang.

People gather to buy fresh produce that was brought into rebel held areas of Aleppo by private traders from a newly opened corridor that linked besieged opposition held eastern Aleppo with western Syria that was captured recently by rebels, in Aleppo © Reuters Vergrößern Bewohner von Aleppo stehen an, um bei privaten Händlern einzukaufen, die in einer Feuerpause in den belagerten Teil der Stadt gelangt sind.

Vor Aleppo hatten sich die längsten Belagerungen in Homs und Madaya ereignet. In der Stadt Deir al Zor am Euphrat werden derzeit 110.000 Menschen über eine Luftbrücke versorgt; mehr als 1550 Tonnen Lebensmittel sind dort abgeworfen worden. Im Niemandsland an der syrisch-jordanischen Grenze werden mehr als 75.000 Menschen, die dort gestrandet sind, mit einem riesigen Kran über die Grenze hinweg aus Jordanien versorgt.

© reuters Kein fließendes Wasser mehr in Aleppo

In Nachbarländern wie Jordanien erhalten Flüchtlinge von Organisationen wie dem Welternährungsprogramm Geldkarten, mit denen sie Lebensmittel kaufen können. In der libanesischen Bekaa-Ebene sichert ein deutsches Projekt für mehr als 50.000 Personen eine ärztliche Grundversorgung. Dazu gehören die Vorsorge für schwangere Frauen und Schulungen, wie durch Hygiene- und ähnliche Maßnahmen Krankheiten verhindert werden können.

41720088 © AFP Vergrößern Rebellen in Aleppo

Der Fokus der großen Hilfsorganisationen hat sich in den vergangenen Monaten, in denen die Intensität des Kriegs trotz der im Februar vereinbarten Waffenruhe wieder zugenommen hat, aber auf Syrien verlagert. Als unverzichtbar erweisen sich dabei Organisationen wie die Deutsche Welthungerhilfe, Malteser International, das Deutsche Rote Kreuz und humanitäre zivilgesellschaftliche Organisationen, die mit ihren lokalen Partnern sowohl über Kampflinien hinweg arbeiten können als auch über die Grenze von der Türkei nach Nord-Syrien.

In Deutschland werden die einzelnen Maßnahmen in den regelmäßigen Planungsrunden im Auswärtigen Amt mit den Organisationen koordiniert. Kurzfristig stünden den Vereinten Nationen genügend Mittel und Material zur Verfügung, sollten in Aleppo humanitäre Korridore zur Versorgung der Bevölkerung geschaffen werden, heißt es aus dem Auswärtigen Amt. Der Gesamtbedarf für Syrien bleibe aber unterfinanziert.

Bei dem Krieg sind bislang mindestens 300.000 Menschen getötet worden, einzelne Schätzungen schließen selbst 450.000 Todesopfer nicht aus. 12 Millionen Syrer sollen auf der Flucht sein, das ist die Hälfte der syrischen Bevölkerung. 80 Prozent sind auf humanitäre Unterstützung angewiesen.

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Über solche Themen spreche man in Genf bei den wöchentlichen Treffen der „humanitären Taskforce“ der aus 23 Staaten bestehenden „International Syria Support Group“, heißt es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Die Vereinigten Staaten und Russland leiten gemeinsam diese Taskforce, die im Februar mit großen Hoffnungen in München eingerichtet worden war. Sie soll beispielsweise dafür sorgen, dass Hilfslieferungen in belagerte und schwer erreichbare Gebiete gelangen. Dazu muss Einfluss auf die Kampfparteien ausgeübt werden, damit sie überlebensnotwendige Hilfslieferungen überhaupt ermöglichen sowie Angriffe auf humanitäre Helfer und sonstige zivile Ziele wie Krankenhäuser unterbinden. Eine Einigung auf die Öffnung humanitärer Korridore wurde bislang jedoch nicht erzielt.

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