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Israel : Bis ins Mark getroffen

Musste sein Amt nach dem Jom-Kippur-Krieg aufgeben: Verteidigungsminister Mosche Dajan (links), neben ihm der damalige Generalmajor Ariel Scharon Bild: dpa

Vor vierzig Jahren begann der Jom-Kippur-Krieg. Der arabische Angriff auf Israel am 6. Oktober 1973 brachte das Land an den Rand einer Niederlage. Der Schock wirkt bis heute nach.

          Ein dumpfes Dröhnen am Himmel ließ die Menschen am Vormittag des 6. Oktober 1973 aufschrecken. Es war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, an dem ganz Israel stillsteht. „In Jerusalem kann man an dem Tag das Gras wachsen hören, so ruhig ist es. Als die Flugzeuge kamen, wussten wir, dass etwas nicht stimmte“, erinnert sich Avraham Kushnir. Aber erst der schrille Klang der Sirenen am frühen Nachmittag beseitigte die Ungewissheit: Ägypten und Syrien hatten Israel angegriffen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Am Anfang waren wir nicht panisch. Wir wussten nur wenig. Aber uns war klar, dass ein völlig unnötiger Krieg begann“, sagt Kushnir. Kurz darauf klopfte es an der Tür seiner Jerusalemer Wohnung – das Signal für den Reserveoffizier, das weiße Feiertagsgewand auszuziehen und seine Uniform anzulegen. Wenig später setzte sich seine Panzereinheit in Richtung Golan in Marsch.

          Vierzig Jahre liegt der Jom-Kippur-Krieg zurück. Doch die traumatischen Erinnerungen an die Tage im Oktober 1973 sitzen tief. Anfangs war der Schock so groß, dass die Soldaten erst langsam Worte dafür fanden. Jetzt sind die Veteranen 60 oder 70 Jahre alt und erzählen oft stundenlang. Seit dem Jom-Kippur-Fest, das in diesem Jahr schon Mitte September gefeiert wurde, drucken israelische Zeitungen Serien und Extrabeilagen. Im Fernsehen laufen Sondersendungen und Dokumentationen über den einzigen Krieg, den Israel in den ersten Tagen fast verloren hätte.

          Im Juni 1967 hatte Israel in nur sechs Tagen drei arabische Armeen geschlagen und am Ende das Westjordanland, Sinai und den Golan erobert. Danach fühlten sich Politiker und Militärs allen überlegen. „Fünf Jahre später mussten wir einsehen, dass die Armee nicht aus Supermännern bestand. Nach dem Sieg im Sechs-Tage-Krieg wurde Euphorie zum strategischen Konzept. Man hatte den Sinn für die Realität verloren“, sagt der israelische Historiker Tom Segev. Der arabische Überraschungsangriff am jüdischen Versöhnungsfest habe wie ein Beben die Grundfesten des israelischen Selbstverständnisses erschüttert.

          Vergeblich nach Überlebenden gesucht

          Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir und ihr Verteidigungsminister Mosche Dajan fühlten sich so stark und sicher, dass sie noch am Morgen darauf verzichteten, alle Reservisten zu mobilisieren oder einen Präventivschlag anzuordnen. Dabei hatte die israelische Aufklärung am Ostufer des Suezkanal 1.350 Panzer, 2.000 Artilleriegeschütze und 100.000 ägyptische Soldaten gezählt. Ihnen standen auf der israelischen Seite 290 Panzern gegenüber. Auf dem Golan kamen auf einen israelischen acht syrische Panzer. Am Abend des ersten Kriegstages war die Hälfte der israelischen Soldaten am Suezkanal gefallen; die syrischen Panzertruppen standen nur wenige Kilometer oberhalb des Sees Genezareth.

          Am Ende waren 2.691 gefallen – nur im Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 hatte es größere Verluste gegeben. Auch für Reservisten wie Avraham Kuschnir dauerte es eine Weile, bis sie begriffen, wie dramatisch die Lage war. Sie fühlten sich gut gerüstet, als sie die Golanhöhen erreichten. Dann kamen sie an einer verlassenen israelischen Stellung vorbei. Auf einer Pritsche hatte ein Soldat auf seiner überstürzten Flucht die Liebesbriefe seiner Freundin zurückgelassen. „Wenn ein Soldat etwas mitnimmt, dann das“, sagt Avraham Kushnir. In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass wirklich etwas nicht stimmte. Kurz darauf traf die Rakete eines syrischen Kampfflugzeugs einen Mannschaftstransporter seiner Einheit, in dem 14 Kameraden fuhren. Vergeblich suchten sie nach Überlebenden.

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