Die erste Runde der ägyptischen Präsidentenwahl hat zweierlei gezeigt: Diejenigen Ägypter, die abstimmten, waren mit Enthusiasmus dabei; und der größere Teil von ihnen hat sich für jene Kandidaten entschieden, die - so hofft man jedenfalls - für ein gewisses Maß an Sicherheit sorgen werden. Der Muslimbruder Muhammad Mursi und der gewesene General Ahmed Schafik, ein Mann noch aus der Mubarak-Zeit, werden in die Stichwahl am 16. und 17. Juni gehen. Das Nachsehen hatten der langjährige Außenminister Amr Musa, der den meisten Ägyptern doch als zu belastet galt und unter „Ferner liefen“ landete. Auch der Arzt und moderate Islamist Abdal Monem Abul Futuh, den viele favorisiert hatten, hatte wenig Erfolg.
Seit dem Sturz Mubaraks vor mehr als einem Jahr hat sich nicht nur die wirtschaftliche Lage Ägyptens verschlechtert, auch die Sicherheit im Lande hat gelitten. Müllberge werden noch immer nicht beseitigt, und die verbreitete Unsitte, Häuser ohne Genehmigung zu bauen, hat drastisch zugenommen. Offenbar glauben hinreichend viele Ägypter, dass der Kandidat Schafik in der Lage sei, mit Hilfe alter Beziehungen diese und noch viele andere Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Mursi kommt zugute, dass die Muslimbrüder jahrzehntelang verfolgt wurden und durch ihre soziale Graswurzelarbeit großes Ansehen gewannen. Freilich: Seit ihrem beeindruckenden Sieg bei der Parlamentswahl haben die „Brüder“ und ihre Partei viele schon enttäuscht. Es ist eine Sache, gegen ein autokratisches System à la Mubarak Opposition zu betreiben, eine andere jedoch, es besser zu machen. „Der Islam ist die Lösung“ ist nichts anderes als eine Propaganda-Floskel, Konkretes zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise etwa hat man von den Muslimbrüdern noch nicht gehört.
Sollte Mursi die Stichwahl gewinnen und Präsident werden, stünde auch das Militär vor der Frage, wie es sich verhalten soll. Dass die Generäle unter Feldmarschall Tantawi, wie zugesagt, das Feld räumen werden, glauben viele Ägypter ohnehin nicht. Ein Islamist als Präsident böte ihnen den Vorwand, an der Macht zu bleiben. Dies vor allem würde jedoch die weltliche Opposition und insbesondere die Revolutionäre der ersten Stunde wieder auf den Plan, sprich: den Tahrir-Platz rufen. Mit einem demokratisch gewählten Präsidenten ohne Militärherrschaft hingegen könnten sie zunächst leben.