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Irak-Konflikt : Die Angst der Yeziden im Sindschar-Gebirge

Yezidische Flüchtlinge in einer provisorischen Unterkunft in einem verlassenen Gebäude Bild: REUTERS

Tausende Yeziden sind aus Furcht vor dem Terror des Islamischen Staats in die Berge geflohen. Dort versuchen sie nun zu überleben. Ihre Lage wird immer schlimmer.

          Der Berg heißt nicht Musa Dagh, es ist der Dschebel Sindschar, und die, die sich dort vor einem Genozid verstecken, sind nicht - wie es Franz Werfel literarisch verarbeitet hat - Armenier, sondern ein Jahrhundert später irakische Yeziden. Als vor vier Wochen die „Islamische Armee“ den Nordirak überrannte, flohen neben Hunderttausenden Christen auch 400.000 Yeziden. Die einen brachten sich in Irakisch-Kurdistan in Sicherheit, andere im syrischen Kurdengebiet und viele im zerklüfteten Bergmassiv, das sich nördlich der Stadt Sindschar aus der flachen Ebene bis zu 1463 Meter hoch erhebt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In der weiten Ebene am Fuße des kahlen Gebirgszugs und auch auf diesem gibt es nicht viel Möglichkeiten, sich vor den Kriegern des Islamischen Staats zurückzuziehen. Höhlen gibt es nicht, das beste Versteck sind Steine. Schützen müssen sich die Menschen auch vor der gleißenden Sonne und der Hitze von bis zu 45 Grad. Seit der Islamische Staat in Raqqa auch Kampfflugzeuge der syrischen Armee erbeutete, geht bei den Geflohenen die Furcht um, sie könnten auch hier entdeckt werden. Nur in tiefen Schluchten können sie sich den Blicken entziehen.

          Am Fuße des Bergmassivs verteidigen Kasim Schescho und seine Einheit mehrere Tausend Yeziden. Jeden Tag telefoniert er mit seiner Frau und seinem Sohn Adnan Khalaf in Deutschland. Lange dauern die Gespräche nicht. Die Akkus sind rasch leer, nur dank der Autobatterie können sie wieder geladen werden. Er hatte die Einheit am 30. Juli gegründet, um auf den Extremfall vorbereitet zu sein. Einfache Bürger aus der Gegend schlossen sich in ihr zusammen. Unter den Bewaffneten sind auch Greise und Jugendliche, die bisher keine Erfahrung im Umgang mit der Waffe hatten. Kasim Schescho aber hatte bereits in den achtziger Jahren sein Volk vor dem Regime von Saddam Hussein beschützt. Heute ist seine Einheit nur leicht bewaffnet, dem Islamischen Staat könnten sie nicht lange standhalten.

          Katastrophale Versorgungslage

          Katastrophal sei vier Wochen nach der Flucht in die Berge die Versorgungslage, sagt Schescho. Nicht ein Flugzeug hat Lebensmittel abgeworfen, nicht ein Hubschrauber. Die Wasserquelle ist als Folge der Sommerdürre und der Hitze ausgetrocknet, die Wasserbehälter auf den etwa drei Dutzend Häuser des Dorfs, um das sich die Menschen versammeln, haben noch etwas Wasser. Die Wasservorräte werden knapp, am Tag gibt es nur noch eine Mahlzeit. Die irakische Armee hat in der Nähe zwar Wasserflaschen abgeworfen. Die sind beim Aufprall aber zerschellt. Nachschub komme gelegentlich durch einen schmalen Korridor aus der von Kurden kontrollierten Region im Nordosten Syriens.

          PKK-Kämpfer errichten einen Posten im Kampf gegen den Islamischen Staat
          PKK-Kämpfer errichten einen Posten im Kampf gegen den Islamischen Staat : Bild: AFP

          „Ohne die PKK und deren syrischen Verbündeten YPK wären in den vergangenen Wochen viele Tausend Yeziden mehr getötet worden,“ sagt der aus Ostwestfalen-Lippe stammende Yezide Khalaf. „Weit mehr wären verdurstet und verhungert, sie wurden aber gerettet.“ Denn beim Ansturm des Islamischen Staats hatten erst die Einheiten der irakischen Armee ihre Stellungen kampflos geräumt. Dann hatten auch die zahlenmäßig unterlegenen Peschmerga den Rückzug angetreten. Heute, sagt Kasim Schescho, sind im Gebiet der Yeziden nur noch bewaffnete Einheiten der PKK und YPK sowie seine Verteidigungseinheit, die die Yeziden beschützen.

          „Die Kurden der PKK und der YPK stehen an vorderster Front“, sagt Kazim Schescho. Einer von ihnen ist als Verbindungsmann direkt bei den etwas mehr als 2000 Bewaffneten, denen Schescho in einer Schlucht und in einem Dorf vorsteht, deren Namen er aus Sicherheitsgründen nicht nennen will. Immer wieder seien dessen Kämpfer in der Nähe gewesen, konnten sich aber erfolgreich verteidigen. Zu Hilfe kam auch die irakische Armee mit Luftschlägen gegen den Islamischen Staat. Für den ist das Siedlungsgebiet der Yeziden wichtig, da es das Verbindungsstück zwischen dem Irak und Syrien ist.

          Die Männer schlafen unter freiem Himmel

          Frauen und Kinder schlafen auf den Dächern der etwas mehr als dreißig Häuser, die Männer draußen unter freiem Himmel, wobei stets Wachen um das Gelände patrouillieren. Denn Schescho glaubt, die Strategie des Islamischen Staats erkannt zu haben: Auf eine Großoffensive folgt eine Reorganisation, dann setzen die Islamisten zu einer neuen Offensive an. Daher gilt es auf der Hut zu sein, und sich nicht zu früh über die Tage der augenblicklichen Ruhe zu freuen. Schescho bittet daher um militärische Hilfe, die Yeziden zu bewaffnen, bevor der Islamische Staat seine nächste Offensive startet. Es gilt, weitere Massaker zu verhindern.

          Yezidische Flüchtlinge aus der nordirakischen Stadt Sindschar
          Yezidische Flüchtlinge aus der nordirakischen Stadt Sindschar : Bild: REUTERS

          Erst am Mittwoch detonierten in der Stadt Khanke, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Irakisch-Kurdistan entfernt, zwei Mörsergranaten. Neben der lokalen Bevölkerung glaubten sich dort auch mehr als 50.000 yezidische Flüchtlinge in Sicherheit, die jetzt aber wieder in  Angst leben – wie die Flüchtlinge, die Kasim Schescho am Fuße des Sindschar-Gebirges in einer Schlucht verteidigt und die sich bisher nur auf die PKK, die YPK und Scheschos Einheit verlassen können.

          Quelle: FAZ.NET

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