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Nach Vorstoß der Extremisten : Die Angst der Christen im Irak

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Ein Zentrum der irakischen Christen: Die Stadt Karakosch liegt nur wenige Kilometer von Mossul entfernt, wo die Terrorgruppe Islamischer Staat herrscht Bild: Skowronek, Agata

Nur wenige Kilometer entfernt stehen die Dschihadisten – daher nehmen die Christen in der Stadt Karakosch den Schutz durch die Kurden dankbar an. Von Bagdad wollen sie sich nicht mehr regieren lassen.

          Misstrauisch schauen sich die Männer um. Vor der langen Mauer, die die Mar-Behnam-Kirche schützt, laufen sie langsam auf und ab und beäugen jeden Fremden. Ihre Augen sind hinter schwarzen Sonnenbrillen verborgen, sie tragen Sturmgewehre. Berichte von einer bevorstehenden Attacke der Terrorgruppe Islamischer Staat haben am Morgen die Runde gemacht, die Stimmung ist angespannt in Karakosch, der größten christlichen Gemeinde in der Ebene von Ninive. Doch die Dschihadisten schlagen an diesem Tag in vier anderen Dörfern in der Nähe zu. Karakosch ist noch immer eine freie Stadt.

          Aber fünf Kilometer südwestlich haben sich die Dschihadisten festgesetzt. Dort beginnt das Reich von Abu Bakr al Bagdadi, dem sunnitischen Extremistenführer und selbsternannten Kalifen, der unbedingten Gehorsam verlangt. Platz für Schiiten, Yeziden, Kurden und Christen gibt es in seinem Kalifat nicht. Bis nach Mossul, der Provinzhauptstadt Ninives, in der vor vier Wochen der Siegeszug der Dschihadisten begann, sind es weniger als 20 Kilometer. Die Kämpfer der kurdischen Peschmerga-Garde waren nach dem Fall Mossuls schneller und rückten vor den islamistischen Extremisten in der christlichen Stadt ein. Spuren des Beschusses, dem der Ort bis vor einer Woche ausgesetzt war, sind an manchen der geduckten Häuser noch zu sehen.

          Der jüngste Angriff der Dschihadisten ist gut eine Woche her. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Das Riesenrad im Vergnügungspark am Ortseingang steht still, müde schleichen ein paar Menschen die verwaisten Gehsteige entlang. 40.000 der 50.000 Bewohner sollen die Flucht ergriffen haben, als die Kämpfer des Islamischen Staats vor zwei Wochen vor den Toren der Stadt standen. Inzwischen sind die meisten zurückgekehrt, aber ihr Alltag ist mühsam. Es herrscht Wassermangel, ständig fällt der Strom aus. Am Straßenrand verkaufen Jugendliche in großen Plastikflaschen Benzin. Die Preise für Treibstoff haben sich seit Beginn der Kämpfe vervierfacht.

          Furcht vor Anschlägen

          Saddam Hussein hatte Karakosch, das die christlichen Bewohner Bakhdida nennen, im Zuge seiner Arabisierungspolitik in Hamdanija umbenannt. Nur ein paar hundert Muslime wohnen hier, der Rest sind syrische und chaldäische Christen, vor allem Katholiken, aber auch einige Orthodoxe. Zwölf Kirchen gibt es im Ort, eine davon liegt gegenüber dem Hauptquartier der Bakhdida-Militäreinheiten, der örtlichen Schutztruppe, deren Männer auch vor der Mar-Behnam-Kirche patrouillieren. Zwei weiße Pritschenwagen mit aufmontierten Maschinengewehren stehen vor dem Flachbau, bewaffnete Männer in T-Shirts und Jeans bewachen den Eingang. Einer hält per Funkgerät Rücksprache mit seinem Vorgesetzten, dann gibt er den Weg frei.

          Bischof Patros Moshe, Oberhaupt der syrisch-katholischen Kirche von Mossul

          Fuad Suleiwa Arab steckt gerade in einer Besprechung. Zwei große Fernseher hängen über der Sitzecke im Büro des Oberkommandierenden der Militäreinheit, die „zu hundert Prozent aus Christen“ besteht, wie er stolz sagt. Auf den Bildschirmen flimmern Live-Bilder von den vier Kontrollpunkten an den Ausfallstraßen von Karakosch. Akribisch durchsuchen Sicherheitskräfte die Kofferräume, die Angst vor Autobomben ist groß. Auch wenn es ihnen nicht gelingt, die Stadt einzunehmen, könnten die Dschihadisten wie zuletzt in Kirkuk durch Anschläge Unruhe stiften. „Wir versuchen alles, um eine Infiltration zu verhindern“, sagt Arab, der Anführer der Christenmiliz. Dank der Überwachungskameras sei er immer im Bilde, was sich rund um Karakosch tue.

          Bagdadi kann sich einen Zweifrontenkrieg nicht erlauben

          Bis vor gut vier Wochen unterhielten hier noch irakische Regierungssoldaten Vorposten. Doch wie in den anderen Gegenden, in die Bagdadis Männer vorstießen, machten sich die Einheiten direkt zu Beginn der Blitzoffensive aus dem Staub. Präsent waren sie ohnehin nur an den Außenrändern von Karakosch, im Stadtzentrum sorgt schon seit Jahren die christliche Schutztruppe für Ordnung. Tausend Mann ist die Einheit stark. Gegen die dschihadistischen Angreifer hätte sie keine Chance gehabt, wäre sie auf sich allein gestellt gewesen, sagt Arab. „Wenn die Peschmerga nicht gekommen wären, wären wir innerhalb von 24 Stunden in die Hände der Islamisten gefallen.“

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