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Gaza : Vermisster israelischer Soldat ist tot

  • Aktualisiert am

Das Minarett steht noch: Ein Bild aus Beit Lahia Bild: AFP

Der israelische Soldat Hadar Goldin ist doch nicht entführt worden, sondern tot. Die Armee zieht Truppen aus dem Inneren des Gazastreifens ab, aber die Kämpfe gehen weiter. In Rafah soll eine UN-Schule getroffen worden sein.

          Der entführt geglaubte israelische Leutnant Hadar Goldin ist nach Angaben des Militärs tot. Wie die israelischen Streitkräfte am frühen Sonntagmorgen mitteilten, wurde Goldin schon am Freitag beim Kampf im Gazastreifen getötet. Die Familie des Soldaten sei davon unterrichtet worden.

          Israel hatte mit einem massiven Armeeeinsatz nach dem Soldaten gesucht, von dem vermutet worden war, dass militante Palästinenser ihn am Freitag im Gazastreifen entführt hatten. Truppen durchkämmten im südlichen Gazastreifen Häuser und verdächtige Orte, unterstützt von massivem Artilleriefeuer. Bei den Angriffen wurden zahlreiche Palästinenser getötet. Die meisten dieser Ziele lagen in der südlichen Stadt Rafah und ihrem Umland, wo sich die vermeintliche Entführung ereignet haben soll.

          Spuren eines Angriffs in Dschabalija Bilderstrecke

          Israels Luftangriffe auf den Gazastreifen gingen auch in der Nacht weiter. Nach palästinensischen Angaben wurden bis zum frühen Sonntagmorgen sieben Menschen getötet. 15 Palästinenser seien verletzt worden, berichteten Sanitäter. Einwohner berichteten, dass israelische Kampfjets mehrere Gebiete massiv bombardiert hätten.

          Angeblich UN-Schule in Rafah getroffen

          Am Sonntag gab es anscheinend wieder zivile Opfer in einer Schule der Vereinten Nationen. Das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) teilte mit, ersten Berichten zufolge seien Geschosse nahe einer Schule mit 3000 Schutzsuchenden in Rafah eingeschlagen. Dabei habe es offenbar „zahlreiche Tote und Verletzte“ gegeben. Eine israelische Armeesprecherin sagte, man prüfe den Vorfall. Ein palästinensischer Radiosender berichtete, dass ein Mann auf einem Motorrad den Schulhof angesteuert habe. Womöglich soll der Luftangriff ihm gegolten haben. Dabei seien der Motorradfahrer sowie neun Flüchtlinge getötet worden.

          Nach UNRWA-Angaben haben im Gazastreifen etwa 220.000 Menschen Zuflucht in UN-Schulen gefunden. Dennoch sind die Einrichtungen wiederholt im Mitleidenschaft gezogen worden. Das sorgte international für scharfe Kritik am Vorgehen Israels. Laut Mitteilung des Gesundheitsministerium in Gaza sind bei israelischen Angriffen seit Beginn der Militäroffensive „Schutzlinie“ am 8. Juli schon mehr als 1700 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 9000 wurden verletzt.

          Der bewaffnete Arm der radikal-islamischen Hamas, die Al-Kassam-Brigaden, hatte am Samstagmorgen bestritten, den vermissten Soldaten Hadar Goldin in seine Gewalt gebracht zu haben. „Wir haben den Kontakt zu den an dem Überfall beteiligten Kämpfern verloren, und wir vermuten, dass sie alle bei dem (nachfolgenden israelischen) Bombardement getötet wurden“, hieß es in einer Mitteilung. Dabei sei wohl auch der Soldat ums Leben gekommen.

          Nach Angaben des israelischen Militärs arbeitete die Einheit des Vermissten an der Zerstörung eines sogenannten Terror-Tunnels, als militante Palästinenser sie angriffen. Der unterirdische Gang reichte zwei Kilometer tief in israelisches Gebiet hinein. Die palästinensischen Kämpfer seien aus dem Tunnel heraus aufgetaucht und hätten den israelischen Trupp angegriffen, berichtete die „Jerusalem Post“. Demnach zündete einer von ihnen eine Sprengstoffweste, wie sie Selbstmordattentäter verwenden. Zwei israelische Soldaten wurden dabei getötet.

          Teilrückzug von Bodentruppen

          Unterdessen hat Israel am Sonntag mit dem Rückzug von Bodentruppen aus dem Gazastreifen begonnen. Zudem würden andere Truppenteile innerhalb des palästinensischen Küstengebiets verlegt, sagte ein Armeesprecher und bestätigte damit erstmals offiziell die Einleitung eines teilweisen Abzugs der Bodentruppen. Zugleich kündigte der Sprecher an, dass „schnelle Einsatzkommandos vor Ort bleiben werden, die bei Bedarf gegen die Hamas vorgehen können“.

          Innerhalb von 24 Stunden solle diese Umgruppierung abgeschlossen sein, sagte der Armeesprecher. „Dann wird es eine andere Art von Bodenoperation sein, aber wir werden dort weiter im Einsatz sein.“ Schon am Samstag war gemeldet worden, die israelische Armee habe ihr Ziel, die Tunnel der Hamas zu zerstören, fast erreicht.

          Steinmeier will Gaza kontrolliert öffnen

          Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte eine umfassende Lösung für den Gazastreifen. „Der Status Quo, das zeigen die immer wiederkehrenden militärischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre, ist nicht haltbar“, schrieb der SPD-Politiker in einem Beitrag für die Zeitung „Welt am Sonntag“. „Da leben fast zwei Millionen Menschen auf engstem Raum, von der Außenwelt abgeschnitten, über die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Und kontrolliert wird diese Millionenstadt von einer Gruppe, die das Existenzrecht Israels ablehnt und ihre Waffen in Wohnblöcken und Schulen lagert.“ Damit ist die Hamas gemeint.

          Eine langfristige Lösung kann es nach den Worten des Außenministers nur geben, wenn die Waffen der Hamas in Gaza für Israel nicht mehr eine ständige militärische Bedrohung darstellten, und wenn die Menschen in Gaza auf eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen hoffen könnten. Konkret forderte Steinmeier eine Öffnung von Grenzübergängen unter internationaler Überwachung, damit der Waffenschmuggel unterbunden werde. Dazu solle eine EU-Grenzmission reaktiviert werden.

          Außerdem brauche es einen legitimen und vertrauenswürdigen Partner. „Das kann nicht die Hamas sein, die nach wie vor die Vernichtung Israels fordert, sondern diese Rolle muss wieder die palästinensische Autonomiebehörde von Präsident Abbas übernehmen.“

          Bevor bekannt wurde, dass der vermisste israelische Soldat schon am Freitag bei Gefechten getötet wurde, schrieb Steinmeier in seinem Beitrag: „Die Entführer provozieren eine neue Eskalation und setzen das Leben vieler unschuldiger Menschen aufs Spiel. Wir fordern die sofortige Freilassung des Soldaten Hadar Goldin und die Rückkehr zur Waffenruhe, bevor es noch mehr zivile Opfer gibt. Die schrecklichen Bilder zerbombter Schulen und getöteter Kinder müssen endlich aufhören.“

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