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Aktualisiert: 09.02.2016, 20:29 Uhr

Schlacht um Aleppo Syriens Stalingrad

Dank Russlands Bombenflugzeugen und Panzern dürfte das Assad-Regime in Kürze Aleppo eingekesselt haben. Den syrischen Rebellen und Hunderttausenden Zivilisten droht eine Katastrophe.

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© AFP Regierungstruppen formieren sich am 2. Februar in der syrischen Provinz Aleppo, um vom „Islamischen Staat“ besetzte Dörfer zurückzuerobern.
 
Die Ukraine war gestern: Russland kehrt in Syrien zu klassischer Kriegsführung zurück

Wladimir Putin steht vor einem Sieg, der zum Wendepunkt des syrischen Bürgerkrieges werden könnte. Mit massiven Luftangriffen hat Russlands Präsident herbeigeführt, wovon Syriens Machthaber Baschar al Assad seit Oktober 2015 geträumt haben mag. Dem Monat, an dem Russland mit eigenen Luftangriffen an seine Seite trat. Aleppo, die am härtesten umkämpfte Stadt des Landes und Festung der oppositionellen Truppen, steht vor der Einkesselung. Seitdem die russische Luftwaffe vor wenigen Wochen damit begonnen hat, die Gegend rund um die strategisch wichtige Stadt zwischen Mittelmeer und Euphrat und  intensiv zu bombardieren, gelingt es der syrischen Armee und ihren Verbündeten, die Gegner aus dem Umland der einstigen Industriemetropole zu vertreiben und die letzte verbliebene Versorgungsroute im Nordwesten der Stadt zu bedrohen.

Lorenz Hemicker Folgen:

Die Verbündeten Assads spielen dabei die militärisch entscheidende Rolle. Denn die Armee des Regimes ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Hauptlast in den Kämpfen tragen andere. Auf Seiten Assads kämpfen schiitische Söldner aus dem Irak, teils sogar aus Afghanistan, die libanesische Hizbullah sowie Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden.

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Die entscheidende Offensivkraft in der Schlacht um Aleppo jedoch darf zweifelsfrei den Russen zugeschrieben werden. Allein zwischen dem 1. und 4. Februar flog Moskaus Luftwaffe laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums 237 Kampfeinsätze über den Provinzen Aleppo, Latakia, Homs, Hama und Deir ez-Zor. Inzwischen konzentriert die Luftwaffe das Gros ihrer Operationen auf Aleppo.

Neben Jagdbombern und Kampfhubschraubern hat Moskau seine besten Jagdflugzeuge und Flugabwehrraketensysteme entsandt, um die Luftherrschaft über der Provinz aufrechterhalten zu können. Zudem hat Moskau laut übereinstimmenden Berichten iranischer und türkischer Nachrichtenagenturen die syrische Armee mit modernen russischen Kampfpanzer vom Typ T-90 ausgestattet, die nach der Schulung der Besatzungen und Dank des offenen Geländes rund um Aleppo herum inzwischen ihre Wirkung voll entfalten.

Russlands Vorgehen in Syrien steht dabei offenkundig nicht in der Tradition hybrider Kriegführung, wie sie auf der Krim oder in der Ostukraine zu betrachten ist. Statt verdeckter Kräfte, unkonventionellen Kampfmittel und umfangreicher Propagandaaktivitäten setzt Moskau wieder auf klassische Kriegsführung, die sich an diversen Vorbildern anlehnt. Der massive Einsatz der russischen Luftwaffe erinnert an den Tschetschenienkrieg Ende der neunziger Jahre, in dem Grosny fast völlig zerstört wurde. Zuvor hatte Putin die Gegner pauschal als gefährliche Islamisten abgestempelt.

Allerdings spielte die russische Armee im zweiten Tschetschenienkrieg eine (noch) größere Rolle, da sie auch direkt in die Kämpfe eingriff. Klarer noch sind die Anlehnungen an Belagerungen. Russland versucht zusammen mit seinen Verbündeten, eine strategisch wichtige Stadt mit enormer politischer Bedeutung einzukesseln, deren Verlust sich auf die Moral der Rebellen äußerst negativ auswirken würde.

© AFP, afp Tod und Zerstörung in Aleppo - Zehntausende auf der Flucht

Parallelen sind auch mit der Luftkampagne der von Amerika geführten Allianz zur Bekämpfung des „Islamischen Staats“ (IS) zu finden, setzt Moskau doch wie Washington auf eine Mischung aus Luftangriffen, verbündeten Bodentruppen, eigenen Ausbildern und vereinzelten Spezialkräften, ohne jedoch eigene Infanterie- und Panzereinheiten in den Krieg zu werfen, deren Einsatz wohl auch in Moskau als wenig aussichtsreich gesehen wird.

Der wesentliche Unterschied liegt im Zweck, der Dosierung – und vor allem der Skrupellosigkeit. Denn die grausame Kehrseite des Vorstoßes nimmt Putin offenkundig in Kauf. Berichten zufolge fordern die Luftangriffe Moskaus zahlreiche zivile Opfer, darunter auch Kinder.

Aleppo selbst droht dabei eine humanitäre Katastrophe. Die Bombardierungen der Provinz Aleppo haben bereits Zehntausende vertrieben. In den Ruinen der einstigen Industriemetropole Syriens leben noch weiterhin Hunderttausende Menschen. Schon jetzt berichten Bewohner über Twitter von Nahrungsmittelengpässen, die sich in den kommenden Tagen noch verstärken dürften. Dahinter steckt Kalkül: Bei dem Versuch, die Stadt einzunehmen, dürften die syrische Armee und ihre Verbündeten in Häuserkämpfen hohe Verluste erleiden.

Umgekehrt wird die Lage für die Rebellen jeden Tag schwieriger, da ihnen nicht nur die eigenen Vorräte schwinden, sondern der Druck von Seiten der Bewohner immer größer werden dürfte.

Chris Kozak von der amerikanischen Denkfabrik „Study of War“ geht davon aus, dass Putin und Assad beide Maßnahmen miteinander kombinieren wollen. Das Endergebnis, so Kozak, könne ein Kessel sein, in dem die verbliebene zivile Bevölkerung zusammen mit den ausharrenden Oppositionellen in den Trümmern der Stadt einer doppelten Strafkampagne aus Hunger und Bomben unterzogen werden – und am Ende doch kapitulieren müssten.

Eine Niederlage, deren demoralisierende Wirkung auf die Rebellengruppen nicht hoch genug einzuschätzen ist. Aleppo würde für die Opposition zum Stalingrad Syriens.

Quelle: FAZ.NET

 

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