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Israelischer Spion : Jonathan Pollard aus Haft entlassen

In Amerika verurteilt, in Israel umjubelt: Jonathan Pollard im Jahr 1998 Bild: AP

30 Jahre nach seiner Enttarnung und Verhaftung in Amerika ist der israelische Spion Jonathan Pollard aus dem Gefängnis entlassen worden. Doch wirklich frei ist er noch nicht.

          Auf den großen Empfang muss Jonathan Pollard noch fünf Jahre warten. Nach 30 Jahren Haft wurde der Amerikaner, der für Israel spioniert hatte, am Freitagmorgen auf freien Fuß gesetzt - auf Bewährung. Denn wirklich frei ist Pollard nicht: Er darf die Vereinigten Staaten fünf Jahre lang nicht verlassen, weder Interviews geben, noch im Internet surfen. Seine Freunde wollten ihm alle E-Mails ausdrucken, in denen dem früheren Nachrichtenoffizier der amerikanischen Marine zu seiner neu gewonnen Freiheit gratuliert wird.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In Israel, wo der 61 Jahre alte Pollard leben will, hätten ihn viele am liebsten sofort unter großem Jubel empfangen. Dort wird der Amerikaner als Held verehrt, der in den Vereinigten Staaten so hart bestraft worden war wie kein anderer Spion, der Geheimnisse an einen Verbündeten verraten hatte. Seit Jahren ließen israelische Präsidenten und Regierungschefs keine Gelegenheit aus, amerikanische Politiker darum zu bitten, Pollard aus seiner lebenslangen Haft zu entlassen. Doch in Washington war man nicht bereit, Pollard zu vergeben, dessen Verrat das Verhältnis zu Israel schwer belastet hat. Trotz aller Appelle war in den vergangenen drei Jahrzehnten kein Präsident bereit, ihn zu begnadigen.

          Ein „Trostpreis“ für Israel?

          Pollard wurde 1985 als Spion entlarvt. Bis dahin arbeitete er seit 1979 als ziviler Nachrichtenoffizier für die amerikanische Marine. Als Jude habe er sich verpflichtet gefühlt, Israel zur Seite zu stehen, sagte er einmal. Zunächst versuchte er vergeblich, die jüdische Lobbyorganisation Aipac für seine Informationen zu interessieren. 1984 wurde er schließlich von einem israelischen Luftwaffenpiloten angeworben und begann, geheime Unterlagen weiterzureichen, wofür er großzügig entlohnt wurde. Angeblich verriet Pollard nicht nur militärische Informationen, sondern auch die Namen von hundert Agenten des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA. Deshalb musste ein neues Agentennetz aufgebaut werden.

          Immer wieder wurde in Israel für Pollards Freilassung demonstriert, wie hier in Jerusalem im Januar 2014.
          Immer wieder wurde in Israel für Pollards Freilassung demonstriert, wie hier in Jerusalem im Januar 2014. : Bild: Reuters

          Nach seiner Entdeckung versuchte Pollard, in die israelische Botschaft in Washington zu fliehen, wo er abgewiesen wurde. Erst im Jahr 1998 gab der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu offiziell zu, dass Pollard für Israel spioniert habe. Schon drei Jahre zuvor hatte Pollard die israelische Staatsangehörigkeit erhalten.

          Als Pollard 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hatte die Anklagebehörde noch angekündigt an, er werde nie wieder das Tageslicht erblicken. Um ihn weiter im Gefängnis zu behalten, hätte die amerikanische Regierung aber nach dem 20. November nachweisen müssen, dass er gegen Haftauflagen verstoßen hat oder die Gefahr besteht, dass er wieder straffällig wird.

          Drei Mal hatte es für kurze Zeit so ausgesehen, als könnte Pollard doch vorzeitig freikommen und sich in Israel niederlassen. Er schien auf einmal zum Ass im Nahost-Poker zu werden. Unter dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton gab es Signale aus Washington, wonach ein israelisches Entgegenkommen gegenüber den Palästinensern mit einer Freilassung des Spions honoriert werden könnte. Als im Frühjahr 2014 die Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern vor dem Scheitern standen, wurde über seine Freilassung spekuliert. Der amerikanische Außenminister John Kerry wollte seine Vermittlungsbemühungen vor dem Scheitern bewahren: Für die Freilassung des Spions hätte Israel 26 palästinensische Häftlinge auf freien Fuß gesetzt. Doch der Austausch kam nicht zustande, die Verhandlungen endeten wenig später ergebnislos.

          Vergangenen Juli berichtete die amerikanische Presse ein weiteres Mal über Überlegungen, Pollard vorzeitig freizulassen. Angeblich wollte man damit in Washington die israelische Empörung über das Atomabkommen mit Iran mildern. In israelischen Medien war von einer Art „Trostpreis“ die Rede.

          Frühestens in zwei Jahren kann Pollard laut Presseberichten darum bitten, dass seine Bewährungsauflagen gelockert werden. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte vor zweieinhalb Wochen in Washington vergeblich an Präsident Barack Obama appelliert, mehr Milde zu zeigen. Am Freitag sagte Netanjahu nach Pollards Freilassung, er habe diesen Tag „herbeigesehnt“. Laut israelischen Presseberichten wies er seine Regierungsmitglieder an, sich mit ihrer Begeisterung zurückzuhalten, um Obama nicht zu verärgern und eine Ausreise Pollards nicht noch zusätzlich zu erschweren.

          Quelle: FAZ.NET

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