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Jugend in Tunesien Hört endlich zu!

Die Jugend in Tunesien hat das Gefühl, dass die Politik sie auch nach der Revolution nicht ernst nimmt. Sie genießt zwar neue Freiheiten. Aber ihre Probleme sind nicht geschwunden.

© dapd Vergrößern Wutausbruch: Jugendliche werfen Steine auf die Polizei. Diese löste am Montag eine Demonstration in Tunis mit Gewalt auf

Es muss schnell gehen, es ist schon spät. Das System soll im Licht der Autoscheinwerfer zerschlagen werden. Mit roter Farbe wird schnell ein „System“-Graffito auf die ausgebaute Heckscheibe eines Autos gesprüht. Die Kamera läuft. Dann nimmt Bel Hassen Anlauf und schlägt mit dem Hammer zu. Die Kamera wird gestoppt, die Trümmer werden hastig ins Dunkel geschafft.

„Das System hat eine Brücke von uns direkt zum Friedhof gebaut“, heißt es in dem Song der „Rebel“ und dessen improvisiertes Video gerade auf einem verwitterten Sportgelände in einem der weniger feinen Viertel von Tunis gedreht wird. Bel Hassen hat vor knapp fünf Jahren mit seinem Bruder Marwen und seinen Kumpels Amen, Safwen und Samy die Rap-Band „Empire“ gegründet. Sie alle sind Studenten, um die zwanzig Jahre alt. Sie wollen der frustrierten Jugend Tunesiens eine Stimme geben. Sie haben das Gefühl, dass der Jugend auch im neuen Tunesien noch immer niemand zuhört.

Was kam, war die Unsicherheit

Die Jugend ist frustriert. Die vielen jungen Männer mit Röhrenjeans und Fußballerfrisuren stehen noch immer an die Häuserwände gelehnt, sitzen vor Cafés, hantieren mit Mobiltelefonen, rauchen, warten darauf, dass etwas passiert. Dabei hat die Jugend vor einem Jahr ihren Diktator aus dem Land gejagt, hatte Hoffnung geschöpft. Doch die Arbeitslosigkeit ging nicht zurück, sie stieg. Was kam, war vor allem die Unsicherheit, was die Zukunft wohl bringen wird. „Empire“ übersetzen dieses Lebensgefühl so: „Wir leben wie in einem Gefängnis.“ Am Montag hat es wieder geknallt. Da ignorierten Hunderte das Demonstrationsverbot auf der Avenue Habib Bourguiba, dem Boulevard im Zentrum von Tunis. Die Polizei schoss mit Tränengasgranaten, Steine flogen. Die Demonstranten skandierten einen Slogan, den sie noch aus den Revolutionstagen kennen: „Das Volk will den Sturz des Systems.“

“Das System“, sagen die Jungs von „Empire“, habe sich nicht geändert. Die Band kommt aus Gegenden, die in Tunis als „populaire“, als „volkstümlich“, beschrieben werden. Einfache Gegenden mit schäbigen Fassaden, wo tagsüber Katzen zwischen aufgerissenen Müllsäcken in der Sonne dösen. Die Musiker haben alle Mühe, die nötige Computerausrüstung dafür zu beschaffen, ihre Beats zu programmieren. Geld können sie mit der Musik nicht verdienen. Dabei ist die Rapmusik mit der Revolution immer bekannter geworden. Einige regimekritische Rapper wurden richtige Berühmtheiten. Im Radio wird immer noch ein Lied gespielt, in dem einige aus der postrevolutionären Hip-Hop-Prominenz das Volk dazu aufrufen, sich an den Wahlen zu beteiligen, um die neue Demokratie zu stärken.

TUNISIA-UNIVERSITY-RELIGION-ISLAM © AFP Vergrößern Mohammed Bakhti

Auch die Texte von „Empire“ sind politischer geworden. „Unsere Musik kann eine soziale Waffe sein“, sagt Amen. Er gehört zu den nachdenklicheren der jungen Tunesier. Ihm gefällt es nicht, dass die Gesellschaft nicht nur in Jung und Alt geteilt ist, sondern auch in reiche und arme Jugendliche. Die seien einander irgendwie fremd, sagt er. Die aus den guten Vierteln kommunizierten nicht mit denen aus ärmeren Gegenden. Aber die Musik, ihre Musik, sei für alle da. Musik könne solche Gräben überwinden, sagt er. Rapper, die außer Geschichten über Drogen, leichte Mädchen und dicke Autos nichts zu sagen hätten, nervten ihn bloß. „Wir machen keinen Gangster-Scheiß“, sagt er.

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