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Islamisten-Offensive im Irak : Der Terror von achttausend Mann

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Ohne Rücksicht auf Verluste: Kämpfer der Dschihadistengruppe Isis in der irakischen Provinz Anbar Bild: AP

Die Islamistengruppe Isis erobert im Irak Stadt um Stadt. Sie mordet und zerstört. Die Welt ist in Angst: Wie kann man die Krieger aufhalten? Gegen den islamistischen Vormarsch scheint sich eine unheimliche Allianz zu formieren.

          Die Verbrechen wurden erst bekannt, als die Kämpfer längst über alle Berge waren. Ende Mai richteten Milizionäre der islamistischen Terrorgruppe Isis in einem türkisch-syrischen Grenzort 15 Zivilisten hin. Sechs davon waren Kinder. Eine Dorfbewohnerin berichtete später: „Als ich ankam, sah ich eine Frau schreien und rufen, dass Isis ihre ganze Familie ausgelöscht habe.“ Amnesty International schrieb am Freitag, das Massaker sei eine Racheaktion an arabischen Bewohnern des Dorfes gewesen. Sie sollten dafür bestraft werden, dass sie die Kurdenmiliz YPG unterstützt hätten. Vielleicht hätten die sunnitischen Extremisten die Opfer aber auch – fälschlicherweise – für Angehörige der Glaubensgruppe der Jesiden gehalten.

          Das Muster ist immer gleich: Egal, ob sie nach Syrien kommen oder in den Irak, überall ermorden die Isis-Kämpfer militärische Rivalen, Andersdenkende und angeblich Ungläubige. Wer sich dem Willen der selbsternannten Gotteskrieger nicht beugt, hat sein Recht auf Leben verwirkt. Nun sind die Extremisten in den Irak vorgerückt; innerhalb weniger Tage gelangten sie von der irakisch-syrischen Grenze bis vor die Tore von Bagdad; die zweitgrößte Stadt des Landes, Mossul, haben sie schon eingenommen. Dort seien in einer einzigen Straße 17 Zivilisten hingerichtet worden, sagte ein Sprecher der UN-Menschenrechtsorganisation. Noch seien die genauen Opferzahlen des Blitzkriegs nicht bekannt. Sie gingen aber in die Hunderte. Schon mehr als tausend Verletzte habe man gezählt.

          Assad hat es möglich gemacht

          Und das Morden ist noch lange nicht vorbei. Während die Welt wie in Schockstarre zuschaut, wie eine irakische Gemeinde nach der anderen fällt, macht Isis in Syrien weiter, wo im vergangenen Jahr ihr Aufstieg vom Al-Qaida-Ableger zur derzeit mächtigsten Islamistenmiliz der Welt begann. Rund um Aleppo, keine hundert Kilometer vom türkischen Ferienort Antakya entfernt, hat sie gerade eine neue Offensive begonnen, um zuletzt verlorenes Gebiet zurückzugewinnen. Während ihre Milizionäre in den Dörfern um Aleppo wüten, zerbombt die Luftwaffe von Machthaber Baschar al Assad die Viertel der Oppositionellen nach Belieben.

          Ohne die Kumpanei des Diktators in Damaskus wäre es Isis nie gelungen, ein Areal zu erobern, das sich allein in Syrien inzwischen über Hunderte Quadratkilometer erstreckt: von Aleppo an der türkischen Grenze zur nordsyrischen Provinzhauptstadt al Raqqa und von dort weiter, den Euphrat hinab, bis hinter Deir al Zour an die irakische Grenze. Auch um diese Stadt zieht sich die Schlinge enger: Isis-Einheiten belagern sie seit Wochen, und Assad hat seine Soldaten schon lange abgezogen. Drei syrisch-türkische Grenzübergänge sind in den Händen der Extremisten, zudem mehrere in der irakisch-syrischen Wüste. Triumphierend posierten Kämpfer Mitte der Woche vor eroberten Geländefahrzeugen der irakischen Armee. Von den Grenzern war weit und breit nichts mehr zu sehen.

          Kolonialgrenzen sind Geschichte

          Isis steht für Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien – einen solchen wollen die Extremisten errichten. Der neue Irak-Krieg hat sie diesem Ziel einen riesigen Schritt näher gebracht. Die Grenzen, die Frankreich und Großbritannien nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs zogen, sind spätestens seit vergangener Woche Makulatur.

          Die Lücke, die zur Erfüllung ihres totalitären Herrschaftsanspruchs bislang zwischen Euphrat und Tigris klaffte, füllten die Isis-Kämpfer in den letzten Tagen mit einer Leichtigkeit aus, die selbst die Regierungen in Washington und London fassungslos zurückließ. Ein solches Debakel hätten sich die Nachfolger von George Bushs „Koalition der Willigen“ gut zehn Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins nicht in ihren schlimmsten Albträumen ausgemalt.

          25 Kilometer vor Bagdad

          Die einstigen Besatzungsmächte hatten die Soldaten im Irak lange geschult, in konfessionsübergreifender Kooperation und Aufstandsbekämpfung. Tausende genau dieser Soldaten flüchteten am Dienstag panisch aus Mossul. Noch am selben Abend stürmten die Islamisten Husseins Geburtsstadt Takrit. Tags darauf nahmen sie die wichtige Ölstadt Baidschi ein und lieferten sich heftige Gefechte mit Regierungstruppen in Samarra.

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