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Islamischer Staat : Nach der Methode des Propheten

Sympathisanten des „Islamischen Staats“ marschieren in Mossul (Archivfoto vom Juni 2014). Bild: AP

Am „Islamischen Staat“ ist vieles islamisch, denn er basiert auf einer engen Auslegung der Quellen. So sieht er sich als Teil des Countdown der Apokalypse, was junge Extremisten gerade aus Europa besonders anzieht.

          Es ist Augenwischerei, zu behaupten, der „Islamische Staat“ habe nichts mit dem Islam zu tun und er sei auch kein Staat. Denn der „Islamische Staat“ basiert auf nichts anderem als einer – zugegebenermaßen engen und von der großen Mehrheit der Muslime abgelehnten – Auslegung der Quellen des Islams. Zudem ist der „Islamische Staat“ auch mehr als eine Terrormiliz, als die ihn viele bezeichnen und damit unterschätzen: Er ist ein Staat. Auch das gehört zum Selbstverständnis des Islams. Denn den Muslimen ist seit dem frühen Islam aufgetragen, in einem Staat zu leben. So hat der „Islamische Staat“ viele Institutionen, die einen Staat ausmachen. Nur in einem unterscheidet er sich von allen anderen, klassischen Staaten: Er lehnt Grenzen ab und kennt als einzigen Bezug zur Außenwelt nur den offensiven Dschihad.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Damit knüpfen die Ideologen des „Islamischen Staats“ nahtlos an den Koran an. Wenn im Koran vom Dschihad als dem „Kämpfen auf dem Weg Gottes“ die Rede ist, dann ausnahmslos im Kontext von Kriegen, die mal defensiv, mal offensiv waren. Auf diese Stellen beruft sich der „Islamische Staat“. Den Aufrufen zu kämpfen stehen im Koran aber mehr Aufrufe gegenüber, Frieden zu schließen; auch gibt es im Koran mehr Stellen, die von Vergebung handeln als von Vergeltung. Für heutige Leser ist der Koran, der im Verlauf von 22 Jahren entstand, ein Buch der Widersprüche, so wie andere vormoderne Texte auch.

          Wo steht der Islam im 21. Jahrhundert?

          Seine Auslegung wird dadurch erschwert, dass er sich meist kurzfasst. Mohammeds Zeitgenossen wussten ja noch, auf welche Ereignisse sich eine Sure bezieht. Spätere Generationen wussten das nicht mehr. Deshalb entwickelte sich eine Tradition der Auslegung, welche diese Geschichtskenntnis weitertrug. Die Theologen des „Islamischen Staats“ lehnen diese Tradition der Exegese ab, sie legen den Koran buchstabengetreu aus, Wort für Wort. Sie rechtfertigen damit die Sklaverei (auch wenn die islamische Theologie diese längst verworfen hat), und so begründen sie auch die Kreuzigung ihrer Gegner.

          Über Jahrhunderte war im Alltag der Muslime eine Praxis entstanden, die eine buchstabengetreue Lesart vieler Suren nicht mehr für relevant hielt. Nun zwingt sie die Auseinandersetzung mit dem „Islamischen Staat“ zu einer Standortbestimmung, wo der Islam zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht. Das schließt neben der Exegese des Korans die Überlieferungen des Propheten Mohammed ein. Denn zu den Standardformulierungen zur Rechtfertigung vieler Einzelheiten im „Islamischen Staat“ gehört, dass man der „Methode des Propheten“ folge. So berufen sich jene, die archäologische Kulturschätze erst in Mossul und nun in Nimrud zerstört haben, auf das Vorbild des Propheten, der in der Kaaba von Mekka die Darstellungen vorislamischer Götter zerstört hatte.

          Es ist die Endzeiterwartung im „Islamischen Staat“, die auf potentielle Rekruten eine magnetische Anziehungskraft ausübt. Auch sie ist im Koran angelegt, geriet aber in Vergessenheit. Die frühen Suren sind noch voller Warnungen vor dem unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Gericht. Spätere Suren regeln indes detailreich das Erbrecht; das tut nicht, wer von der Idee des Zeitenendes besessen ist. Der „Islamische Staat“ behauptet hingegen, er beschleunige das Kommen des nahenden Jüngsten Gerichts.

          Countdown der Apokalypse

          Auch dabei beruft er sich auf einen Ausspruch Mohammeds. Der soll gesagt haben, im Norden Syriens werde die „Armee des Westens“ nahe der Stadt Dabiq die „Muslime“ angreifen: Die Muslime schlügen sie vernichtend und eroberten (Ost-)Rom; ein falscher Messias verführe danach kurz die Menschheit, bevor der Messias von Damaskus aus die Menschheit zum Jüngsten Gericht führe.

          Der „Islamische Staat“ sieht sich als Teil des Countdown der Apokalypse. Dazu, so lautet sein Selbstverständnis, bedürfe es eines Kalifats. Dessen Aufgabe sei es, den letzten Kampf gegen das „Böse“ einzuleiten und die Welt von allem zu reinigen, was vom „wahren Islam“ abweiche. Groß ist der Abscheu vor dem sadistischen Horror im „Islamischen Staat“ auch unter den Muslimen. Die Barbarei hat auch den Zweck, eine Intervention des Westens zu provozieren, damit die Endschlacht endlich beginnen könne.

          Dieser apokalyptische Islam zieht offenkundig junge Extremisten gerade aus Europa besonders an, solche, die dort am Rande der Gesellschaft leben und in ihrem Dasein keinen Sinn sehen. Im „Endkampf gegen das Böse“unter einem charismatischen Führer glauben diese Jugendlichen, einem „göttlichen Auftrag“ zu folgen. Diese Verheißung dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass der „Islamische Staat“ in kurzer Zeit mehr fremde Kämpfer mobilisiert hat als jede andere Terrorbewegung vor ihm.

          Leicht wird es der vom Westen geführten Allianz gegen den „Islamischen Staat“ nicht fallen, diesen militärisch in die Knie zu zwingen; denn er ist gut bewaffnet, wird von erfahrenen Offizieren geführt und greift auf eine steigende Zahl von Rekruten aus aller Welt zurück. Um den islamischen Terror dauerhaft zu besiegen, müssen in erster Linie dessen theologische Grundlagen neutralisiert werden. Das aber können nur die Muslime tun.

          Quelle: F.A.Z.

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