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Jemen : Abgleiten in die Anarchie

100 000 Kämpfer sollen mittlerweile zu den Houthi-Rebellen zählen. Bild: AP

Saudi-Arabiens Krieg im Jemen verläuft bislang erfolglos. Das Leiden im ärmsten Land der arabischen Welt nimmt zu. Und der Gegner ist stärker als je zuvor. Eine Bestandsaufnahme anlässlich der am Sonntag beginnenden Friedensverhandlungen.

          Am 26. März 2015 begann Saudi-Arabien seinen Krieg im Jemen. Kein Kriegsziel hat das Königreich bis heute erreicht: Die Houthi, die schiitischen Rebellen aus dem Norden des Landes, herrschen weiter über die Hauptstadt Sanaa, und der vom Ausland als legitimer Präsident anerkannte Abd Rabbo Mansur Hadi lebt noch immer in seinem Exil in der saudischen Hauptstadt Riad. Kampfflugzeuge aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten bombardieren weiter Ziele im Jemen, auch zivile. Eigene Bodentruppen schickt Saudi-Arabien nicht in den Jemen, die soll nun der westafrikanische Staat Senegal bereitstellen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Katastrophal ist die humanitäre Lage im ganzen Land, das ohnehin das ärmste der arabischen Welt ist. So bringen sich Jemeniten über das Horn von Afrika nach Djibouti, Äthiopien und Somalia in Sicherheit. In der umkämpften Hafenstadt Aden, der zweitgrößten Stadt des Landes, gibt es seit Wochen weder Wasser noch Elektrizität. Saudi-Arabien gestattete im Mai in einer fünftägigen Feuerpause humanitäre Hilfslieferungen. Riads langer Arm stellte sicher, dass auch in dieser Zeit keine westlichen Reporter in das Land reisten. In Djibouti sorgten sie dafür, dass amerikanische Journalisten ein Flugzeug verlassen mussten, bevor es in den Jemen flog.

          Keine Institution kann den Verfall aufhalten

          Der Krieg beschleunigt den Zerfall des Jemens und das Abgleiten in Anarchie. Die zwei wichtigsten Sicherheitsnetze haben sich aufgelöst. Der jemenitische Staat hatte nie für Sicherheit und Wohlstand gesorgt, er bot lediglich Einzelnen Mechanismen, um sich zu bereichern. Seine Legitimation hat er in den vergangenen Jahren völlig verloren. „Aufgelöst haben sich auch die Stammesstrukturen“, sagt Ahmad Saif, der frühere Leiter des einzigen Thinktanks in Sanaa, des Sheba-Zentrums für strategische Studien. Als Ali Abdullah Salih 1978 Präsident wurde, zog er die Stammesscheichs in das Zentrum der Macht, um seine Herrschaft zu stabilisieren. Die Folge war, dass die Stammesführer Autorität verloren, je mehr der Staat seine Legitimation verlor, so dass heute keine Institution mehr den Verfall aufhalten kann.

          Der Krieg im Jemen trägt die Handschrift des neuen saudischen Königs Salman. Am Vorabend der ersten Bombardierungen war ein Sohn des vorigen saudischen Königs, Mitab Bin Abdullah Al Saud, mit seinem Vermittlungsversuch bei König Salman gescheitert. Mitab beteiligte sich daraufhin mit seiner Nationalgarde, der zweiten Armee Saudi-Arabiens, nicht am Krieg im Jemen.

          Die saudische Regierung arbeitet an der Aufstellung einer 50 000 Mann starken neuen jemenitischen Armee, die von der saudischen Grenzstadt Sharurah in den Krieg im Jemen eingreifen soll. Denn dem früheren Präsidenten Salih war es gelungen, mit den Geldern, die er während seiner 34 Jahre dauernden Regentschaft aus Riad erhalten hatte, den Großteil der jemenitischen Armee auf seine Seite zu ziehen. Salih, an dessen Sturz Saudi-Arabien im Februar 2012 maßgeblich beteiligt war, verbündete sich mit den Houthis, um an die Macht zurückzukehren. Saudi-Arabien fürchte aber, dass die Houthis im Jemen so mächtig werden könnten wie die Hizbullah im Libanon, sagt der Politikprofessor Abdulkhaleq Abdulla in Dubai.

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