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Die Schlacht um Kobane : „Es besteht die Gefahr eines Massakers“

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Die Einnahme von Kobane durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ scheint nur noch eine Frage der Zeit Bild: AFP

Nach langen Kämpfen droht das von der Terrormiliz IS angegriffene Kobane zu fallen. Asia Abdullah harrt seit Beginn der Angriffe in der Stadt aus. Sie ist Mitanführerin der größten Partei der syrischen Kurden. Ein Interview aus der umkämpften Stadt.

          Frau Abdullah, wie ist die aktuelle Lage, am Dienstag um 14:15 Uhr?

          In einigen Stadtteilen von Kobane dauern die Gefechte zwischen den IS-Terroristen und den Volksverteidigungseinheiten der YPG an. Im Westen der Stadt steht das Stadtviertel Botan unter Beschuss. Von der östlichen Seite der Stadt wird der Stadtteil Kaniya Kurdan angegriffen. Dieser Stadtteil liegt gegenüber vom Mischtanur-Hügel, der zuvor Opfer eines heftigen Angriffs wurde, bei dem modernste Waffentechnik und schwerste Waffen zum Einsatz kamen. Von diesem Hügel aus greifen die IS-Terroristen mit schweren Waffen an, so dass die anderen Kämpfer von ihnen in das Viertel eindringen können.

          Wer verteidigt die Stadt, wie viele Zivilisten sind noch dort? Droht ein Massaker?
          Kobane wird von den Volksverteidigungseinheiten (YPG) und den Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) beschützt. Ich kann keine Angaben über die genauen Anzahl der Kämpferinnen und Kämpfer machen, nur dass eine große Kraft gegen die Angriffe der IS-Mörderbande Widerstand leistet. Im Stadtteil Kaniya Kurdan mussten wir die Zivilisten evakuieren, weil sich die Gefechte dort bis in die Wohnviertel ausgedehnt haben. Die Zivilisten flohen in andere sichere Teile der Stadt. Ein Teil floh über die türkische Grenze nach Nordkurdistan (Südostanatolien). Aufgrund der heftigen Angriffe mit schwersten Waffen durch den IS besteht weiter die Gefahr eines Massakers. Dies sagen wir seit dem Beginn des Angriffs am 15.September nahezu täglich. Durch die Panzer und anderen schweren Waffen hat der IS die Möglichkeit, ein großes Massaker anzurichten.

          Verteidigt Kobane: Asia Abdullah Osman, stellvertretende Vorsitzende der Partei der Demokratischen Einheit (PYD)

          Wie viele Menschen sind in den vergangenen Wochen bereits in die Türkei geflohen?
          Seit dem Beginn der Angriffe wurden die Zivilisten aus bisher über 300 Dörfer evakuiert. Zuvor hatten die YPG-Kämpferinnen und Kämpfer bis zum Ende ihrer Munition diese Dörfer verteidigt. Die Menschen, deren Dörfer geplündert und verwüstet wurden, die kein Hab und Gut mehr haben, alles hinter sich gelassen haben und ausweglos sind, sind in die Türkei geflohen. Das ist ein Großteil der Flüchtlinge

          Was muss der Westen die Staatengemeinschaft tun, um Kobani doch noch zu verteidigen?
          Seit Wochen leisten die Einheiten der YPG unermüdlichen Widerstand, der nun in der Stadt fortgesetzt wird. Um den Widerstand zu unterstützen, bedarf es wirksamer und gezielter Luftschläge. Die YPG hatte im Vorfeld erklärt, dass sie bereit sind, die notwendigen Koordinaten für mögliche Luftschläge an die Anti-IS-Koalition zu übermitteln. Zudem hat die YPG erklärt, dass Panzerabwehrwaffen einen bedeutenden Beitrag im Widerstand und Kampf gegen den IS leisten könnten.

          Welche Folgen hätte der Fall von Kobane?
          Ich hatte auf die Gefahr eines Massakers hingewiesen. Die Bevölkerung ist entschlossen, bis zum Ende Widerstand zu leisten. Derzeit denkt keiner von uns an einen Fall von Kobanê.

          Weshalb sind die amerikanischen Luftschläge gegen IS-Stellungen nicht erfolgreich?
          Wir wissen, dass auch andere Stellungen der IS in Syrien, wie in Raqqa, Tel Abyad und Deir al Zor von der Luft aus bekämpft werden. Diese Angriffe schwächen den IS extrem. Es ist für uns aber unverständlich, warum der IS, der mit Panzern und schwerer Artillerie angreift, in Kobane nicht wirksam von den Koalitionskräften angegriffen wird. Denn die YPG liefern die notwendigen Informationen. Die Luftangriffe, die geflogen werden, reichen nicht aus. Zwar werden einige Stellungen angegriffen, jedoch sind diese eher zweitrangig. Es muss wirksam gegen die Panzer vorgegangen werden, gegen diese Mördermaschinen.

          Weshalb greift die Türkei nicht ein? Wann könnte sie eingreifen?
          Die Türkei hat keinerlei praktische Hilfe bis zum jetzigen Zeitpunkt geleistet. Vielmehr bestärkt sie sogar den IS. Ministerpräsident Davutoglu hat erklärt, dass sie nicht zulassen werden, dass Kobane fallen wird. Das ist lediglich eine verbale Äußerung. Es geht auch nicht mehr nur um Kobane, sondern um den gesamten kurdischen Widerstand. Das beeinflusst die Entwicklungen in der Türkei.

          Was droht in den kommenden Wochen für Efrin du Cizire, den beiden anderen kurdischen Kantonen?
          Die drei Kantone Efrin, Cizire und Kobani sind seit Herbst 2012 ununterbrochenen Angriffen ausgesetzt. Zudem sieht sich Rojava auf allen Seiten einem Embargo gegenüber. Noch weit vor den Angriffen des IS auf Shengal und das Sindschargebirge im Nordirak ist Kobane angegriffen worden. Ein heftiger Angriff wurde damals erfolgreich abgewehrt. Der IS greift mit einem strategischem Fokus die autonome Region Rojava an.

          Auch wenn derzeit Kobane im Zentrum der Angriffe liegt, werden auch die anderen Kantone, insbesondere Cizire, angegriffen. So verloren bei einem Selbstmordanschlag eines IS-Terroristen in Hassake 15 Freiheitskämpfer der Volksverteidigungseinheiten ihr Leben. Sechs weitere Kämpfer wurden verletzt. Gegen diese Angriffe wird die Bevölkerung von Rojava weiter Widerstand leisten. Der Widerstand muss aber die internationale Gemeinschaft erreichen. Da sich beim IS Mörder und Terroristen aus 55 Ländern zusammenfinden und Rojava angreifen, muss der internationale Widerstand dementsprechend erhöht werden.
           

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