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Veröffentlicht: 13.08.2016, 20:56 Uhr

Ägypten Mit dezentem Gebetsfleck auf der Stirn

Ägyptens Machthaber lässt die Muslimbrüder verfolgen. Doch ohne religiöses Mäntelchen kann selbst er das Land nicht regieren. Ist das Land auf dem Weg in eine Moraldiktatur?

von Christian Meier
© AFP Wie sekular wird die Zukunft des ägyptischen Staates?

In der Arabischen Republik Ägypten hat das Chaos viele Gesichter. Beispielsweise stellt es dort bereits eine Form von Chaos dar, wenn jemand während des Ramadans in der Öffentlichkeit isst oder trinkt. So jedenfalls sieht es das Dar al Ifta, eine Behörde, die für den Staat islamische Rechtsgutachten erstellt. Der öffentliche Konsum während des Fastenmonats sei „eine Form von Chaos“, urteilte das Fatwa-Amt kurz vor dem Beginn des zurückliegenden Ramadans im Juni.

Es handele sich nicht um eine Frage des persönlichen Lebenswandels, sondern um eine offen vorgetragene Sünde und eine Verletzung der gesellschaftlichen Integrität. Wenige Tage später führte die Polizei Razzien in mehreren – tagsüber geöffneten – Cafés in Kairo durch, angeblich weil deren Inhaber über keine Lizenz verfügten.

Es war nicht das erste Mal in Ägypten, dass öffentliche Verstöße gegen das islamische Fastengebot geahndet wurden. Gesetzlich verboten ist die Nichtbeteiligung am Fasten jedoch nicht, und so hat der Vorgang die Befürchtungen derjenigen befördert, die das Land auf dem Weg in eine Moraldiktatur sehen.

Ist Ägypten auf dem Weg in eine Moraldiktatur?

Aber hatte der jetzige Präsident Abd al Fattah al Sisi nicht im Jahr 2013 den damaligen Staatschef Muhammad Mursi gestürzt, um einen islamischen Staat zu verhindern? Ist nicht Ägypten ein zwar islamisch geprägtes Land, das aber Glaubensfreiheit gewährleistet und dessen Staatsaufbau säkularen Grundsätzen folgt?

Tatsächlich ist die Frage der Allgemeinverbindlichkeit des Ramadans nur der jüngste Ausbruch eines seit langem schwelenden Konflikts, der die Grundlagen von Staat und Gemeinwesen betrifft – und der weit über Ägypten hinausreicht. In Iran wurde die Idee einer „Islamischen Republik“ 1979 in die Tat umgesetzt.

In Algerien hat der islamistische Terrorismus in den neunziger Jahren bis zu 150.000 Todesopfer gefordert. Und in der Türkei kam mit der AKP eine Partei, die sich auf den Islam berief, erstmals an die Macht. Aber nirgends haben sich so prototypische und für die Region folgenreiche Debatten um das Verhältnis von Islam und Staat abgespielt wie in Ägypten.

Hier wurden die theoretischen Fundamente gelegt, auf denen Parteien wie die Muslimbrüder ihre Vorstellungen einer islamischen Demokratie gründeten. Hier entwarfen islamistische Ideologen die Konzepte, die zur Entstehung von Terrorgruppen wie Al Qaida führten. Hier wurde ein Staatschef ermordet, weil er manchen als ungläubiger „Pharao“ galt.

Wie viel Religion braucht ein Staat?

Hier wurde erstmals ein islamistischer Präsident frei vom Volk gewählt. Hier war aber auch der Widerstand stets am stärksten – nicht nur vom Militär, sondern auch von Seiten säkularistischer Intellektueller, die Religion und Staat getrennt sehen wollten.

Manche dieser Denker wurden ins Exil getrieben, andere umgebracht – und spätestens seit der Restauration nach der Arabellion von 2011 haben sich die meisten Verbliebenen in die innere Emigration verabschiedet.

Die vielleicht prägendste Frage des islamischen Nahen Ostens seit dem Anbruch der Moderne ist dadurch offengeblieben: Wie viel Religion braucht der Staat, und gibt es ein funktionierendes islamisches Staatsmodell?

Für die Vordenker des modernen ägyptischen Staats war die Sache vergleichsweise klar: Europa galt den Reformern des 19. Jahrhunderts als Vorbild. Dass der Religion eine wichtige Rolle zukommt, stand zugleich außer Frage. Kompliziert machte die Angelegenheit der Kolonialismus, der den Nahen Osten sukzessive politisch und wirtschaftlich unterjochte und 1882 auch Ägypten erreichte, in Form einer britischen Besatzung.

Arabischer Nationalismus im modernen Islam

Die folgenden Jahrzehnte waren von erhitzten Debatten im aufblühenden Pressewesen geprägt. Diskutiert wurde dabei vor allem, erstens, ob die offenkundig hinter Europa zurückgefallene islamische Welt sich zu sehr von ihrem Erbe entfernt habe oder zu wenig.

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