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Islamischer Staat : Vergewaltigt im Namen des Islams

  • -Aktualisiert am

An Rückkehr ist nicht zu denken: Im Flüchtlingslager Gali Zakho im Nordirak harren 13.000 Menschen in 3000 Wohncontainern aus. Bild: Katharina Eglau

Mit der Eroberung Mossuls durch den IS vor einem Jahr begann auch das Martyrium der Yeziden. Überlebende berichten von Mord, Versklavung und dem Verrat der Nachbarn.

          An jede Sekunde der Flucht scheint sich Hussein Bargas noch zu erinnern. Und an jedes Wort des Emirs des „Islamischen Staats“ (IS), Abu Hamza, der dem Bürgermeister der nordirakischen Yeziden-Gemeinde Hatamijeh erklärte, dass ihm und seinem Dorf nur eine Überlebenschance bliebe: Sie müssten alle Muslime werden. 72 Stunden Zeit gab der Dschihadistenführer dem großen, aufrechten Mann für die Entscheidung zur Massenkonversion. Andernfalls sei das Schicksal seiner Gemeinde besiegelt: „Ihr seid ein Volk ohne Buch, deshalb müsst ihr sterben.“

          Für Bargas und die anderen Dorfältesten stand sofort fest, dass sie die Flucht vor den sunnitischen Gotteskriegern wagen mussten, bevor diese in die Gemeinde im Sindschar-Gebirge einfielen. Schließlich blieb noch ein kleines Zeitfenster, bevor das von Abu Hamza gestellte Ultimatum, sich zum Islam zu bekehren, auslaufen würde. Denn das kam für die Angehörigen der yezidischen Minderheit, in deren Geschichte es schon viele Massaker gegeben hat, nicht in Frage.

          Wie ein moderner Moses geleitete Bargas am Abend des 9. August vergangenen Jahres seine Dorfgemeinde hinaus aus Hatamijeh, die Hänge des Sindschar-Gebirges hinauf. Ein Beschluss, der Hunderten das Leben rettete – während nur ein paar Orte weiter unzählige Menschen dem Gemetzel der IS-Schergen zum Opfer fielen.

          In Kocho etwa, einer benachbarten Yeziden-Gemeinde in den Bergen im Grenzgebiet zu Syrien, verpassten die Bewohner die Chance zur Flucht: Nur eine Handvoll der 420 Männer überlebte dort. Sie wurden erschossen, nachdem sie von ihren Frauen und Kindern getrennt worden waren. Diese wurden verschleppt und versklavt, und viele Mädchen oft gleich mehrfach an unterschiedliche IS-Führer weiterverkauft.

          Ermittlungen wegen Völkermords in Kocho

          Das tragische Schicksal der Gemeinde Kocho ist so gut dokumentiert wie von kaum einem anderen Ort im Nordirak. Kocho wurde vor einem Jahr von den Kämpfern des „Islamischen Staates“ im Sturm erobert. Die Details des Grauens, die eine Handvoll überlebender Männer sowie Frauen, die Monate nach ihrer Entführung befreit werden konnten, schildern, decken sich. Auch der Generalbundesanwalt ermittelt dem Vernehmen nach wegen Völkermordes.

          An eine Auslieferung der Täter freilich ist noch nicht zu denken. Dazu ist die Herrschaft der Dschihadisten in der Ninive-Ebene viel zu gefestigt: Vor genau einem Jahr, in der Nacht auf den 10. Juni, hatten die Männer des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi dort die Millionenmetropole Mossul vollständig eingenommen, ohne dass die Soldaten der Regierungsarmee auch nur einen Schuss abgaben.

          In den Wochen danach dehnte der IS seine Herrschaft Kilometer um Kilometer aus – weiter südlich den Tigris hinab, aber auch im Westen und Norden Mossuls, wo Dutzende Dörfer christlicher und yezidischer Minderheiten in ihre Hände fielen. Mit Massakern an den männlichen Bewohnern und der Verschleppung der Frauen und Kinder legten sie den Grundstein für eine Terrorherrschaft, die bis heute anhält.

          Einfach nur weg: Aus dem Sindschar geflüchtete Yeziden im Qadia Flüchtlingslager in der Provinz Dohuk.

          Zwar ist es den kurdischen Peschmerga gelungen, rund 20.000 Quadratkilometer des vergangenen Sommer vom IS eroberten Territoriums zurückzugewinnen. Doch zurück in die verwaisten und zerstörten Gemeinden wagen sich nicht einmal furchtlose Männer wie Hussein Bargas. „Wir vertrauen den Arabern nicht mehr“, sagt er. Dass viele der einstigen muslimischen Nachbarn im Zuge des IS-Vormarsches mit den Dschihadisten kollaborierten, hat das Vertrauen zwischen den Bewohnern im Grenzgebiet zu Syrien wohl für immer zerstört. „Um zurückzukommen, brauchen wir Schutz, aber den können uns die Iraker nicht gewähren.“

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